Oscar-Favorit "American Hustle" Hauptsache, das Haar sitzt

Die Gauner-Farce "American Hustle" erzählt so amüsant wie rasant vom Mythos des amerikanischen Traums und gilt als Oscar-Favorit. Außerdem gibt's Haarteile, Minipli und Dekolletés bis zum Bauchnabel zu bestaunen. Lange sahen die Siebziger nicht mehr so absurd und sexy aus.

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Längsstreifen machen schlank: Der dicke Mann hüllt seinen beträchtlichen Schmerbauch in ein kaffeebraun-weiß gestreiftes Hemd. Dann macht er sich an seine Haare: Erst ein paar Strähnen vom Rand aufrichten, die hohe, kahle Stirn mit Kleber betupfen, das Haarteil draufpappen, eine kleine Tolle ondulieren - und schließlich die hochgestellten Strähnen von beiden Seiten drüberkämmen. Haarspray drüber, fertig.

Mit dieser haarsträubenden Verkleidungsszene im New Yorker Plaza Hotel beginnt "American Hustle". Es ist 1978, und Irving Rosenfeld, der Mann mit dem Haarteil, befindet sich mitten in einem von höchster staatlicher Seite gesteuerten Schwindel. Minuten später wird sein akribischer Frisierjob wieder dahin sein, weil ihm der kecke FBI-Agent Richie DiMasio durch die Haare wuschelt. Eine besondere Grausamkeit, denn DiMasio weiß, wie wichtig das Erscheinungsbild ist: Er selbst legt sich seine glatten Haare jeden Abend in Lockenwickler, damit sie tagsüber schön italienisch gelockt aussehen. Das Ergebnis ist allerdings eher Minipli als Latin Lover. Das Trio infernal der Schlaghosen-Ära komplettiert Sydney Prosser, die ebenfalls Lockenpracht zur Schau stellt. Noch schauwertiger ist ihr stets bis zum Bauchnabel reichendes Dekolleté.

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"American Hustle": Gauner-Ballade auf Oscar-Kurs
Zusammen wollen die drei in dem Nobelhotel den Lokalpolitiker Carmine Polito aus New Jersey hereinlegen. Er soll glauben, dass ein arabischer Scheich viel Geld in neue Spielcasinos in Atlantic City investieren will. Um die Baulizenzen zu bekommen, müssen jedoch allerhand Menschen an höchster Stelle bestochen werden. Und der ahnungslose Polito soll das FBI zu eben diesen korrupten schwarzen Schafen führen.

Eine Bundesbehörde, die sich Gauner-Methoden bedient? So etwas fällt nur Hollywood ein! Irrtum: Das Ganze hat sich Ende der Siebziger in ähnlicher Form tatsächlich ereignet und ging in die Annalen der US-Geschichte als "Abscam" ein, was wahlweise für Araber- oder Abdul-Betrug steht. Regisseur David O. Russell macht daraus eine flamboyante, sehr amüsante, aber auch mitfühlende Farce über Amerika in den Siebzigern und den ewigen Grundmythos des amerikanischen Traums: Du kannst alles sein, was du willst.

Bekanntlich bleiben dabei Gesetz und Moral oft auf der Strecke. Aber das heißt noch lange nicht, dass jeder Gauner gleich ein schlechter Mensch ist. "Hustle"-Held Irving zum Beispiel betreibt eigentlich eine ererbte Kette chemischer Reinigungen. Doch das reicht ihm nicht, er beginnt einen bald florierenden Handel mit gefälschter Kunst. Auf einer Party lernt er Sydney kennen, eine Ex-Stripperin vom Lande, die ebenfalls nach Höherem strebt.

Sympathie für die Sünder

Zwischen der Schönen und dem Schmerbauch funkt es - und alsbald becirct Sydney Irvings Kunden mit dem Charisma einer seriösen britischen Kunstkennerin. Das betrügerische Geschäft floriert, bis der ehrgeizige Agent DiMasio dem Pärchen auf die Schliche kommt und es für seine eigenen Karrierepläne erpresst: Knast oder mitspielen! Während Sydney sich pragmatisch DiMasio hingibt, trägt Irving schwer an der Situation. Nicht nur, dass er sich nach und nach mit Polito (Jeremy Renner) anfreundet, den er eigentlich hereinlegen soll; daheim dauernörgelt auch noch seine Ehefrau, eine frustrierte Vulgär-Blondine, grandios überkandidelt dargestellt von Jennifer Lawrence.

Der elegante, rastlose Flow seines Films, die überbordende und entlarvende Ausstattung mit den modischen Extravaganzen der Siebziger und die herausragenden Schauspielleistungen des zum Fettkloß mutierten Batman-Darstellers Christian Bale (Irving), des hinreißend arroganten FBI-Würstchens Bradley Cooper (DiMasio) und der so smarten wie harten Sexbombe Amy Adams (Sydney), all das machte "American Hustle" zum Darling der diesjährigen Awards-Saison und mündete in zehn hochkarätige Oscar-Nominierungen.

