Oscar-Kandidat Ruzowitzky "Das ist schon 1000 zu 1"

Der Österreicher Stefan Ruzowitzky ist mit seinem KZ-Drama "Die Fälscher" für einen Oscar nominiert. Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Amüsement lässt er sich vor der Verleihung durch Hollywood führen - und freut sich schon wieder auf Wien.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Die deutsche Geschichte findet man überall. Selbst hier, in den von Wolken verhangenen Hügeln Hollywoods, wie Stefan Ruzowitzky festgestellt hat. Der Chauffeur zum Beispiel, den ihm sein Filmstudio für seine Zeit in Los Angeles zur Verfügung gestellt hat: "Dessen Großvater hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft, in Frankreich."

Oscar-Anwärter Ruzowitzky in Los Angeles (l., mit Schauspieler Karl Markovics): "Auch nicht alles toll"
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Oscar-Anwärter Ruzowitzky in Los Angeles (l., mit Schauspieler Karl Markovics): "Auch nicht alles toll"

Diese "gemeinsame Vergangenheit", auf die ist der Wiener Ruzowitzky dieser Tage in den USA immer wieder gestoßen: "Es gibt so viele Amerikaner, deren Familiengeschichten bis zum Holocaust zurückgehen oder zum Krieg." Mit einem feinen Unterschied aber zu ihren europäischen Zeitgenossen: "Viele hier sehen das heute alles etwas unverkrampfter als wir."

Ruzowitzky sitzt jetzt in einem Luxushotel in Beverly Hills, in Jeans und schwarzem Pulli, ganz im coolen Hollywood-Look. Denn sein KZ-Drama "Die Fälscher", das eine bisher wenig bekannte Facette des Holocausts quasi als klassischen Krimi porträtiert, hat in Deutschland "nicht so funktioniert", das gibt Ruzowitzky zu. Hollywood aber nominierte "Die Fälscher" für einen Oscar als besten fremdsprachigen Film des Jahres.

"Die Fälscher" - für das Ruzowitzky auch das Drehbuch geschrieben hat - erzählt die wahre Geschichte der Geldfälscherwerkstatt im KZ Sachsenhausen. Die Nazis zwangen dort eine Gruppe von Juden, ausländische Geldscheine, Pässe und Dokumente en masse zu fälschen. Die KZ-Insassen hofften, sich damit das Überleben erkaufen zu können. Die "Operation Bernhard", die die NS-Kriegsmaschinerie aufrecht erhalten und die Wirtschaft der Alliierten destabilisieren sollte, gilt als größtes Geldfälschungsprogramm der Geschichte.

Ruzowitzky, 46, hält inne. Nominiert. Für einen Oscar. Von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences! "Schon die Berlinale war eine sehr, sehr große Sache", erinnert er sich an die Uraufführung von "Die Fälscher" 2007. Und nun Hollywood. "Der ganze Mythos... Das ist schon 1000 zu 1."

"Nationale Hysterie"

Wie bei so vielen Europäern, die vor ihm über den roten Teppich des Kodak Theatres defilierten, schwanken auch die Gefühle von Ruzowitzky zwischen Ehrfurcht und Distanz. Spricht von all den Projekten und Drehbüchern, die er neuerdings "stapelweise zugeschickt" bekomme. Und warnt dann, dass "hier auch nicht alles toller ist" und man "sehr schnell ganz, ganz heiß und dann sehr schnell wieder völlig weg vom Fenster" sein kann.

Er spricht von der fast "nationalen Hysterie", die die "Fälscher"-Nominierung daheim ausgelöst habe ("Da freut sich doch das patriotische Herz", schrieb der Wiener "Kurier"). Fürchtet aber dann, dass ihn die Hollywood-Maschine aufsaugt und er "seine Handschrift verliert": "Man muss sich doch treu bleiben."

So was Ähnliches hat im vergangenen Jahr auch der vorherige Auslandspreisträger gesagt, Florian Henckel von Donnersmarck, der dritte deutsche Oscar-Regisseur nach Volker Schlöndorff (1980) und Caroline Link (2002). Schlöndorff und Link blieben in Europa. Donnersmarck dagegen lebt und arbeitet heute längst als Insider in der US-Traumfabrik - derweil sein Oscar-Film "Das Leben der Anderen" nun als Hollywood-Remake neu verfilmt werden soll, vom Produzenten-Mogul Harvey Weinstein ("Shakespeare in Love").

