Oscar-Anwärter David O. Russell "Ich würde Filme immer Prozac vorziehen"

25 Oscar-Nominierungen mit nur drei Filmen: Das zwischenzeitlich gefallene Regie-Wunderkind David O. Russell hat sich innerhalb von vier Jahren zum König von Hollywood heraufgearbeitet. Jetzt könnte er mit "American Hustle" im ganz großen Stil triumphieren.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Mr. Russell, Sie waren kaum mit der Oscar-Kampagne für "Silver Linings Playbook" fertig, da haben Sie mit dem Dreh von "American Hustle" begonnen und stecken nun schon wieder mitten in einer anstrengenden Oscar-Kampagne. Warum tun Sie sich das an?

Russell: Was könnte man daran aussetzen, für einen Oscar nominiert zu sein? Man kann Filmproduktion wie eine Art Topfschlagen betreiben, wo man blind drauflos haut und hofft, irgendwann etwas zu treffen. Aber es ist ein Segen, Filme zu machen, wenn man weiß, was für Filme man machen möchte. Mit diesem Ensemble und diesem Film für den Oscar nominiert zu sein, ist auch eine Ode an das Kino - und ich glaube ans Kino und an dessen Magie. Kino darf nicht zur Wegwerfware verkommen, zu einem 3-Minuten-Clip auf YouTube. Filmpreise wie die Oscars oder die Golden Globes stellen einen formellen Rahmen dar, innerhalb dessen Kino als Kunstform gewürdigt wird. Solche Formalitäten mag ich, deshalb schätze ich auch die awards season.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Karriere lagen schon mal fünf, sechs Jahre zwischen Filmen. Was hat Sie an "American Hustle" dazu gebracht, den Film ohne Pause nach dem vorherigen zu drehen?

Zur Person
    David O. Russell, 55, feierte in den Neunzigern Erfolge mit Filmen wie "Three Kings", bevor er 2004 mit der Arthouse-Komödie "I Heart Huckabees" einen massiven Flop landete. Danach musste er sich mit Drehbuchjobs über Wasser halten - bis ihm Mark Wahlberg anbot, Regie beim Boxer-Drama "The Fighter" (2010) zu führen. Der Film wurde von den Kritikern gefeiert und für sieben Oscars nominiert. Mit seinem nächsten Film "Silver Linings Playbook" errang Russell acht Oscar-Nominierungen. Sein neuester Film "American Hustle" bricht nun alle persönlichen Rekorde: Die Trickbetrüger-Farce ist nicht nur Russells kommerziell erfolgreichster Film, er könnte am 2. März auch bis zu zehn Oscars gewinnen.
Russell: Das hat sich einfach so ergeben, das konnte ich nicht erzwingen. Der Film hätte ja auf so viele verschiedene Weisen dann nicht mehr zustande kommen können, jeder der Schauspieler hätte abspringen können. Zu dieser Zeit vor einem Jahr arbeitete ich noch am Drehbuch, da musste ich Geldgebern schon das Projekt vorstellen. Ich fühlte mich aber meiner mutigen Produzentin Megan Ellison verpflichtet und habe einfach den Trailer beschrieben. Das kam mir vor, als steuerten wir auf einem Fluss auf einen Wasserfall zu, und ich würde allen gut zureden, dass sie doch im Boot bleiben sollten, auch wenn der Abgrund nahe ist.
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SPIEGEL ONLINE: Was ist eigentlich spezifisch amerikanisch an dem Betrug oder den Betrügern in Ihrem Film?

Russell: Das kann ich am besten anhand des Wickelkleids von Diane von Fürstenberg erklären. Das ist der Inbegriff eines amerikanischen Kleidungstücks für mich. Zum einen sehr schön und elegant, Sie können es sowohl auf einer Cocktailparty als auch im Büro tragen. Dennoch ist es kein Statussymbol und sehr bequem. Zieht eine Frau dieses Kleid an, sieht man Stoff, aber auch Haut, die Unterwäsche zeichnet sich ab, darüber kommt noch mal eine Schicht Stoff. So konstruieren sich Amerikaner meiner Meinung nach ihre Identität: aus Schichten. So war das auch bei meinem Vater.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Russell: Mein Vater stammte aus einer armen Familie aus Manhattan, er bekam aber einen Job im Vertrieb eines Verlags. Zur Arbeit trug er Anzug und kämmte sich seine wenigen Haare sorgfältig über die Glatze. Äußerlich hatte er mit seinem Vater, einem Schlachter, nichts gemein. Aber innen drin, glaube ich, hatte er immer eine gewisse Angst, dass ihm die Leute das nicht abnehmen. Diese Angst konnte man erkennen, andererseits war er auch ein Typ, dem man nicht blöd kommen durfte - und er hatte auch noch eigene literarische Ambitionen, obwohl er nur in der Geschäftsabteilung eines Verlags arbeitete. So stellen sich Menschen für mich da - sie sind lebende Organismen, immer vieles zugleich.

SPIEGEL ONLINE: Im Vorjahr hat "Argo" bei den Oscars abgeräumt - auch das ein Film in Retro-Ästhetik, der zeigt, wie eng Schauspielerei und das Leben zusammenhängen. Fast scheint es, als würde sich Hollywood von eindimensionalen Heldenfiguren lösen und die Trickser hochleben lassen.

