Oscar-Analyse: Die große Gießkannen-Gala

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Die Academy bedachte jeden Favoriten-Film, doch ein starker Sieger fehlte. Der Gastgeber provozierte zunächst, versteckte sich aber dann hinter zu viel Musik. Und was hatte eigentlich die First Lady in Hollywood zu suchen? Die 85. Oscar-Verleihung war solide. Doch die Gala braucht mehr Biss.

Craig Zadan hat es geahnt: Bei den Generalproben sei ihm das Gebaren des neuen Show-Gastgebers Seth MacFarlane wie ein Rückfall in selige, aber verstaubte Bob-Hope-Zeiten vorgekommen, sagte der Produzent der Oscar-Show der "New York Times". Der Hollywood-Komiker Hope führte zwischen 1940 und 1978 sagenhafte 14 Mal mit gutmütigem Großvaterwitz durch die Zeremonie.

Derart brav gab sich "Family Guy"-Schöpfer MacFarlane am Sonntagabend im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard dann zum Glück doch nicht. Aber so richtig schlau wurde man aus seinem Debüt nicht: Zu Beginn verblüffte er vor allem das weibliche Publikum mit dem Song "We saw your boobs" über die entblößten Brüste von Hollywood-Aktricen, den er gemeinsam mit dem Gay Men's Chorus of Los Angeles darbot. Auch sorgte er für Empörung im Publikum, als er die Pointe losließ, der einzige Schauspieler, der je wirklich in Abraham Lincolns Kopf habe eindringen können, sei dessen Attentäter John Wilkes Booth gewesen.

Auch die Idee, die verschrobene "Star Trek"-Legende William Shatner alias Captain Kirk an Bord der "Enterprise" als Show-Kritiker aus der Zukunft auftreten zu lassen, zeugte von nerdig-juvenilem Spieltrieb. Aber darin erschöpfte sich dann auch schnell die Innovationskraft des neuen Hoffnungsträgers. Für den Rest der Show blieb MacFarlane, wahrscheinlich auch aus purer Zeitnot, eher blass.

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Oscars 2013: Mehr Biss bitte!
Ein bisschen anämisch, das könnte man generell über die 85. Verleihung der Oscars sagen. Es gab viele erfüllte Erwartungen (Daniel Day-Lewis, Anne Hathaway, Michael Haneke), wenige Überraschungen (Christoph Waltz, Ang Lee) und keine klar erkennbare Haltung bei der Vergabe der Preise.

"Lincoln": Vom Favorit zum großen Verlierer

Mit zwölf Nominierungen war das Historien-Drama "Lincoln" ins Rennen gegangen, am Ende reichte es nur für zwei Oscars: Produktionsdesign und "Bester Hauptdarsteller" - eine heftige Schlappe für Steven Spielberg, der in der Regie-Kategorie gegen Ang Lee ("Life Of Pi") verlor und sich beim besten Film gegen Ben Afflecks "Argo" geschlagen geben musste. Das kann zweierlei bedeuten: Die Academy wendet sich von der traditionellen Art, Filme zu drehen, für die Spielberg steht, zugunsten frischerer Talente und Erzählarten ab. Oder aber man wollte am Ende dann doch keinen so arg patriotischen Film wie "Lincoln" zum Abräumer des Abends machen.

"Zero Dark Thirty": Zu kontrovers für die Academy

Die Oscars und die Politik, das ist ja ohnehin immer eine schwierige Sache. Die Academy zieht sich, wenn es kritisch wird, gerne auf den Standpunkt zurück, man mache eine Entertainment-Show und würdige allein das künstlerische Werk. Entsprechend bekam Kathryn Bigelows mutiger Terror-Thriller "Zero Dark Thirty" nur einen Trostpreis für den besten Tonschnitt, der aber sogar mit dem Bondfilm "Skyfall" geteilt werden musste. Als es noch keine Kongressabgeordneten gab, die lautstark gegen die im Film gezeigten Foltermethoden protestierten, galt Bigelows Rekonstruktion der Jagd auf Osama Bin Laden noch als Top-Favorit.