Aufstieg oder Ausverkauf? Keine klare Sache also, diese Oscar-Ehre. Ruzowitzkys Ideal wäre eine zweigeteilte Film-Existenz: "Hier und zuhause." So wie sein britischer Kollege Stephen Frears ("Die Queen"): Mal eine Weile eintauchen in die Verrücktheit Hollywoods. Und sich dann, wenn's einem zu irre wird, schnell wieder nach Wien zurückziehen: "Das fände ich super."

Annäherung ans Grauen

Bis dahin aber nutzt er die Stunden vor der Oscar-Verleihung am Sonntag, um sein Glück zu versilbern - so lange sich die Amerikaner an seinen Namen erinnern. Nach einer zweiwöchigen Screening-Tournee durch die USA ("eine Stadt pro Tag") folgt nun der Härtetest am Sunset Boulevard: Termine mit Studiobossen, Cocktails mit Verleihern, Essen mit Produzenten. Und dabei immer wieder das gleiche, etwas befremdliche Erlebnis: "Alle reden sie von Donnersmarck, heute noch." Was auch deshalb irritieren muss, da Donnersmarck als Academy-Mitglied über das Schicksal von "Die Fälscher" mit abstimmt.

Die Academy zeigte gestern Ausschnitte von "Die Fälscher" in ihrem Samuel Goldwyn Theater in Beverly Hills, vor Hollywoods Crème de la crème. Ruzowitzky saß dabei neben den anderen nominierten Auslands-Regisseuren mit auf der Bühne, schüchtern fast: Hände gefaltet, vornüber gebeugt, Blick auf den Boden gerichtet.

"Nicht ein normaler Film"

Im Gespräch mit dem Filmproduzenten und Oscar-Preisträger Mark Johnson ("Rain Man") berichtete er mit stockender Stimme vom emotionalsten Moment der Dreharbeiten. Das sei der Tag gewesen, als der KZ-Überlebende Adolf Burger, auf dessen Memoiren der Film beruht, das Set besucht habe. "Da haben wir gemerkt", sagte Ruzowitzky, "dass dies nicht ein normaler Film war."

Burger, 90, saß mit im Publikum, Ruzowitzky hat ihn mitgebracht nach Hollywood. Er stellte ihn vor, und der kleine, weißhaarige Mann erhob sich zu tosendem Applaus und winkte.

"Die Fälscher" ist, wie Ruzowitzky betont, eine deutsch-österreichische Coproduktion: "Fifty-fifty." Das Drama wurde von den Hamburger Produzentinnen Nina Bohlmann und Babette Schröder mitproduziert, entstand in Babelsberg und lief bei der Berlinale als deutscher Beitrag. Selbst Ruzowitzky - der einen Großteil seiner Kindheit in Düsseldorf verbrachte - merkt man seine Herkunft kaum an: Sein österreichischer Dialekt ist minimal.

Vier Tickets fürs Kodak Theatre hat ihm die Academy gegeben, doch zuvor musste er die Rechte an seinem Film für die Dauer der TV-Ausstrahlung abtreten - schriftlich. Ruzowitzky nimmt seine Frau Birgit mit, Hauptdarsteller Karl Markovics und Adolf Burger. Zwei Extra-Tickets, leider für den Balkon, gehen an die Produzentinnen. Alle anderen in seinem großen Tross müssen die Zeremonie auf Bildschirmen verfolgen, auf der Oscar-Party, zu der Österreichs Generalkonsul Martin Weiss in seine Residenz in den VIP-Hügeln Brentwoods geladen hat.

"Die Fälscher" gilt als Auslands-Favorit. Doch die Konkurrenz ist auch nicht ohne: "Beaufort" (Israel), "Mongol" (Kasachstan), "Katýn" (Polen), "12" (Russland) - alles recht triste Werke, passend zur generellen Stimmung in diesem Jahr, in dem sich das streikgebeutelte Hollywood gerade erst wieder berappelt und selbst der rote Teppich am Kodak Theatre diesmal unter einem unansehnlichen Zelt verschwindet: Für heute ist Regen angesagt.

