Aus Los Angeles berichtet Marc Pitzke
Sonntag, da war doch noch was. "Lass uns zum Strand fahren", schlägt Sebastian Junger vor. "Oder vielleicht ins Kino gehen?" Tim Hetherington grinst. "Wir machen uns auf jeden Fall einen ruhigen Tag." Genüsslich schiebt er sich noch einen Bissen in den Mund.
Natürlich wissen beide, dass dieser Sonntag alles andere als ruhig sein wird. Mehr noch: Wenn alles gutgeht, dann könnte es einer der wichtigsten Tage ihres Lebens werden. Und das will was heißen für zwei Kerle wie sie, nach dem, was sie alles schon erlebt haben. Doch sie wollen bloß keinen Wirbel darum machen.
Junger, 49, und Hetherington, 41, sitzen in einem Restaurant in Beverly Hills, vor sich zwei rechteckige Teller mit "so 'nem Sushi-Zeugs", wie Hetherington bekundet. Er hat das Sakko über die Stuhllehne gehängt, während Junger seine Jacke anbehält, so unbequem das auch wirken mag. "Wie funktioniert das?", fragt er die Kellnerin, die ihm geduldig die Soßen erklärt: Erdnuss, Teriyaki, Koriander.
Sushi, Sakkos, Beverly Hills: "Wir sind weit, weit entfernt von den Hügeln Afghanistans", seufzt Hetherington. Und doch sind es eben die Hügel Afghanistans, denen sie es zu verdanken haben, dass sie jetzt hier sind, in dieser ganz anderen Welt - und in Reichweite eines Oscars.
Presserummel sind sie inzwischen gewöhnt, aber das hier ist nun wirklich noch mal eine neue Dimension. Sebastian Junger schreibt knallharte Bestseller ("The Perfect Storm"), Tim Hetherington ist ein preisgekrönter Fotoreporter (World Press Photo Award). Seit langem wagen sich die beiden an Kriegs- und Krisenherde, haben Tod, Leid und Tragik protokollieren müssen und sich ihrerseits ebenfalls schon oft auf der anderen Seite des Mikrofons wiedergefunden. Doch Hollywood, die Traumfabrik? Auf diesen Einsatz waren sie nicht vorbereitet. "Ganz schön verrückt", sagt Hetherington in seinem britischen Akzent.
Tägliche Taliban-Angriffe
Ihr kurioser Weg zu den Oscars begann 2007, am anderen Ende des Globus: Da begleiteten sie eine US-Einheit nach Afghanistan, ursprünglich im Auftrag von "Vanity Fair". Aus dem mehrmonatigen Trip machten sie am Ende einen Dokumentarfilm, der den Krieg aus Sicht der Soldaten zeigte - so packend wie nie zuvor.
"Restrepo" begeisterte Kritiker wie Zuschauer und gewann auf Anhieb den Grand Jury Prize des Sundance Film Festivals 2010. Schnell mauserte sich das selbstfinanzierte Risiko zum Kassenhit, allein das eine Sensation für einen Independentfilm. Doch der wahre Schock kam dann im Februar: "Restrepo" wurde für einen Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert.
Als Erstes rief Hetherington Marcela Pardo an, die Mutter des Gefreiten Juan Restrepo, nach dem der Film benannt ist. Der 20-jährige Armeesanitäter war bei einer der ersten Patrouillen nach seiner Ankunft in Afghanistan erschossen worden. "Es ist eine Ehre", sagte Pardo, als sie von der Oscar-Nachricht erfuhr.
Restrepo war auch der Name, den die Männer des 2nd Platoon der Battle Company, 173rd Airborne Brigade, ihrem Vorposten hoch über dem Korengal-Tal gegeben hatten, damals die gefährlichste Ecke Afghanistans. Von Mai 2007 bis Juli 2008 hielten sie diese Sandsackfestung gegen tägliche Taliban-Angriffe. Zwei Jahre später gab die US-Armee die Position dann auf.
Hetherington und Junger dokumentierten das alles auf 94 Minuten - und offenbarten dabei die Sinnlosigkeit dieses verdrängten Krieges, ohne einen politischen Kommentar abzugeben.