Übrigens ebenso wie Quentin Tarantinos nicht minder kontroverse Pulp-Oper "Django Unchained", deren Oscar-Buzz sich schnell legte, als die blutig-deftige Sklaverei-Abrechnung eine öffentliche Debatte provozierte. Tarantino bekam immerhin den Oscar für das beste Drehbuch.

"Argo": Perfekter Konsens

Bigelows Co-Autor und Faktenrechercheur Mark Boal verlor in der Kategorie "Bestes adaptiertes Drehbuch" gegen "Argo". Ben Afflecks beherzte und durchaus rasante Mischung aus Politthriller und Hollywood-Farce war in dieser Gemengelage wohl der willkommene Konsensgewinner für die wichtigste der Auszeichnungen, die für den besten Film. "Argo" ist ebenfalls politisch, aber nicht so fahnenschwenkend wie "Lincoln" und nicht so schmerzhaft kritisch wie "Django Unchained" oder "Zero Dark Thirty".

Zudem galt Ben Affleck, der vor einigen Jahren noch das Gespött von Hollywood war, als er in Machwerken wie "Gigli" spielte, als Underdog, der mit "Gone Baby Gone", "The Town" und nun "Argo" bereits drei hervorragende Filme hinter der Kamera gemacht hat, aber bei den Nominierungen in der wichtigen Regie-Kategorie unerwähnt blieb. Knapp ein Fünftel der rund 5800 Academy-Mitglieder sind Schauspieler wie Affleck, da schwingt Mitgefühl und Solidarität ganz automatisch mit.

Auftritt der First Lady: Kuscheln mit der Politik

Zu einem Film wie "Argo", der US-Behörden und Hollywood in schöner Eintracht zeigt, kann dann auch First Lady Michelle Obama als Präsentatorin auftreten - live aus dem Weißen Haus. Ein Novum in der Geschichte der Oscars - und ein irritierend staatstragendes Signal, das der ansonsten gerne demonstrierten Politikferne diametral entgegensteht. Bei näherer Betrachtung wirkt diese vordergründig gelungene Show-Überraschung sehr opportunistisch: Hätte man eine weniger liberale, weniger populäre First Lady auch gebeten? Und wenn nun doch der - immerhin nominierte - "Django Unchained" zum besten Film gewählt worden wäre? Hätte sich Michelle Obama dann im Dienste der Kunst vor einem Millionenpublikum zur Anwältin der afroamerikanischen Rache am weißen Mann gemacht?

All das erweckt den Eindruck, als würden die von sinkenden Quoten und schwindendem Image gehetzten Oscar-Produzenten zurzeit ohne Plan viel ausprobieren: Mal orientiert man sich an den Golden Globes, indem man einen potentiell scharfzüngigen Gastgeber wie MacFarlane anheuert, dann wiederum setzt man mit zu vielen ermüdenden Musik-Darbietungen und einer länglichen Musical-Würdigung auf den Pop-Appeal der Grammys - und verspielt dabei den Bonus, doch eigentlich die größte und glanzvollste Show der Welt bieten zu können.

Mehr Biss bitte

Natürlich, man freut sich mit den Gewinnern, allen voran Christoph Waltz, Michael Haneke, Daniel Day-Lewis, Quentin Tarantino, Ben Affleck und Sängerin Adele ("Skyfall"). Auch der Hauptdarstellerinnen-Oscar für die erst 22 Jahre alte, aber unglaublich talentierte Jennifer Lawrence geht in Ordnung, ebenso wie die Auszeichnung für Anne Hathaway als beste Nebendarstellerin in "Les Misérables". Der Hollywood-Darling war dieses Jahr einfach mal dran, und zum Glück war ihr Triumph kein Anlass für einen Preisreigen auf Tom Hoopers elendes Musical.

