Oscar-Kandidat "Das weiße Band": Monster im Dorf

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Hass und Ekel, Triebverzicht und Triebabfuhr - "Das weiße Band" ist ein Horrorfilm, der keine Horrorbilder braucht. Sondern nur das norddeutsche Dorfleben, in dem sich vor hundert Jahren Gewalt und Misstrauen zu gnadenloser Folter verbinden. Michael Hanekes Film ist ein deutscher Oscar-Kandidat.

"Das weiße Band": Brutstätte des Menschheitsverbrechens Fotos
X-Verleih

Überall stehen in diesem Film Kinder herum, mal in kleinen, mal in großen Gruppen. Furchteinflößende Zusammenrottungen sind das. Es sieht so aus, als ob die Jungen und Mädchen auf etwas warten. Zum Beispiel auf einen Befehl, endlich über die Alten herzufallen, deren wortkargem Diktat sie schon so lange unterworfen sind.

Nie sieht man sie in diesem zweieinhalbstündigen protestantischen Gewaltakt von Film spielen. Nie hört man sie lachen.

Obwohl - einmal erschallt doch kurz eine kindliche Freudenbekundung. Ausgerechnet in jener Szene, in der der Bauer gefunden wird, der sich aus Verzweiflung in seinem Stall erhängt hat.

So ist es immer in Eichwald, dieser schmucklosen Erhebung aus acht, neun Bauernhäusern plus Kirche und Schulhütte irgendwo im norddeutschen Flachland. Wenn etwas Schreckliches passiert, sind die Kinder zur Stelle - ob der Dorfarzt durch einen heimtückisch gespannten Draht beim Reiten fast ums Leben kommt oder der geistig behinderte Sohn der Hebamme mit zerstochenen Augen an einen Baum gefesselt gefunden wird. Ob sich eine Bäuerin in einer morschen Scheune zu Tode stürzt oder der Sohn des Gutsherren zusammengeschlagen wird.

Man könnte "Das weiße Band", diese stille Folterballade in Schwarzweiß, angesiedelt am Vorabend des Ersten Weltkriegs, ein Historiendrama nennen. Man sollte aber nicht darauf hoffen, dass der Film den momentan gültigen Regeln des Genres folgt. Regisseur Michael Haneke zwingt uns dazu, das Sehen neu zu lernen. Schließlich leben wir in Zeiten, in denen das deutsche Kino und das deutsche Fernsehen eine Art Geschichtsunterhaltung kultiviert haben, die uns die zentralen Daten und Verstrickungen meist in einem bunten Strauß aus Kostümen und folkloristischen Darbietungen reicht.

Die Töpfe sind leer

So läuft das nicht bei Haneke, dem österreichischen Protestanten, der als Kind Pastor werden wollte. Der Schauwert als didaktischer Schmierstoff ist seine Sache nicht. Selbst wenn er in "Das weiße Band" eine aufwendige Tanzszene orchestriert, sieht man am Ende doch nur ein paar fliegende Röcke hinter einer Hauswand hervorwehen. Einmal, zum Erntedankfest, wird in "Das weiße Band" groß gefeiert und getafelt. Ansonsten sind die Töpfe leer. Entweder weil wirklich nichts zum Fressen für die Bauerngören da ist, oder weil man ihnen aus pädagogischen Gründen die Nahrungsaufnahme verweigert.

So asketisch das Leben im Film daherkommt, so ausgehungert agiert die Kamera. Nur einzelne Elemente zeigt sie, nie das große Ganze. Fast jedes Bild bekommt durch herunterhängende Balken oder bedrückend niedrige Zimmerdecken einen Rahmen vorgegeben. Und wenn die Kamera dann doch mal in die Totale gehen darf, bewegt sich darin fast nichts. Sonderbar eingefroren wirkt diese Landschaft, selbst wenn das Korn in der warmen Sonne wogt.

Ach, die Jahreszeiten, sie scheinen hier sowieso einerlei. Was wächst, wird irgendwann gleichmütig weggemäht. Was gefährliche Triebe schlägt, wird brutal gestutzt. Nichts gedeiht, alles stirbt.

