Oscar-Gast Burghart Klaußner: "Die hat sich nicht mehr eingekriegt!"

Aus Los Angeles berichtet

Der Film war für den Oscar nominiert, am Ende ging "Das weiße Band" leer aus - für Hauptdarsteller Burghart Klaußner waren die Tage in Hollywood dennoch eine Offenbarung. Wann erlebt man es schon, dass sich Meryl Streep für einen begeistert?

Burghart Klaußner: Filmtalk mit Meryl Streep Fotos
X-Verleih

Die meisten Gäste sind gegangen. Regisseur Michael Haneke, der Enttäuschte, ist längst weg, Christoph Waltz, der frisch Gekürte, hat sich erst gar nicht blicken lassen. Die Reporter, eine Hundertschaft stark, sind ebenfalls abgezogen. Die Kellner räumen die Tische fort, der Barkeeper wischt die Spüle blank. In der Küche klappert das Geschirr.

1.30 Uhr in Hollywood. Burghart Klaußner steht als einer der Letzten am Tresen des "Café des Artistes", einem französischen Restaurant in der Nähe des Sunset Boulevards. Der Darsteller lehnt an einer Säule, in der einen Hand ein Glas Rotwein, in der anderen eine Zigarette. Der Kragen seines Smokinghemds ist offen.

"Die Enttäuschung war natürlich zehn Minuten lang schon da", sagt Klaußner und zieht an der Zigarette. "Aber länger auch nicht, weil, ganz ehrlich gesagt, die Karten waren gemischt."

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Academy Awards 2010: Die Bilder der Oscar-Gewinner

Vor ein paar Stunden noch saß der deutsche Filmpreisträger Klaußner, 60, im Kodak Theatre, wo er die Show im Saal miterlebte, als Gast des Oscar-Anwärters Haneke - und gewissermaßen auch als Co-Nominierter. Denn in Hanekes Film "Das weiße Band" spielt er den Pastor, war also maßgeblich am Erfolg beteiligt und sollte jetzt auch die Früchte miternten - das Ende eines langen Weges.

"Beeindruckend war das", findet Klaußner. Das Oscar-Spektakel hat ihm gefallen, trotz allem und obwohl er ja eher vom Theater kommt, von der ernsteren Seite der Kunst also. "Da sind sehr viele Menschen in diesem Saal. Die wollen wirklich etwas damit sagen, nämlich dass sie den Film ernst nehmen und dass sie ihre Schauspieler und ihre Regisseure verehren." Sprich: Ein Oscar ist kein Kindergarten.

Ein Fan namens Meryl Streep

Klaußner saß im Kodak Theatre einige Reihen hinter Haneke, aber immer noch "relativ weit unten" - neben Susanne Lothar, seiner Kollegin aus "Das weiße Band". Die war vor drei Jahren schon mal hier gewesen, mit ihrem kurz darauf verstorbenen Mann Ulrich Mühe und dem damaligen deutschen Oscar-Beitrag "Das Leben der Anderen". Dessen Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hatte mehr Glück.

Im "Café des Artistes" wollte die deutsche Delegation nun eigentlich einen erneuten Sieg feiern. Hier verfolgten die angereisten Filmleute aus Berlin, Hamburg und München die Gala auf TV-Bildschirmen mit. Doch dann gewann allein der Österreicher Waltz - während Haneke mit dem "Weißen Band" leer ausging. Die Party war daraufhin recht bald zu Ende.

Klaußner ist nicht traurig. Er schaut zurück auf ein paar Tage, die alles übertrafen, was er bisher erlebt hat in diesem Geschäft. Zum Beispiel diese Party in der Privatvilla "von so einem Sony-Boss". Da habe er "die Frau Streep" kennengelernt, die große Meryl Streep, und die habe "Das weiße Band" gleich zweimal gesehen. "Meryl Streep war vollkommen besoffen von dem Film, hat sich gar nicht mehr eingekriegt und jedes Detail gewusst." So "erstaunlich unprätentiös" geht es daheim wohl kaum zu.

In den Hauptrollen: Entertainment und Ernst

Der "bewegendste Moment" sei für ihn jedoch gewesen, als Barbra Streisand den Regie-Oscar an Kathryn Bigelow übergeben habe - zum ersten Mal an eine Frau. Erst recht an eine, die "den männlichsten Film aller Zeiten machte".