Es gibt ohnehin nicht viel, was wirklich ärgert, ein angenehm nivellierender Effekt des Prinzips Gießkanne. Man hätte all diesen großen Talenten nur eine entschiedenere, mutigere und inspiriertere Show als Bühne gewünscht. Ansätze sind ja da: Die Gewinner am Ende ihrer 45 Sekunden Redezeit mit dem bedrohlich schwellenden Soundtrack von "Der weiße Hai" von der Bühne zu jagen, das hat den richtigen Biss.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Lösung
hashemliveloirah 25.02.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Academy bedachte jeden Favoriten-Film, doch ein starker Sieger fehlte. Der Gastgeber provozierte zunächst, versteckte sich aber dann hinter zu viel Musik. Und was hatte eigentlich die First Lady in Hollywood zu suchen? Die 85. Oscar-Verleihung war solide. Doch die Gala braucht mehr Biss. http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscar-analyse-a-885311.html
Da gibt's eigentlich nur eine Lösung: der Markus Lanz muss das ab 2014 moderieren.
2.
Käferfahrerin 25.02.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Academy bedachte jeden Favoriten-Film, doch ein starker Sieger fehlte. Der Gastgeber provozierte zunächst, versteckte sich aber dann hinter zu viel Musik. Und was hatte eigentlich die First Lady in Hollywood zu suchen? Die 85. Oscar-Verleihung war solide. Doch die Gala braucht mehr Biss. http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscar-analyse-a-885311.html
Von den Bildern her wirkt die Veranstaltung genauso lahm und antiquiert wie "Wetten, dass ...".
3.
meinemeinung13 25.02.2013
Das was Sie Gießkannenprinzip nennen, war für den Zuschauer eine schöne Abwechslung zu den letzten Jahren.Nicht zwölfmal dieselbe Leier und dieselben Gesichter,stattdessen ein breites Spektrum an Gewinnern. Eine runde,schöne Sache die ganze Show mit einem super Host.
4. politisches Lehrstück
erlenstein 25.02.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Academy bedachte jeden Favoriten-Film, doch ein starker Sieger fehlte. Der Gastgeber provozierte zunächst, versteckte sich aber dann hinter zu viel Musik. Und was hatte eigentlich die First Lady in Hollywood zu suchen? Die 85. Oscar-Verleihung war solide. Doch die Gala braucht mehr Biss. http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscar-analyse-a-885311.html
Dass Lincoln nicht zum unbedingten Ansehen empfohlen wird wie Django Unchained, finde ich schade. Denn ersterer lefert den notwendigen politischen Hintergrund dieser Zeit, er spielt 1865 und Django 1858. Der Nachschlag zu Django und ein politisches Lehrstück des Machbaren mit einem brillanten Hauptdarsteller. Was mich sehr enttäuscht hat, ist, dass wieder der Darsteller des Django, Jamie Foxx, leer ausgegangen ist, ihn fand ich phantastisch in der Rolle! Wieder gewinnt Waltz, auch sehr gut, aber mit Foxx sollte schon mal ein schwarzer Schauspieler ausgezeichnet werden.
5. Sehe ich ähnlich...
JerryFletcher 25.02.2013
Zitat von KäferfahrerinVon den Bildern her wirkt die Veranstaltung genauso lahm und antiquiert wie "Wetten, dass ...".
Hab mir das ganze Spektakel aufgezeichnet. Heute angesehen. Die Witze des Moderators waren manchmal leicht über, aber meist eben doch auf Lanz-Niveau. Ich habe mal darauf geachtet: Fast niemand von denen, die die Oscars ansagten, hat Stirnfalten, Mimik o.ä. War schon fast komisch, wie diese aufgespritzten, gut ausgeleuchteten Presäntatoren dastanden. Hätte "Lincoln" zu viele Oscars gewonnen, dann wäre das weltweit nicht so gut angekommen, da man ja eine weltweite Show sein will. Fand jetzt den Oscar für 'Argo' ok, hätte es aber 'Life of Pi' eher gewünscht. Subjektiv halt. Ansonsten gingen die Oscars ok.
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