Oscar-Gewinner Christoph Waltz: Servus, Hollywood!

Aus Los Angeles berichtet

Christoph Waltz: Zweiter Oscar Fotos
REUTERS

Christoph Waltz hat geschafft, was keinem anderen seiner Generation gelungen ist: Er hat sich als deutschsprachiger Schauspieler in Hollywood durchgesetzt. Für seine Rolle in "Django Unchained" hat der Österreicher nun seinen zweiten Oscar bekommen - und lässt sich in den USA feiern.

Wieder mal ist er der Erste. Ein Omen: Auch in 2010 wurde seine Kategorie ganz zu Anfang verkündet - und er gewann. Trotzdem muss er noch zittern, fast 20 Minuten lang, während sich Oscar-Conferencier Seth MacFarlane durch seine schier endlose Eröffnungsnummer quält.

Erst dann, nach allerlei Singen, Tanzen und müden Witzen, reißt Octavia Spencer, Oscar-Gewinnerin vom vorigen Jahr, den Umschlag auf und ruft seinen Namen: "Christoph Waltz!"

Kurz darauf steht der Österreicher hinter der Bühne des Dolby Theatre in Hollywood, den Oscar, seinen zweiten, locker im Arm. Er wirkt immer noch wie benommen. Wie er sich fühle? "Raten Sie mal", gibt er zurück, nach Worten suchend. "Es ist, glaube ich, fünf Minuten her, dass ich das bekommen habe. Oder sieben."

Der obligatorische Gang vor die Reporter hinter der Bühne fällt ihm immer noch schwer, auch beim zweiten Mal. Ungeduldig wippt Waltz auf den Schuhen, blinzelt höflich in diese und jene Richtung, während im Hintergrund das Oscar-Orchester fidelt. Er wirkt kleiner, schmächtiger als sonst. "Hello, Mr. Waltz", flötet ihn jemand auf Englisch an. "Es wäre schön, wenn Sie vielleicht mal auf Deutsch antworten könnten."

Waltz lächelt. Es ist jenes kaltblütige Lächeln, mit dem er auch Dr. King Schultz veredelt hat, jenen charmant-mordenden Kopfgeldjäger aus "Django Unchained", der ihm nun erneut den höchsten Filmpreis beschert hat. "Nein", sagt er sanft. "Ich antworte für jeden auf Englisch."

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Unbeholfener Charme

Damit ist es endgültig: Christoph Waltz, Sohn eines Deutschen und einer Österreicherin, gehört zu Hollywood. Ein langer Weg: In Wien geboren und studiert, Karrierestart in Zürich, Theater in Großbritannien, zahllose TV-Nebenrollen in Deutschland, darunter auch ein "Tatort"-Kommissar, fast 26 Jahre ist das her. "Wunschlos tot" hieß die Folge. Jetzt scheint er wunschlos glücklich.

Denn längst schlägt sein Herz in Hollywood - und nun umarmt ihn Hollywood kräftig zurück.

Er kann's dennoch immer noch nicht fassen. "Ich stand auf einer Liste mit den großartigsten Schauspielern, die es gibt, mit Robert De Niro, mit Alan Arkin, mit Tommy Lee Jones, mit Philip Seymour Hoffman", sagt er. "Was glauben Sie, wie man sich fühlt, wenn auf einmal sein Name in diesem Zusammenhang genannt wird? Ich kann es Ihnen nicht sagen."

In der überkandidelten Song-and-Dance-Show der Oscar-Verleihung wirkt Waltz' unbeholfener Charme erfreulich deplatziert. Anders als andere, die in dieser Scharade aufgehen, bleibt er ewiger Laie. Oder er tut zumindest so. Das beginnt schon auf dem roten Teppich. In Horden prozessieren die Stars an den Kameras vorbei, die Damen mit langen Schleppen, die Herren im Smoking. Waltz trifft relativ früh ein, vor der "Rush Hour" kurz vor Beginn der Show, und versucht erst - seine Ehefrau Judith Holste an der Hand - sich unbelästigt durchzumogeln.