Die Angestellten des Restaurants beginnen, den Kachelboden zu fegen. Überhaupt, sinniert Klaußner, wie locker das alles bei den Oscars gewesen sei und zugleich wie professionell. Die Amerikaner hätten eben keine Scheu, Entertainment und Ernsthaftes durcheinander zu wirbeln: "Und das ist nicht immer falsch."

Klaußner lässt sich noch einen Wein bringen. "Besonders beeindruckend finde ich, dass sich die Stars des amerikanischen Kinos zur Verfügung stellen, um bei dieser Veranstaltung aufzutreten, und wenn es nur eine Sekunde ist", sagt er. "Kate Winslet hatte fünf Sätze, und es machte aber unglaublich was her. Tom Hanks trat auf. Sean Penn trat auf. Barbra Streisand trat auf. Das war schon so ein Community-Feeling."

Draußen räumen die Bauarbeiter die Betonbarrikaden rings um das Kodak Theatre fort. An den Straßenecken, wo sich die Fans gedrängelt haben, stapelt sich der Müll: Cola-Becher, McDonald's-Schachteln, Plastiktüten. Die große Show ist vorbei. Bis zum nächsten Jahr.

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Das Oscar-Schaulaufen: Geht's noch schöner?
Die Oscar-Gewinner 2010
Bester Film "The Hurt Locker" (Produktion Kathryn Bigelow, Mark Boal, Nicolas Chartier, Greg Shapiro)
Hauptdarstellerin Sandra Bullock, "The Blind Side"
Hauptdarsteller Jeff Bridges, "Crazy Heart"
Nebendarstellerin Mo'Nique, "Precious"
Nebendarsteller Christoph Waltz, "Inglourious Basterds"
Regie Kathryn Bigelow, "The Hurt Locker"
Nicht-englischsprachiger Film "El Secreto de Sus Ojos", Argentinien
Adaptiertes Drehbuch Geoffrey Fletcher, "Precious" nach dem Roman "Push" von Sapphire
Original-Drehbuch Mark Boal, "The Hurt Locker"
Kamera Mauro Fiore, "Avatar"
Schnitt Bob Murawski und Chris Innis, "The Hurt Locker"
Ausstattung Rick Carter, Robert Stromberg und Kim Sinclair, "Avatar"
Kostümdesign Sandy Powell, "The Young Victoria"
Ton Paul N.J. Ottosson und Ray Beckett, "The Hurt Locker"
Ton-Schnitt Paul N.J. Ottosson, "The Hurt Locker"
Maske Barney Burman, Mindy Hall und Joel Harlow, "Star Trek"
Spezial-Effekte Joe Letteri, Stephen Rosenbaum und Andrew R. Jones, "Avatar"
Original-Filmmusik Michael Giacchino, "Up"
Original-Song Ryan Bingham und T Bone Burnett, "The Weary Kind" aus "Crazy Heart"
Kurzfilm Joachim Back und Tivi Magnusson, "The New Tenants"
Animationsfilm Pete Docter, "Up"
Animations-Kurzfilm Nicolas Schmerkin, "Logorama"
Dokumentarfilm Louis Psihoyos und Fisher Stevens, "The Cove"
Kurz-Dokumentarfilm Roger Ross Williams und Elinor Burkett, "Music by Prudence"

