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Oscar-Favorit "There Will Be Blood": "Ein Film wie ein ordentliches Steak"

In seinem düsteren Meisterwerk "There Will Be Blood" erzählt P. T. Anderson eindringlich von den Verheerungen, die Kirche und Kapitalismus anrichten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Regisseur über seine intime Beziehung zu Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis und seine Gier nach Oscars.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie im Filmgeschäft schon Typen wie Daniel Plainview, den gierigen, Menschen verachtenden Ölbaron in Ihrem Film "There Will Be Blood", getroffen?

Anderson: Die finden sie überall in Hollywood. Dieser Charakter ist von ihnen inspiriert.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich basiert "There Will Be Blood" auf dem Roman "Öl!" von Upton Sinclair. Doch in Ihrer Adaption haben Sie beinahe sämtliche Details geändert. Wozu brauchten Sie das Buch da überhaupt noch?

Anderson: Das haben wir uns an einem bestimmten Punkt auch gefragt. Aber es gibt da diesen wunderbaren inneren Monolog aus dem Roman. Den habe ich komplett übernommen. Also konnte ich auf das Buch nicht verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Jeder Kritiker scheint Ihren Film zu lieben. Macht Sie so viel Applaus nicht langsam misstrauisch?

Anderson: Irgendwie schon. Und ich frage mich ständig, ob das nun bedeutet, dass die Kritiker meinen nächsten Film nicht mögen werden. Als man mir den ersten Schwung Kritiken schickte, dachte ich sofort: das ist gefährlich. Von hier aus kann der Weg nur in eine Richtung gehen: abwärts. Andererseits bin ich ganz erstaunt über die Großzügigkeit in den Filmbesprechungen. Und damit meine ich nicht die positive Bewertung. Die Journalisten schreiben ihre Kritiken mit einer ähnlichen Leidenschaft, mit der wir diesen Film gedreht haben. Und es ist schwer, darüber nicht gerührt zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung für diese übermäßige Zuneigung?

Anderson: Vielleicht liegt es daran, dass der Film auf eine bestimmte Weise altmodisch ist? Als ich einmal im Fernsehen "Der Schatz der Sierra Madre" sah, dachte ich: genau so einen Film möchte ich machen. Keine Kopie oder Imitation, aber ich wollte meine Geschichte auf genau diese Art erzählen, reduziert auf das Wesentliche, wie ein Theaterstück, inszeniert in der Wildnis. Ich wollte einen Film wie ein ordentliches Steak machen. Es fällt mir schwer, Ihre Frage zu beantworten. Aber ich akzeptiere diese Zuneigung jetzt einfach einmal als Kompliment.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Ihren Film als eine Art Metapher der menschlichen Natur. Sie hätten den Film also auch in einem anderen Land als den USA inszenieren können?

Anderson: Sicher. Ich hätte diese Geschichte überall dort inszenieren können, wo Bodenschätze abgebaut werden. Das stelle ich mir sogar sehr spannend vor.

SPIEGEL ONLINE: Aber sezieren Sie hier nicht die typisch amerikanische Seele und zeigen die Grundpfeiler, auf denen die Vereinigten Staaten gebaut wurden: Kirche und Kapitalismus?

Anderson: Diese Aspekte sind in der Geschichte enthalten. Aber das war nie das Leitmotiv unseres Films. So ein Unternehmen wie Sie es beschreiben, wäre ja kaum realisierbar.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben es realisiert.

Anderson: Vielleicht ist es uns gelungen, weil wir konsequent versucht haben, es nicht zu tun, wenn Sie verstehen was ich meine. Man kann sich verdammt schnell die Finger verbrennen, wenn man versucht einen Film über ein derart schwergewichtiges Thema zu machen. Ich habe einfach versucht, die Geschichte in die richtige Richtung zu lenken, der Rest ergab sich von selbst. Sie werden es nicht glauben, aber wir haben kaum über Kapitalismus gesprochen. Ich glaube sogar, wir haben dieses Wort nie ausgesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Worüber haben Sie denn stattdessen gesprochen?

