Oscar-Hoffnung Lisy Christl Die deutsche Spitzenschneiderin

Die Berlinerin Lisy Christl ist für einen Oscar nominiert. Für ihre Kostüme in Roland Emmerichs Shakespeare-Film "Anonymus" reiste sie durch halb Europa und kaufte Spitze gleich kofferweise ein. Und manchmal griff sie sogar zum Lötkolben, um einem Kleid den letzten Schliff zu geben.

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Anne Haeming

Erst vor drei Stunden ist sie wieder in Berlin-Tegel gelandet, der Rosenstrauß auf ihrem runden Esstisch ist ein bisschen eingetrocknet. Lisy Christl war ein paar Tage weg, auf einem Trip, den nur wenige machen dürfen: Sie war beim Oscar-Lunch, zu dem traditionell alle Nominierten eingeladen werden. Wenn sie in knapp zwei Wochen wieder rüberfliegt, könnte die 47-Jährige für ihre Kostüme im Roland-Emmerich-Film "Anonymus" einen Oscar gewinnen.

Nun aber sitzt sie in ihrer Berliner Altbauwohnung vor einer Tasse Tee und staunt. "Das ist der Nobelpreis der Filmschaffenden, es ist eine so große Ehre, nominiert zu sein", sagt Christl, der all die Aufmerksamkeit nach wie vor nicht ganz geheuer scheint. Es ist der Tag vor Beginn der Berlinale, ihre kommenden Tage sind vollgepackt, denn neben der Oscar-Geschichte läuft einer ihrer Filme im Wettbewerb des Festivals: Hans-Christian Schmids Familiendrama "Was bleibt".

Als die Oscar-Nominierungen vor zwei Wochen bekannt gegeben wurden, war sie gerade dabei, eine Assistentin anzuheuern - und wunderte sich, weshalb ihr Telefon jede Menge verpasster Anrufe meldete. "Ich hatte das überhaupt nicht auf dem Schirm", sagt Christl. Denn ihre Arbeit für Emmerichs Film über William Shakespeare war davor auf keiner der einschlägigen Nominierungslisten gelandet. Nicht bei den Golden Globes, nicht einmal bei den von der US-Kostümbildinnung verliehenen Preisen. Sie hatte das Thema abgehakt - und nun gehört sie dazu. Auf dem Oscar-Gruppenfoto mit George Clooney und Meryl Streep und Co., das bei dem Lunch entstand, steht sie mit ihrem schwarzen Kleid hinter dem Ingmar-Bergman-Schauspieler Max von Sydow.

Lisy Christl hat sie alle angeschaut, die ganzen Queen-Elizabeth-Filme der letzten Jahre und natürlich die Schmonzette "Shakespeare in Love". Ihren eigenen Dreh für den Historienfilm fand sie, als sie die Robert-Wilson-Inszenierung von Shakespeares Sonetten im "Berliner Ensemble" sah. Dort hat man die detailversessenen Renaissancekleider auf Silhouetten reduziert - dieser Mut zur eigenen Perspektive beeindruckte sie.

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Emmerichs Historien-Thriller: Shakespeare in Crime
"Zum ersten Mal hatte ich alles, was ich mir nur wünschen konnte", sagt sie über ihr Budget für den Emmerich-Film. Bis zu 50 Leute arbeiteten fest für sie. Neun Monate war sie mit "Anonymus" beschäftigt, gedreht wurde in Babelsberg. Sonst stattet sie Filme aus, die aus Hollywood-Perspektive alle Low-Budget-Produktionen sind, sei es "Boxhagener Platz" über das Ost-Berlin der sechziger Jahre, die Kinderbuchverfilmung "Das Sams", das Unfalldrama "Wolfsburg" von Christian Petzold oder "Erbsen auf halb 6" mit Fritzi Haberlandt.

Und auf einmal hatte sie die Freiheit, für Recherchen und Anproben in die großen Kostümhäuser Europas zu fliegen, eine eigene Werkstatt in London zu haben, wo das Gros des Ensembles lebte, und immer Samstagfrüh auf dem Portobello Market kofferweise Spitze zu kaufen.

Dennoch: alles aufwendig mit der Hand zu besticken - unbezahlbar. Also brannten sie für Vanessa Redgraves Königinnen-Roben mit Lötkolben Muster aus, applizierten sie auf andere Stoffe, Goldrand drum, fertig. "Man muss cineastisch denken und sich fragen: Was sieht die Kamera in dieser Szene wirklich?", sagt Christl. "Auf schöne Frauenkleider achtet der Zuschauer immer mehr als auf Männerkostüme."

Gegen den Markenwahn

Seit 1999 lebt die geborene Münchnerin in Berlin, sie kam wegen eines Films her und blieb, nur der weiche Tonfall verrät ihre Herkunft. Ihre Wohnung ist so klar und zurückhaltend wie sie selbst mit ihrer dunklen Bobfrisur, dem hautfarbenen Wollpullover und dem Nagellack in Nude-Ton. Ein paar kleine Ölbilder hängen und stehen dezent herum, von Kostümen oder Filmplakaten keine Spur. Ihre Recherchen sind in schwarzen Schubkästen archiviert. "Ich will zu Hause nicht permanent von meiner Arbeit umgeben sein", sagt Christl. Ihr Atelier ist ein paar Häuser weiter, aber bei diesen Minusgraden zu kalt. Das einzige, das ihre Arbeit zeigt, ist eine alte Stellwand aus Holz, direkt neben ihrem Schreibtisch. Da beginnt alles, mit Modemagazinausrissen, Landschaftsschnipseln, gegoogelten Porträts. In ihrem Atelier wächst dies dann zu detaillierten, wandfüllenden Kostümcollagen an, für alle Darsteller.