Doch Chris Connelly, der Ansager am "Carpet", fängt ihn gleich ab. Wie geht's, Mr. Waltz? "Ein bisschen besser als beim letzten Mal", murmelt der. "Ich weiß, wo ich rein- und rausgehe."

"Keine Rede vorbereitet"

Das letzte Mal war wie ein Traum. "Das war so überwältigend, dass ich die Hälfte gar nicht mitbekommen habe", hat er sich zwei Tage zuvor im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erinnert. "Ich war total eingeschüchtert. Jetzt ist eigentlich die Freude viel größer."

Vor drei Jahren scheute Waltz die Presse noch. Heute ist auch er darin schon routinierter, ein Rädchen in der Hollywood-Maschinerie, "im Korsett", wie er es nennt, von Publizisten und Agenten - und immer noch galant. "Wir kennen uns doch", begrüßte er einen im Büro seiner PR-Managerin in Beverly Hills, in - gespielter? - Erinnerung an eine frühere Zufallsbegegnung.

Die Scheu ist nicht ganz gewichen. Am Sonntag auf dem roten Teppich, nachdem ihn Ansager Connelly in den Star-Stau entlassen hat, rauscht Waltz erst wie mit Scheuklappen ins Theater, unter dem enormen Goldvorhang hindurch. Doch seine Aufpasser fangen ihn wieder ein und lassen ihn erneut durchs Spalier wandern - diesmal gemesseneren Schrittes.

Nicht mal eine Dankesrede hat Waltz parat. "Ich hatte keine Rede vorbereitet", gesteht er hinterher. "Aber ich hatte mir etwas überlegt." Und zwar dankt er, bevor er sich artig verbeugt, zuallererst seinen Mitbewerbern - und dann seinem Alter Ego, Dr. King Schultz. Und damit eigentlich dessen Schöpfer, dem "Django"-Regisseur Quentin Tarantino, mit dem Waltz längst eine enge Freundschaft verbindet.

"Wir waren auf einer Heldenreise", sagt er. "Der Held hier ist Quentin. Und du erklimmst den Berg, weil du keine Angst davor hast. Du erlegst den Drachen, weil du keine Angst davor hast, und marschierst durchs Feuer, weil es das wert ist." Wem diese Worte bekannt vorkommen: Sie stammen von Dr. Schultz, der in "Django" die Siegfried-Sage zitiert. "Sorry", grinst Waltz. "Ich konnte nicht widerstehen."

Das Enfant Terrible und der Charmeur

Es sind aber vor allem auch Tarantinos Worte. Ihnen verdankt Waltz seinen Erfolg - schon in "Inglourious Basterds", mit dem er 2010 seinen ersten Oscar gewann. Und nun in "Django": "Quentin schreibt Poesie, und ich mag Poesie." Tarantino gibt das Kompliment zurück. "Boy, oh boy", keucht er, als er mit seinem eigenen Drehbuch-Oscar hinter der Bühne aufkreuzt, Krawatte schief, Haar zerzaust. "Ich will den Schauspielern für das danken, was sie mit meinem Skript gemacht haben." Nur deretwegen, sagt er, "stehe ich jetzt hier".

Waltz ist der einzige deutschsprachige Schauspieler seiner Generation, der so in Hollywood Fuß gefasst hat. "Das ist nicht immer so einfach", sagt er über sein Leben zwischen den Welten. "Aber ich finde es immer einfacher, hierherzukommen als dorthin." Dorthin: Das ist Deutschland, Österreich, die Schweiz. Deren Kulturverständnis wird ihm immer fremder, diese künstliche Trennung zwischen "E und U", die "Missachtung und Herablassung", wie er sagt, über Hollywoods bunten Kessel aus Kunst, Kommerz und Kitsch.

Und keiner symbolisiert diese Mischung besser als Quentin Tarantino. Dass der nun ausgerechnet in dem Ex-Burgschauspieler seine Muse gefunden hat, ist die große Ironie.

Gemeinsam ziehen sie anschließend durch die Nacht, vom Governors Ball bis zur "Vanity Fair"-Party, das Enfant Terrible aus Tennessee und der Charmeur aus Wien. Anders als sein Landsmann Michael Haneke, der seinen Oscar für "Liebe" über einem Teller Gulasch in der Residenz der österreichischen Generalkonsulin feiert.

