Oscar-Anwärter Von diesen Filmen werden wir noch hören

George Clooney, Glenn Close und der großartige Michael Fassbender: Beim wichtigsten Filmfestival in Nordamerika zeichnet sich ab, welche Stars bei der Oscar-Verleihung 2012 abräumen könnten. Und die Filme? Drehen sich um Frauen in Männerkleidern, Moral in der Politik - und einen Sexsüchtigen.

Aus Toronto berichtet

Courtesy of TIFF

Anders als in Berlin, Cannes und Venedig gibt es in Toronto nichts zu gewinnen. Jedenfalls keinen Bären oder Löwen, keine Palme, noch nicht einmal einen Blumentopf. Denn einen künstlerischen Wettbewerb, wie bei den anderen Festivals der A-Liga, gibt es beim wichtigsten Filmfest Nordamerikas nicht. Trotzdem wird jeden Spätsommer in Kanada ein informeller Preis vergeben, und der heißt Oscar-Buzz. In Toronto entscheidet sich früh, welche Filme das Zeug haben, so viel Publicity-Macht und Kritiker-Zuspruch, Publikumsliebe und allgemeines Geraune, sprich: Buzz zu sammeln, dass sie bei der Oscar-Verleihung im kommenden Februar gute Chancen haben.

Natürlich gehört dazu immer auch eine gute Portion Spökenkiekerei, und natürlich wird nicht alles, was Oscar-relevant ist, in Toronto gezeigt, auch wenn das diesjährige Programm mit mehr als 300 Filmen erneut opulent ist. Zur Halbzeit des Festivals kann man trotzdem eine vorläufige Bilanz ziehen, wer womöglich heiß gehandelt werden wird.

Zu wenig Herz!

Wie immer gibt es die typischen Oscar-Filme, deren Setting und Plot schon von weitem so wirken, als wäre die ganze Produktion samt Cast nur auf Goldtrophäen ausgerichtet worden. Zu dieser Kategorie zählt das Frauendrama "Albert Nobbs" des kolumbianischen Regisseurs Rodrigo García, Sohn des Schriftstellers Gabriel García Marquez. Erzählt wird die Geschichte des beflissenen, sehr zarten Hotelkellners Nobbs im viktorianischen Irland. Von nichts träumt Nobbs mehr als von seinem eigenen Tabakgeschäft in Dublins Innenstadt, einer entzückenden Frau und seiner Unabhängigkeit von Standesdünkel und Etikette. Die Erfüllung dieses Traums ist allerdings schwer, denn Albert Nobbs ist eine als Mann verkleidete Frau, die begriffen hat, dass es zu ihrer Zeit unmöglich ist, etwas auf die Beine zu stellen, wenn man dem falschen Geschlecht zugehörig ist.

Verkörpert wird dieser unwahrscheinliche Nobbs mit viel Präzision, Intensität und bestechender Körpersprache von Glenn Close, die auch das Drehbuch mitverfasste und nach fünf Nominierungen in den achtziger Jahren nun für diesen mutigen, gänzlich unpeinlichen, aber sehr berührenden Auftritt verspätet doch noch einen Oscar gewinnen könnte. Ebenso übrigens wie ihre Filmpartnerin Janet McTeer, eine bekannte britische Theater- und Seriendarstellerin, die in "Albert Nobbs" ebenfalls sehr authentisch einen Mann darstellt, allerdings einen ganzen Kerl.

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Pitt und Clooney: Sonnyboys spiegeln Amerikas Seele
Anfang des 20. Jahrhunderts, als gesellschaftlich zumindest schon mal akzeptiert war, dass Frauen beim Sex auch Lust empfinden, spielt David Cronenbergs Psychoanalyse-Drama "A Dangerous Method", das bereits in Venedig Premiere gefeiert hatte. Viggo Mortensen als Sigmund Freud liefert sich hier mit Michael Fassbender alias C.G. Jung ein intellektuell spannendes Duell um die künftige Ausrichtung der von Freud erfundenen modernen Psychotherapie. Zwischen die Fronten platzt die junge Russin Sabina Spielrein (Keira Knightley), die sich wegen ihrer masochistischen Neigung zerfleischt.