Die Oscar-Konkurrenz ist hart. Als Favorit in der Kategorie Best Documentary Feature gilt "Inside Job", Charles Fergusons Dokumentation über die Finanzkrise - eine Thematik, die viele Amerikaner heute stärker bewegt als der Afghanistan-Krieg.
Preise und rote Teppiche hatten sie sowieso nie im Sinn. "Wir wollten einen tiefschürfenden Kriegsfilm machen", sagt Hetherington. "Nur die Soldaten reden lassen", sekundiert Junger, der Stillere des Duos, "und den Leuten daheim zeigen, das diese Soldaten nicht dumm sind."
Es war eine lange Zitterpartie. Allein spätere Interviews mit den zurückgekehrten Kriegern kosteten wegen des technischen und personellen Aufwands eine halbe Million Dollar, die sie zunächst privat vorstreckten. "Es war sehr beängstigend", sagt Junger. "Das meiste Geld haben wir mittlerweile wieder raus." Er macht eine Pause. "Das meiste. Nicht alles."
Vietnam-Trauma neu erweckt
Drei Jahre haben sie an "Restrepo" gesessen: ein Jahr gedreht, ein Jahr geschnitten, ein Jahr landesweit getrommelt. Sie haben viele andere Aufträge abgelehnt und viel Geld verloren, um das Herzenswerk fertigzustellen.
Dank Twitter, Facebook und Netflix ist der Film zum Phänomen geworden. Die Oscar-Nominierung hat das nun noch mal verstärkt. Am Vorabend unseres Interviews war Hetherington bei einem Screening in Syracuse im US-Bundesstaat New York. "Volles Haus", vermeldet er begeistert.
Und so geschah ein kleines Wunder: In der kriegsmüden Nation hat "Restrepo" tatsächlich doch noch mal eine Kriegsdiskussion ausgelöst.
Am meisten berühren sie die Reaktionen von Veteranen und Militärfamilien. Hetherington kramt sein iPhone heraus und liest eine neue E-Mail vor, verfasst von der Freundin eines Marineinfanteristen. Zum ersten Mal, schreibt sie, habe sie verstanden, was ihr Freund an der Front durchmache. "Darum geht's", sagt Hetherington. "Darum und um nichts anderes."
Es gibt auch kritische Stimmen. "Restrepo" scheint für manche das Vietnam-Trauma neu erweckt zu haben. Neulich sei ein Zuschauer bei einer Vorführung aufgesprungen, "so Mitte 60 war der", berichtet Junger, und habe sie und die Soldaten laut beschimpft. Sie zogen daraus eine Lehre: "Die extrem Linken sind genau so verrückt wie die extrem Rechten."
Auch beim Sushi in Beverly Hills wird das Gespräch über "Restrepo" bald zum Gespräch über den Krieg generell. Da tauen Junger und Hetherington erst richtig auf, und ihre müden Augen werden hell, als sie vom 11. September 2001 reden, der das Land ungewollt zur Kriegsnation gemacht habe, und von George W. Bushs Irak-Krieg, "der alles kaputtmachte".
Die Pressefrau ruft an, man muss weiter. Durch den kühlen, klaren Abend wandern sie den Wilshire Boulevard entlang. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas), die die Oscars verleiht, hat alle nominierten Dokumentarfilmer zu einem Empfang geladen, es gibt Roastbeef-Häppchen, Safran-Reis und Cannoli. Junger und Hetherington erfüllen ihre Pflicht, wiederholen vor den Fotografen immer wieder, dass es ihnen nicht um sie selbst gehe, sondern um die Soldaten, ziehen sich dann aber schnell in den privateren Kreis zurück.
Das ganze Oscar-Theater finden sie zwar schmeichelhaft, es ist ihnen aber auch unangenehm. "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Frack anhatte", sagt Hetherington. "Anfang der neunziger Jahre", schätzt Junger.
Ihre Gedanken sind längst woanders, jenseits von Dinner-Sakkos und Hors d'uvres. In ein paar Monaten wollen sie beide wieder zurück - zurück nach Afghanistan, um herauszufinden, wie es dort nun weitergeht. "Es wird ein wichtiger Kriegssommer dort werden", sagt Hetherington. "Und wir wollen dabei sein."
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