Anderson: Das ist eine gute Frage. Daniel Day-Lewis, der Hauptdarsteller, und ich haben über das Drehbuch gesprochen. Und die Fragen, die wir uns stellten, waren eher simpler Natur. So nach dem Motto: Soll ich in dieser Szene meinen Hut tragen oder besser abnehmen. Habe ich die Pfeife im Mund oder keine Pfeife?

SPIEGEL ONLINE: Das sollen wir Ihnen glauben!?

Anderson: Ich wusste es. Verdammt! Du machst einen Film über Öl, Amerika und einen Bibelverkäufer und kommst mit diesem Film nach Europa und natürlich wird man mir genau diese Fragen stellen. Trotz allem, ich sehe diesen Film grundsätzlich als Kampf zwischen Männern und deren Familien. Und im Grunde könnten sie auch jeden anderen Beruf ausüben. Ich habe mich eben für das Ölgeschäft entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Daniel Day-Lewis beschreibt Ihre Beziehung als brüderlich, was alles umfasst, von großer Liebe bis wilden Raufereien.

Anderson: Das trifft den Nagel auf den Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchen Gelegenheiten wollten Sie sich den Schädel einschlagen?

Anderson: Mehrfach. Aber das war eher wie ein heftiger Streit unter Verliebten. Die Verstimmung dauerte nie länger als einen Tag. Ich erinnere mich noch sehr genau an unser erstes Treffen. Anschließend erwischte ich mich dabei, wie ich die Straße hinunterhüpfte. Wie ein verliebtes Schulmädchen. Ich dachte: Oh, da beginnt etwas Neues. Und ich rief ihn am folgenden Tag an und sagte: Hallo, Liebling. Aber so läuft es nur im Idealfall. Dann hast du als Regisseur eine romantische Beziehung mit deinen Hauptdarstellern. Nur im Idealfall wird es so intim.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie, dass Sie acht Oscarnominierungen verdient haben?

Anderson: Ich finde, wir verdienen elf Oscarnominierungen. Ich finde, dass da noch ein paar Kategorien übrig sind, in denen auch eine Nominierung drin gewesen wäre. Ist es nicht schrecklich, so etwas zu sagen? Daran ist die Akademie Schuld. Die zerren dich in diese Niederungen. Du denkst zuerst: Das bedeutet mir nichts. Und dann fangen Sie an, dich zu nominieren und du denkst: Wo zum Teufel ist der Rest der Nominierungen? Es ist wirklich grauenhaft. Vor drei Monaten hat mich dieses Thema noch nicht interessiert. Aber sie haben mich erwischt.

SPIEGEL ONLINE: Das süße Gift beginnt zu wirken.

Anderson: Absolut. Ich hänge am Haken und kann nichts dagegen tun. Da hänge ich nun bis Ende Februar. Es ist verrückt.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu Ihren früheren Filmen "Magnolia" und "Boogie Nights", ist "There Will Be Blood" mit knapp 160 Minuten geradezu kurz geraten. Warum so knapp?

Anderson: Als ich "Magnolia" drehte, war ich jung, hatte noch keine Familie und dachte, die Leute würden tatsächlich ins Kino gehen, um sich einen Film anzusehen, der über drei Stunden lang ist.

SPIEGEL ONLINE: War das naiv?

Anderson: Vielleicht war es eher Arroganz.

SPIEGEL ONLINE: Heute wissen Sie mehr über das Filmemachen?

Anderson: Ich schwitze nicht mehr bei jeder Gelegenheit Blut und Wasser. In gewissen Situationen bin ich routinierter. Aber wissen Sie, dann kommen auch wieder diese Tage, an denen ich das Gefühl habe, ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich mache.

Das Interview führte Christian Aust auf der Berlinale

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"There Will Be Blood": Kirche und Kapitalismus


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