Ach ja, die Dankesrede. Eigentlich wollte er sich nichts aufschreiben, "nur so'n paar Gedanken machen und dann spontan" loslegen. Doch sein Verleiher hat ihn gewarnt: Da seien schon ganz andere Kaliber vertrocknet. Man denke nur an Forest Whitaker, dem voriges Jahr die Worte erst fehlten und dann nur so herausströmten.

Also, bloß nicht mitreißen lassen. Nicht vom aseptischen Glamour Hollywoods, nicht von dem ganzen Branchen-Beifall, nicht von den tollen Möglichkeiten, mit denen die Amerikaner locken. "Man muss aufpassen", sagt Ruzowitzky. "Ein Flopp, und aus."

Am Tag nach der Oscar-Verleihung geht's dann auch gleich wieder zurück nach Wien. Ein Werbefilm steht auf dem Terminplan, "irgendwann will man ja auch noch mal Geld verdienen". Ruzowitzky stockt, durchs Fenster schweift der Blick auf einen mosaikverzierten Springbrunnen im Garten des Luxushotels. Heimwärts: "Gott sei Dank, muss ich sagen."



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 24.02.2008
1.
Mein Problem mit den diesjährigen Oscars ist, dass ich so gut wie keinen Film davon kenne. Das war in den vorherigen Jahren anders. Wobei die Amis mal überlegen sollten, dass als große Samstagabend-Show zu veranstalten, damit unsereiner das auch live gucken kann.
mime 24.02.2008
2.
Zitat von sysopHeute Nacht werden in Los Angeles zum 80. Mal die Oscars verliehen. Welcher Film hat Ihrer Meinung nach einen verdient? Und wofür?
Meiner Meinung Nach soll "No Country for Old Men" komplett abräumen. Wirklich eine perfekt inszenierte Genre-Perle...aber ich glaube, der wird für die Oscar Jury viel zu sehr Genre sein und eher wenig abbekommen. Bester Animationsfilm beider Auswahl definitiv Persepolis. Da steckt frischer Geist drin, bei Thema wie Umsetzung...aber auch da wird es sicher Ratatouille. Obwohl Sweeney Todd für mich eher schwach ist, lässt mich absolut unberührt, hat er trotzdem auf jeden Fall den Kostümoskar verdient. Also ich drück die Daumen für die Coen Brüder...
fakesteve 24.02.2008
3.
Zitat von DJ DoenaMein Problem mit den diesjährigen Oscars ist, dass ich so gut wie keinen Film davon kenne. Das war in den vorherigen Jahren anders. Wobei die Amis mal überlegen sollten, dass als große Samstagabend-Show zu veranstalten, damit unsereiner das auch live gucken kann.
Ja, da bleibt eben nur diese kleine Zeitdifferenz von 9 Stunden zwischen Herxheim und Los Angeles…
nephrom 24.02.2008
4.
Zitat von mimeMeiner Meinung Nach soll "No Country for Old Men" komplett abräumen. Wirklich eine perfekt inszenierte Genre-Perle...aber ich glaube, der wird für die Oscar Jury viel zu sehr Genre sein und eher wenig abbekommen. Bester Animationsfilm beider Auswahl definitiv Persepolis. Da steckt frischer Geist drin, bei Thema wie Umsetzung...aber auch da wird es sicher Ratatouille. Obwohl Sweeney Todd für mich eher schwach ist, lässt mich absolut unberührt, hat er trotzdem auf jeden Fall den Kostümoskar verdient. Also ich drück die Daumen für die Coen Brüder...
Volle Zustimmung, "No Country for old Men" hat den Oscar wirklich verdient.
DJ Doena 24.02.2008
5.
Zitat von fakesteveJa, da bleibt eben nur diese kleine Zeitdifferenz von 9 Stunden zwischen Herxheim und Los Angeles…
Aber als Samstagsabend-Show könnte ich sie am Sonntag Morgen um 3.00 gucke. Montag Morgen um 3.00 ist eine etwas schlechte Zeit.
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