Es liegt nichts Tröstliches und erst recht nichts Nostalgisches in der Landarbeit. Die Landschaft umschließt die Menschen genauso gnadenlos, wie es die engen Holzhütten tun. Nur einmal sieht man jemanden schnurstracks nach vorne durchs Panorama stapfen. Es ist der Dorflehrer (Christian Friedel), der sich durch die Schneelandschaft bewegt, als wolle er die Vereisung innerhalb der Dorfgemeinschaft auflösen. Was, so fragt er sich mit dem hier vollkommen übermütig wirkenden Elan des Humanisten, treibt seine Schüler, diese sonderbar ferngelenkt wirkenden Wesen? Wo liegt der Schlüssel zur Gewalt, die das Dorf heimgesucht hat? Und, so könnte der Zuschauer weiter fragen, könnte das der Schlüssel zur deutschen Geschichte sein?

Assoziationen an Eichmann und Buchenwald

Zu Recht wurde der Film in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Für Deutschland geht er außerdem ins Rennen um die Nominierung für den Auslands-Oscar.

Mächtig, monolithisch und angsteinflößend steht er in der Kinolandschaft. Ein Horrordrama, frei von Horrorbildern.

Entscheidend ist, was man nicht sieht. Die Ahnung drückt umso böser.

Nicht umsonst lässt sich Franz Kafkas alptraumhafte Vorkriegsprosa herbeizitieren, weil der darin ja ebenfalls Kinder als beängstigendste aller sozialen Gruppen beschrieben hat. Und natürlich Wolf Rillas Science-Fiction-Schocker "Das Dorf der Verdammten" aus dem Jahr 1960, in dem eine Gruppe geklont aussehender Halbwüchsiger den Erwachsenen zu schaffen macht. Sie agieren unnahbar, undurchschaubar und mit einer Gesichtsfarbe, die an Leichentücher erinnert - so wie jetzt die Kinder in "Das weiße Band". Die Kids im britischen B-Movie sind nicht von dieser Welt. Die in Hanekes norddeutschem Gruseldrama entwachsen dagegen dem dörflichen Schoß. Wenn man denn das Wort Schoß für eine lebensfeindliche Heimstatt wie Eichwald benutzen mag. Stille Monster gebärt dieser Ort, dessen Name Assoziationen an den Massenmordbürokraten Eichmann oder das Konzentrationslager Buchenwald nahelegt.

Die Hauptfiguren dieses Films sind nicht die Erwachsenen, weder die von Susanne Lothar grausam demütig dargestellte Hebamme, noch der von Burghart Klaußner als gnadenlos Liebender gespielter Vater und Pastor, und auch nicht der von Rainer Bock verkörperte Dorfarzt, der sein Leben strikt nach hygienischen Maßgaben regelt.

Es sind vielmehr diese schrecklichen Kinder. Mit feuchtem, aber starrem Blick lassen sie alle Lektionen der Rohrstockpädagogik über sich ergehen.

Triebverzicht und Triebabfuhr in ihrer drastischsten Form

Unter leisen Tränen bricht sich der Hass Bahn. So beim Pastorensohn, der des Nachts vom Alten mit den Händen straff am Bettgestell festgebunden wird, weil er sich "an den feinsten Nerven seines Körpers geschadet hat", dort, "wo auch Gottes Gebot heilige Schranken errichtet hat".

Während also Onanie ein Verbrechen ist, hat sich die Frau auf Geheiß des Mannes gehorsam zu bücken, wann immer dieser es verlangt. Der Geschlechtsakt ist die vielleicht schrecklichste Szene in Michael Hanekes Film. Er wird zu einer Art libidinöser Notdurft, die alle Beteiligten mit einem gehörigen Maß an Ekel verrichten: "Ich würde mich am liebsten übergeben", sagt der Arzt, nachdem er die Hebamme mal wieder vor der mittäglichen Nahrungsaufnahme auf die Anrichte gedrückt hat. "Ich hätte auch eine Kuh bespringen können."

Triebverzicht und Triebabfuhr in ihrer jeweils drastischsten Form scheint das Leben in diesem Soziotop zu strukturieren. Wie gedeiht, wer hier geboren wird? Eben gar nicht.

Die kleinen Hauptfiguren sind so etwas wie faschistische Prototypen, die soldatisch einstecken, um sadistisch auszuteilen - diese Lesart bietet Haneke an, ohne sie einzufordern. Das Dorf Eichenwald, diese Monstrosität en miniature, ist Brutstätte der heranziehenden Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts.

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