Russell: "Argo" war sehr von den Ereignissen vorangetrieben. Mir geht es um das Gegenteil: Ich nutze Ereignisse als Entschuldigung dafür, den Menschen dabei zuzuschauen, wie sie mit den Auswirkungen umgehen. Was als nächstes passiert und wie sich bestimmte rechtliche oder finanzielle Verwicklungen auflösen, ist für mich nachrangig. Ich möchte den emotionalen Verwicklungen nachspüren.

SPIEGEL ONLINE: In "American Hustle" schwärmen die Figuren von Amy Adams und Christian Bale von einem Stück von Duke Ellington, das unmöglich anfange - statt eines Intros sei man sofort mitten im Stück. Eine Analogie zu Ihrem Film, der einen sofort in die Handlung katapultiert. Wie ist dieser Erzählrhythmus zustande gekommen?

Russell: Dustin Hoffman hat mich gelehrt, dass es legitim ist, beim Filmen einem bestimmten Rhythmus zu folgen. Vorher dachte ich, das wäre Trickserei. Doch Hoffman erklärte mir, dass Rhythmus in allem steckt, was Menschen machen - wie sie gehen, wie sie reden, wie sie denken. Mit seiner offiziellen Erlaubnis habe ich mich dann getraut, Rhythmus in das Drehbuch und die Kameraführung einzubauen, in die Bewegungen der Schauspieler und natürlich in den Soundtrack. "American Hustle" ist überhaupt mein musikalischster Film, so viel gesungen und getanzt wurde bei mir noch nie.

SPIEGEL ONLINE: "Duke Ellington hat mir schon so oft das Leben gerettet", heißt es in "American Hustle". Trifft das auch bei Ihnen zu?

Russell: Bei mir sind es eher Filme, die mir das Leben gerettet haben. Ich würde immer einen Film Prozac vorziehen. Wenn ich furchtbar schlechte Laune habe, schaue ich mir "African Queen" oder "The Lady Eve" an, und freue mich, dass ich am Leben bin. Durch meinen Sohn, der bipolar ist, bin ich mit schweren Depressionen und starken Stimmungsschwankungen in Berührung gekommen. Wenn ich einen Song höre, einen Hamburger esse, einen Film gucke, denke ich: Ach, worüber habe ich mir eben noch mal so den Kopf zerbrochen? Dieses Gefühl versuche ich auch mit meinen Filmen zu vermitteln - die Zuschauer sollen das Kino beglückt verlassen.


"American Hustle" läuft seit dem 13. Februar in den deutschen Kinos.

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klugscheisser64 19.02.2014
1. Weltklasse!!!
"American Hustle" ist ein Ensemblestück, bei dem das Staraufgebot von der Leine gelassen zeigen kann, was in ihm steckt. Prädikat: unbedingt sehenswert!!!
passepastous 19.02.2014
2. I love Huckabees
"American Hustle" ist ein sehr gut gespielter, warmherziger Film mit viel Finesse. Aber sein Meisterstück ist für mich immer noch "I Heart Huckabees" - eine Schande, dass gerade dieser sein größter kommerzieller Flop war. Gut, dass Hollywood neben all den Retortengurken noch echte Individualisten wie ihn ab und an machen lässt.
cola79 19.02.2014
3. Unverständlich
American Hustle ist ein netter Film, aber keineswegs oscarwürdig. Ich mag solche Filme, aber dieser, der war nix. Weder wird da schauspielerisch überragendes oder gar im mindesten Bewegendes geboten (schlecht gespielt wird auch nicht, aber eben auch nicht nennenswert gut), noch ist die Story ein Kracher. Ehrlich gesagt, der Film hat sogar einige unnötige Längen. Zudem sagt er überhaupt nichts aus. Kann man gucken, vergisst man danach gleich wieder. Wenn das einer der besten Filme gewesen sein soll, dann war der Rest aber wirklich unterirdisch-machen RTL und ZDF neuerdings heimlich alle US-Blockbuster? American Hustle war weder witzig, noch traurig, noch lustig, noch spannend. Wie das eben bisweilen so ist, wenn man eine wahre Begebenheit nachspielt. Die Bundeslöschtage böten sich auch an, nur auf über eine Stunde samt Ramenhandlung ausgedehnt wärs wieder Murks. So ist das auch beim Hustle, der vermutlich nur deshalb so viel Bohei in US einfährt, weil da mal super-soft Kritik an der politischen Obrigkeit geübt wird, diesmal auf Regionalebene und nicht bei den Big Ones in DC...
mr.maus 19.02.2014
4. Meine Meinung!
Zitat von passepastous"American Hustle" ist ein sehr gut gespielter, warmherziger Film mit viel Finesse. Aber sein Meisterstück ist für mich immer noch "I Heart Huckabees" - eine Schande, dass gerade dieser sein größter kommerzieller Flop war. Gut, dass Hollywood neben all den Retortengurken noch echte Individualisten wie ihn ab und an machen lässt.
Ich habe "Three Kings" damals völlig falsch eingeschätzt und bin erst nachträglich durch "I ♥ Huckabees" darauf gekommen. Seitdem gehört David O. Russel zu meinen Lieblingsregisseuren- und Autoren. Man kann nur hoffen, dass der Film nachträglich nochmal anders wahrgenommen wird. Ein Oscar für "American Hustle" würde sicher helfen. Es grüßt, Maus
mamacru 22.02.2014
5.
...Three Kings war Unterhaltung auf amerikanisch: niveaulos. American Hustle ist äußerst unterhaltsam, das sind so einige Filme. 12 years a slave ist der Film, der mit Oscars überschüttet werden müsste. Aber daraus wird nix werden: Steve McQueen ist schwarz und Brite
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