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Forum - Oscarverleihung 2010 - Hat die Academy richtig entschieden?
insgesamt 441 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. OSCAR-Theater.
GunB 08.03.2010
Zielvorgabe: Deutschsprachige Schauspieler für OSCAR nominieren. Notwendige & hinreichende Bedingung: Nazirolle in Ami-Movie. Nebenwirkung: Vorurteile gegenüber heutigem Deutschland durch oberflächliche Amis. Frage: Besteht unsere Geschichte nur aus 12 Jahren Naziterror? Fazit: OSCAR wichtig? Nein.
2.
myschkin64 08.03.2010
Zitat von sysopChristoph Waltz hat einen, Sandra Bullock auch und gleich in sechs Kategorien gewann das Irakkriegsdrama "The Hurt Locker". "Avatar" ging dagegen in den wichtigen Kategorien leer aus. Die Oscars 2010 sind verliehen, sind die Entscheidungen der Academy richtig?
Richtig oder falsch, darüber lässt sich gerade nach Preisverleihungen immer schön streiten. Mich freut es jedenfalls für Christoph Waltz, der in den Inglourious Bastards unglaublich spielte - und der immer schon einer meiner großen Lieblingsschauspieler war.
3.
shaim74 08.03.2010
ösi-nazi-oscar.
4. Waltz sagt :
systemfeind 08.03.2010
Zitat von sysopChristoph Waltz hat einen, Sandra Bullock auch und gleich in sechs Kategorien gewann das Irakkriegsdrama "The Hurt Locker". "Avatar" ging dagegen in den wichtigen Kategorien leer aus. Die Oscars 2010 sind verliehen, sind die Entscheidungen der Academy richtig?
"Quentin und seine ganz eigene Art zu führen " . Aha . man bemerkt die Absicht und ist verstimmt . Nur noch peinlich : brd systemknechte biedern sich bei der hollywoodpropagandamaschine an ; immer die Badekappe aufm Kopp und die Creme griffbereit . "es reibt sich den Kopf mit der Lotion ein , wann immer man es sagt "
5. die beste Figur
perpendicle 08.03.2010
Zitat von sysopBekommt Christoph Waltz seinen Oscar? Wird "Avatar" mit Preisgold überschüttet? In Hollywood werden die begehrtesten Filmpreise der Welt vergeben. Verfolgen Sie im SPIEGEL-ONLINE-Liveblog, wer einen Goldjungen mit nach Hause nehmen darf. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,682028,00.html
Na ja, was am erfolgreichsten an den Kinokassen ist, ist für die Jury nicht auch gleich der beste Film. Christoph Waltz hat in dem "Italo German" ( die Nazis halten inzwischen ja für ein eigenes Genre her) "Inglorious Bastards" in seiner Rolle als "küss die Hand" SSler, nicht nur mit Originalität geglänzt . Gerade als Genieser "der nur seinen Job macht", wohin man ihn auch schickt, aber angewidert seine Zigarette im Schlagobers des Apfelstrudels ausdrückend plant "letztlich vom eleganten Genießer zum Überläufer zu werden, dürfte in dieser Rolle auch alle kritischen Bedenkentrüger befriedigt haben: Es gab nicht nur Überzeugungstäter (?) Das skurrile Drehbuch aus Fiktion und Wirklichkeit mit der Komponente "political correctness" ist typisch für Tarantino und kaum jemand merkt dabei, um was es ihm dabei geht. Übereinstimmungen mit wirklichen Personen sind dabei oft aber nicht "rein zufällig" und so war auch die große Überraschung eigentlich auch wieder keine: Der Hauptpreis für den "besten " Film" " went to" "The Hurt Locker" instead of James Cameron`s "Avatar " Auch ich habe den Film, der im Kino ein ein Flop war, nicht gesehen, gehe aber davon aus dass er wesentlich patriotischer ist. Avatars Drehbuch enthielt einige interessante Überlegungen wie das "Paradies war ein Dschungel" mit der Konsequenz einer sich nicht entwickelnden Gesellschaft und bearbeitete auch andere Ideale. Vieles darin war zwar naturwissenschaftlich vielleicht korrekt, bestand aber auch aus einigen nicht hinterfragten Klischees, wodurch die Handlung teilweise etwas zu "seicht" geriet und sich die Entwicklung etwas zu einfach machte. Die dadurch aber etwas wirkende kindliche Message war einfach und überzeugend, kam gut an und war damit trotz einiger beängstigender Szenen ab 12 freigegeben. der Preis für die beste Kamera und die special effects war aber mehr als verdient Man weiß aber: für einen Oskar braucht es schon einen gehörigeren Schuss überzeugenden Patriotismus mehr und nicht politische Anspielungen wie sie sich weder James Cameron oder Ridley Scott verkneifen können Hat James Cameron für seine Titanic Schnulze noch einen Oskar bekommen , so hat Ridley Scott dies inzwischen sicher aufgegeben . Er bekam noch immer keinen. Scott lässt sich und sein Markenzeichen , den analytischen Geist nicht korrumpieren weder druch eine goldene Statue noch durch softes brainwashing. Dafür überzeugte er - anders als z B Ron Haward der mit "A beautiful mind" eine Eintagsfliege blieb ,bisher auch immer wieder das Publikum durch seine sehr ansprechenden und intelligenten Loglines.
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