Fassbender ("Inglourious Basterds", "Fish Tank") ist brillant in seiner langsam zerbröselnden Rationalität und Arroganz, Mortensen ein stoischer Fels im Spiel der Geisteskräfte - und Keira Knightley ein Sturm an nervöser Emotionalität. Nominierungen für alle drei sollten kein Problem sein. Auch Cronenberg selbst, bekannt als furchtloser Ausloter menschlicher Abgründe ("Crash", "A History of Violence") könnte mit seinem gestochen scharfen und in zahlreichen Stillleben-Bildern fotografierten Psychospiel erstmals Chancen auf einen Academy Award haben. Allerdings fehlt seinem Film der Herzlichkeitsfaktor für einen großen Publikumserfolg.

Tränen bei "New York, New York"

Den hat dafür Lasse Hallströms rührende und geopolitisch interessante Bestseller-Verfilmung "Salmon Fishing in the Yemen" mit Emily Blunt und Ewan McGregor umso mehr, ebenso wie Roland Emmerichs überraschend eindrucksvolles Historiendrama "Anonymous", das Shakespeare als Betrüger entlarvt sowie Bennett Millers aufrechtes Baseball-Drama "Moneyball". Auch Alexander Paynes Roman-Adaption "The Descendants", in dem George Clooney einen Familienvater spielt, der plötzlich allein für seine Kinder sorgen muss, bedient fast alle Kriterien des gediegenen Erbauungskinos, das die Academy immer wieder gerne mit Preisen überhäuft.

George Clooney, der für "Syriana" bereits mit einem Nebenrollen-Oscar ausgezeichnet wurde, dürfte in dieser Saison allerdings bessere Chancen in der Regie- als in der Darsteller-Kategorie haben: Sein Polit-Moralstück "The Ides of March" trifft den Nerv der Amerikaner im beginnenden Präsidentschaftswahlkampf und zelebriert das politische Thrillerkino der siebziger Jahre. Hauptdarsteller Ryan Gosling ("Blue Valentine") könnte sich da schon eher Hoffnung auf seinen ersten Oscar machen, nachdem er 2007 für "Half Nelson" leer ausging.

Land ohne Gewissheiten

Damit wäre man bei den experimentelleren oder besser: gewagteren Filmen der Saison angelangt. Enervierend intensiv und packend in jeglicher Hinsicht, nicht nur, weil pornoartige Sexszenen und beide Hauptdarsteller komplett nackt zu sehen sind, ist Steve McQueens "Shame": Der britische Künstler und Filmemacher erzählt in seinem zweiten Spielfilm die Geschichte eines sexsüchtigen New Yorker Singles (Michael Fassbender), der an seiner Beziehungs- und Emotionslosigkeit beinahe zerbricht. In Venedig wurde Fassbender bereits als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Seine ebenso labile und soziopathische Film-Schwester Sissy wird von Carey Mulligan verkörpert, die in "Shame" nicht nur eine zu Tränen rührende Version des Sinatra-Gassenhauers "New York, New York" singt, sondern sich mit Leib und Seele ihrer zweiten Oscar-Nominierung nach "An Education" entgegenspielt.

Fassbender gilt ohnehin in Branchen- und Kritikerkreisen als kommender Superstar und darf sich für "A Dangerous Method" Hoffnung auf eine Nominierung machen. Die bessere, mutigere Leistung zeigt er jedoch in "Shame", der für die konservative Academy wie auch fürs große Publikum jedoch zu hart und zu explizit sein dürfte. Vielleicht ist es aber auch das Jahr von Woody Harrelson, der den zweiten Spielfilm von Oren Moverman ("The Messenger") fast alleine trägt. In "Rampart", geschrieben von Noir-Legende James Ellroy, spielt er einen strauchelnden Cop in Los Angeles mit einer solchen Präsenz und Intensität, dass selbst große Talente wie Robin Wright und Ben Foster daneben verblassen.

Zu den großen Entdeckungen dieses Festivaljahrgangs in Toronto gehört indes "Take Shelter" von Jeff Nichols. In seinem zweiten Film erzählt der US-Regisseur von einem stinknormalen Mittlerer-Westen-Amerikaner, der auf dem Bau arbeitet, Haus, Familie und Pick-up-Truck hat, aber nachts an apokalyptischen Visionen leidet. Immer wieder sieht er einen gigantischen Sturm über den Ebenen Ohios aufziehen, der Unheil und Verderben bringen wird. Die Grenze zwischen Halluzination und Realität verwischt zunehmend, so dass das beschauliche Leben von Curtis (grandios: Michael Shannon, "Revolutionary Road") und seiner engelsgleichen Frau (Jessica Chastain, "The Tree of Life") zunehmend aus den Bahnen gerät - bis schließlich tatsächlich ein Sturm am Horizont dräut.