Als Haneke zu Bett geht, ist Waltz noch lange unterwegs: "Ich bin bis mindestens zwei Uhr ausgebucht."

Mehr noch: Waltz macht die Nacht durch und sitzt am Montagmorgen schon gleich wieder auf der Bühne des Dolby Theatres, als Gast der TV-Talkshow "Live With Kelly and Michael". Wo er denn seinen zweiten Oscar hinstellen werde, will Moderatorin Kelly Ripa wissen. Waltz grinst und sagt nur: "Neben den anderen."

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insgesamt 75 Beiträge
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1. na ja
cücü 25.02.2013
Zitat von sysopChristoph Waltz hat geschafft, was keinem anderen seiner Generation gelungen ist: Er hat sich als deutschsprachiger Schauspieler in Hollywood durchgesetzt. Für seine Rolle in "Django Unchained" hat der Österreicher nun seinen zweiten Oscar bekommen - und lässt sich in den USA feiern. Oscargewinner Christoph Waltz im Porträt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscargewinner-christoph-waltz-im-portraet-a-885381.html)
Er ist ein sehr guter Schauspieler, jedoch lassen seine Oscars bei mir einen schalen Beigeschmack. Womit hat er sie gewonnen? Beide Rollen sind praktisch die Karikatur eines Deutschen, beide geschrieben von Tarantino. Kann er was (gaenzlich) anderes spielen und damit Oscar holen? Das waere interessant zu wissen. Dass er als deutschsprachiger Schauspieler die Karikatur des Deutschen in Hollywoodfilmen darstellt, das ist bei aller Sympathie, keine grossartige Performance.
2. Waltz= Hype
megaptera 25.02.2013
Die schauspielerische leistung Waltz' sei unbenommen, und Django mit Monatskarte habi noch nicht gesehen (werde ich auch nicht). Beim 1. Oscar wars wohl das "Bingo", was ihm den Preis eingebracht hat - überspitzt gesagt. Der Film war nämlich Murks (hoch 10) und Sturmbannführer landa für mich nun nicht besonders herausragend.
3.
barlog 25.02.2013
Nichts gegen die Schauspielkunst von Herrn Waltz, aber manchmal drängt sich doch der Gedanke auf, wie seine Karriere in den letzten Jahren verlaufen wäre, hätte nicht der (bekanntlich extrem launische) Herr Tarantino beschlossen, ihn zu seiner "Muse" zu machen. Man darf gespannt sein, wie der Weg des Herrn Waltz, den hiesige Sichtweisen so zunehmend befremden, in Hollywood ohne seinen großen Gönner verläuft.
4. Waltz ist (auch) Deutscher
geleb 25.02.2013
Schon interessant, dass in den Medien Migranten, wenn es um Probleme geht, ausschließlich als Deutsche bezeichnet werden, sobald sie einen deutschen Pass haben, ein Oscar-Gewinner jedoch, der bis 2010 ausschließlich den deutschen Pass besaß und somit völkerrechtlich einwandfrei ein Deutscher war, und der heute beide Staatsangehörigkeiten besitzt, ganz selbstverständlich als Österreicher bezeichnet wird. Mag sein, dass Waltz sich selbst als Österreicher sieht, dann müsste man dies allerdings auch den meisten Migranten unterstellen, die den deutschen Pass nicht aus Überzeugung, sondern wegen der damit verbundenen Vorteile besitzt. Ein Kompromiss wäre, ihn zukünftig in Anlehnung an die Deutsch-Türken als Deutsch-Österreicher zu bezeichnen.
5.
barlog 25.02.2013
Zitat von megaptera.. . Der Film war nämlich Murks (hoch 10) und Sturmbannführer landa für mich nun nicht besonders herausragend.
In diesem Film war die Leistung des Herrn Waltz das Herausragende schlechthin, dann kam eine Weile nichts und dann ein paar steife Figuren mit Brad Pitt an der Spitze und einem gewissen Herrn Schw. am Ende.
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