Zu David O. Russells Konkurrenten um den Oscar für den besten Film gehört auch Martin Scorsese, dessen Gangster-Dramolett "Goodfellas" erkennbar Pate für "American Hustle" stand. Scorsese erzählt in "The Wolf Of Wall Street" ebenfalls die Geschichte einer groß angelegten Gaunerei, auch sein Thema ist die Amoralität des Amerikanischen Traums, der Entgrenzungsdrang des Menschen. "In vielen Fällen, nicht allen, ist der Drang, sich neu zu erfinden etwas, was der Schwindler verinnerlicht hat", sagte Scorsese jüngst dem "Hollywood Reporter". Und so ergeht sich der "confidence man" in jener hektischen Betriebsamkeit, dem "Hustle", der ihm einen Platz in der Sonne sichern soll.

Während die Exzesse des Wall-Street-Wolfs Jordan Belfort letztlich jedoch fragwürdig und fremd wirken, schafft es Russell, das mehr oder minder schamvolle Gewimmel seiner Sünder sympathisch und nachfühlbar wirken zu lassen. In einem Amerika, das seinen Glauben an die Möglichkeit einer weißen Weste zwischen Vietnam-Krieg und Watergate-Affäre verloren hat, strecken sie sich nach dem Topf voll Gold am Ende eines verblassenden Regenbogens. Wer will es ihnen verübeln?

All das balanciert Regisseur Russell, der zuletzt mit seinem Borderliner-Drama "Silver Linings" begeisterte, meisterhaft zwischen Screwball-Comedy und feiner Melancholie aus - eine bestechende Symbiose aus Coen-Brüder-Sensibilität und Scorsese-Draufgängerei mit viel Sinn für die Comédie humaine. "Er sieht nicht nach viel aus, aber er hat diese Zuversicht", sagt Sydney einmal über ihren "con man" Irving. Darin mag sich wohl jeder Amerikaner wiedererkennen.

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Oscar-Nominierungen 2014: Die Gewinner, die Verlierer
American Hustle

USA 2013

Regie: David O. Russell

Buch: David O. Russell, Eric Warren Singer

Darsteller: Christian Bale, Amy Adams, Jennifer Lawrence, Bradley Cooper, Louis C.K., Jeremy Renner

Produktion: Atlas Entertainment, Annapurna

Verleih: Tobis

Länge: 138 Minuten

FSK: 6

Start: 13. Februar 2014

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Palisander 13.02.2014
1. Hmmmmm
ja stimmt Haarteile, und der Look sind wirklich toll, auch Amy Adams und Jennifer Lawrence ( die ja sowieso alles zu Gold verwandelt was sie anfasst) sehen Bombe aus und spielen noch besser, aber der Film kommt meiner Meinung nach nicht wirklich in Fahrt. Ausserdem hat man versucht zuviel an Information in die Zeit hineinzubauen. Von Filmen erwarte ich persönlich eine gewisse Geschwindigkeit und eher ein Weglassen unwichtiger Details um die ganze Geschichte nicht ausufern zu lassen. Mein Highlite hier moppeliger mit Haarteil versehener Christian Bale, der seine Rolle wunderbar angelegt hat.
EvilGenius 13.02.2014
2. Gaunermethoden
---Zitat--- Eine Bundesbehörde, die sich Gauner-Methoden bedient? So etwas fällt nur Hollywood ein! Irrtum: Das Ganze hat sich Ende der Siebziger in ähnlicher Form tatsächlich ereignet ---Zitatende--- Hollywood? Ende der Siebziger? Das passiert tagtäglich. Hat der Autor das letzte Jahr in Tibet verbracht? einfach mal "NSA" oder "Snowden" googlen.
SPONU 13.02.2014
3. Ausstattung und Kostüme
...sicher toll. Aber ich bin fast eingenickt; stimme dem Kommentator oben zu: der Film schleicht irgendwie so dahin. Die Dialoge fand' ich jetzt auch nicht so umwerfend spritzig wie in den meisten Expertenmeinungen zum Film beschrieben.
y0urselfishment. 13.02.2014
4. optional
Super Film! Nur, wie Palisander schon sagte, meines Erachtens teils zu langwierig, schwer die ganze Zeit am Ball zu bleiben, viel Konversation, keine Action (doch es wird in einer Szene geschossen!) Bis zum Schluss jedoch spannend, wegen eines doch überraschenden Endes!
yast2000 13.02.2014
5. Das Schweigen der Hämmer
Die Siebziger? War das nicht jene irre Zeit, in der man eine Neurose für die Grundvoraussetzung der Persönlichkeit hielt?
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