"Die Recherche ist mit das Schönste an meinem Job", sagt Christl. Für "Anonymus" zog sie durch Museen, Porträtgalerien und Westminster Abbey, unterhielt sich dort über Kirchengewänder im 16. Jahrhundert und wälzte Schnittbücher über Kleidung der Renaissance. Und um einen Look für das Verlegerehepaar in "Was bleibt" zu finden, googelt sie schon mal Bilder von den Verlegern Siegfried Unseld, Michael Köhler oder Helge Malchow, um zu sehen, was deren Frauen tragen.

"Bei historischen Filmen bist du Historiker und Kostümbildner in einem, du bist der Experte. Bei zeitgenössischen Filmen bringen alle ihren eigenen Geschmack mit ans Set", sagt sie. "Mir braucht keiner kommen und sagen: 'Ich habe da so ein tolles Sakko bei Prada gesehen. Da verkäme ja mein Beruf zum Einkäufer." Für Corinna Harfouchs Figur im neuen Schmid-Film etwa ist alles extra angefertigt, die Strickjacken bis zu den Blusen, "auch, um diesem ganzen Markenwahn etwas entgegenzusetzen."

"Es ist eine sehr altmodische Art zu arbeiten", sagt Christl über ihre Bilderwände. So hat sie alle Darsteller und ihre Kostüme im Blick - am Bildschirm funktioniert das nicht. Das erlebte auch Roland Emmerich, als er vorbeikam, um ihre Entwürfe zu begutachten. Für seinen Film schnürte sie Vanessa Redgrave in seidene Kleider mit großen Krägen und Kegelröcken, versah Rhys Ifans als Pseudo-Shakespeare mit einem engen Lederjäckchen, das ihm die nötige innere Haltung verpasste. Sie dachte sich ein Tennisdress fürs 16. Jahrhundert aus und träumerische Bühnenkostüme für die Theaterstücke der Story.

Zum ersten Mal wieder. Denn Lisy Christl ist gelernte Schneidermeisterin, sie begann als Kostümbildnerin am Theater. "Das wollte ich schon immer", sagt sie. "Ab dem Tag, an dem ich lesen konnte, habe ich meine Puppen nur noch passend zu den Geschichten in meinen Büchern angezogen", sagt sie. Drei Jahre war sie an den Münchner Kammerspielen, dann kam sie per Zufall zum Film. Sie arbeitete für Joseph Vilsmaier und immer wieder für Michael Haneke und Hans-Christian Schmid. Für die Kostüme in "John Rabe" bekam sie 2009 den Deutschen Filmpreis.

Und nun wird sie vielleicht Oscar-Preisträgerin. Eine wenig Sorge hat Christl, dass sie nun als die mit der Oscar-Nominierung gilt - denn nur noch Hollywood-Produktionen auszustatten, darauf hat sie wenig Lust. Aber: "Die Aufmerksamkeit für meinen Beruf freut mich", sagt sie. Das sei auch dringend nötig, in Frankreich oder Großbritannien würde diese Sparte des Filmhandwerks deutlich mehr geschätzt. "Das böse Wort 'Kostümschinken' gibt's nur im Deutschen."

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Seite 1
Listerholm 09.02.2012
1. Herzlichen Glückwunsch,
Zitat von sysopAnne HaemingDie Berlinerin Lisy Christl ist für einen Oscar nominiert. Für ihre Kostüme in Roland Emmerichs Shakespeare-Film "Anonymous" reiste sie durch halb Europa und kaufte Spitze gleich kofferweise ein. Und manchmal griff sie sogar zum Lötkolben, um einem Kleid den letzten Schliff zu geben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,814300,00.html
Frau Christl. Das freut mich wirklich. In dem ganzen hype um (vor allem amerikanische) Hauptdarsteller und Regisseure und Beste Filme geht doch oft unter, wer maßgeblich mit am Erfolg eines Filmes beteiligt ist. (Wobei die Amis zu Recht die Preise gewinnen.) Aber die Deutschen sind da gar nicht schlecht: Wenn ich recht erinnere, sind u.a. Ballhaus, Zimmer, Schloendorff, Wenders, Henkell v. Donnersmark, Waltz alle Oscarpreisträger. Jetzt müssten nur noch bei der Berlinale ein paar mehr Prominente auftauchen. Für Sie, Frau Christl, ist der rote Teppich schon mal ausgerollt. Gratulation. L.
nic 09.02.2012
2.
Zitat von ListerholmFrau Christl. Das freut mich wirklich. In dem ganzen hype um (vor allem amerikanische) Hauptdarsteller und Regisseure und Beste Filme geht doch oft unter, wer maßgeblich mit am Erfolg eines Filmes beteiligt ist. (Wobei die Amis zu Recht die Preise gewinnen.) Aber die Deutschen sind da gar nicht schlecht: Wenn ich recht erinnere, sind u.a. Ballhaus, Zimmer, Schloendorff, Wenders, Henkell v. Donnersmark, Waltz alle Oscarpreisträger. Jetzt müssten nur noch bei der Berlinale ein paar mehr Prominente auftauchen. Für Sie, Frau Christl, ist der rote Teppich schon mal ausgerollt. Gratulation. L.
zeigt aber auch, wie einfach es sein kann letztendlich zum Oscar nomminiert zu werden.
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