Unprätentiös und mit ruhigen Bildern zeigt Nichols das Schicksal eines familiär mit Geisteskrankheit vorbelasteten Mannes, der einer allesfressenden Angst anheimfällt, an seinem Beispiel aber auch die Stimmungslage in einem Land, dem durch Finanzkrise und hohe Arbeitslosigkeit viele Gewissheiten abhandengekommen sind. Ob Nichols schon in dieser Saison Oscar-Reife hat, darf man aber bezweifeln. Im Auge behalten sollte man den erst 33-jährigen Filmemacher allemal.



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
festuca 13.09.2011
1. Immer schön die Augen zu...
Offenbar ist Herrn Borcholte entgangen, dass ab Mitte Dezember der erste Teil der Hobbit-Verfilmung (Regie Peter Jackson) in die Kinos kommen wird. Jackson? Hobbit? Da war doch was? Richtig, der "Herr der Ringe". 30 Nominierungen und 17 Oscars für die Trilogie. Aber das ficht Schöngeister ja nicht an. Ich erinnere mich noch gut an den Verriss im Spiegel, als der 1.Teil in die Kinos kam. Wetten, dass die 2 Teile des "Hobbits" 2012 und 2013 wieder abräumen werden?
theibm 13.09.2011
2. falsches Jahr
Offenbar ist Ihnen entgangen dass der Hobbit erst im Dezember 2012 in die kinos kommt. Da wäre es jetzt doch etwas früh für Vorschusslorbeeren ;)
jamangoo 13.09.2011
3. Augen ...auf!
...Und ganz entspannt bleiben! Bevor Hobbits und Zwerge losschlagen, vergehen noch knapp 14 Monate. Der Jackson Film soll (Unter Vorbehalt) am 13. Dezember 2012 in den deutschen Kinos anlaufen. Was den Autor des Artikels und seine Recherche betrifft, ist das aktuelle Bild gut eingefangen. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle gerne noch einen Tipp hinzufügen. Obwohl sich "Pathe", der französische Verleiher, mit dem Marketing bisher stark zurückgehalten hat - läuft (Aller Vorraussicht nach) am 16. Dezember dieses Jahres ein Film mit dem Titel: "The Iron Lady", zunächst in den USA an. Ab dem 12. Januar auch in den deutschen Kinos zu sehen. http://www.imdb.com/title/tt1007029/
festuca 13.09.2011
4. Das stimmt nicht.
Zitat von theibmOffenbar ist Ihnen entgangen dass der Hobbit erst im Dezember 2012 in die kinos kommt. Da wäre es jetzt doch etwas früh für Vorschusslorbeeren ;)
Der Hobbit soll am 13.12.2011 in die Kinos kommen. Bedingung für eine Teilnahme von Filmen an der Verleihung ist, dass sie mindestens an 7 Tagen des Vorjahres in Kalifornien öffentlich gezeigt wurden. Sogenannte Weihnachts-Blockbuster erfüllen diese Voraussetzung also auf jeden Fall. Genauso war es auch beim des Herrn der Ringe.
Vex 13.09.2011
5. ....
Zitat von festucaOffenbar ist Herrn Borcholte entgangen, dass ab Mitte Dezember der erste Teil der Hobbit-Verfilmung (Regie Peter Jackson) in die Kinos kommen wird. Jackson? Hobbit? Da war doch was? Richtig, der "Herr der Ringe". 30 Nominierungen und 17 Oscars für die Trilogie. Aber das ficht Schöngeister ja nicht an. Ich erinnere mich noch gut an den Verriss im Spiegel, als der 1.Teil in die Kinos kam. Wetten, dass die 2 Teile des "Hobbits" 2012 und 2013 wieder abräumen werden?
Wenn ich mich richtig erinnere gab es nur 2 Oscars für die Herr der Ringe Filme (beide für den dritten) die relevant wären ... also bester Film, Schauspieler oder Regisseur. Und diese beiden Oscars für den dritten Teil waren wohl eher ein Geschenk für die gesamte Trilogie denn der dritte Film ist deutlich schlechter als die beiden davor vor allem das Ende voller Pathos und Kitsch. Herr der Ringe ist pure Unterhaltung und erhebt zum Gück klein Anspruch auf etwas anderes deshalb sind die Oscars aus meiner sicht auch Ok auch wenn sicher keiner der drei Filme zum besten ihres Jahrgangs gezählt haben. Oscars gibts auch mal für gute Unterhaltung allerdings geht es auf vielen Festivals nicht so sehr um Popkornkino. So wird es auch in Toronto sein deshalb wird wohl der Hobbit nicht thematisiert.
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