Oscar-Kandidat "The Descendants" Der Gehörnte von Hawaii

Alles paradiesisch auf Hawaii? Von wegen! Frau im Koma, Kinder an der Backe - und dann kommt auch noch der Seitensprung der Gattin heraus. In Alexander Paynes Melodram "The Descendants" brilliert George Clooney als Erfolgsanwalt in Familiennöten. Film und Hauptdarsteller haben beste Oscar-Chancen.

dapd/ 20th Century Fox

Jeder Kino-Liebhaber weiß: Es gibt etwas, das viel gefühlsduseliger, aufdringlicher und gehirnbeleidigender ist die allerflachste Hollywood-Komödie - und zwar die sogenannte anspruchsvolle Hollywood-Komödie. Regisseur Alexander Payne hat das Publikum gleich doppelt das Grauen vor der alternativen, gehobenen Hollywood-Ware gelehrt, durch das Grantler-Drama "About Schmidt" (2002) und die Weintrinker-Spazierfahrt "Sideways" (2004). Beide Filme brachten Kritiker zur Verzückung, griffen alle möglichen wichtigen Filmpreise ab und schickten die Kinozuschauer in die Schmunzelhölle einer sterbenslangweiligen, nur angeblich künstlerisch wertvollen Rührseligkeitsschmiere.

Vielleicht also ist das Erstaunlichste an dem klugen, kühl eleganten, herzergreifenden Film "The Descendants" die Tatsache, dass dieser Film ein Werk des Regisseurs Alexander Payne ist. Eine Tragikomödie voller Wendungen, die tatsächlich nicht vorher absehbar sind; befeuert durch Schauspieler, die wirklich unangestrengt und ganz bei sich wirken; und angetrieben von einem Witz, der anarchisch ist und auf sehr lässige Art dazu angetan, den Zuschauer ungläubig staunen zu lassen.

Paynes Film handelt von jeder Menge Ärger im Paradies. Der Anwalt Matt King lebt in Honolulu, der Hauptstadt des Inselstaats Hawaii, er ist Abkömmling einer alten hawaiianischen Familie und soll als Treuhänder im Auftrag seiner Verwandten eines der letzten Naturreservate der Gegend an windige Hotelplaner verkaufen. Das ist die Lage, als seine Ehefrau Elizabeth bei einem Wassersportunfall verunglückt. Sie liegt bereits seit 17 Tagen im Koma, als der Film beginnt.

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"The Descendants": Der Mann, den sie King nannten
Der bekanntermaßen blendend aussehende Schauspieler George Clooney spielt diesen verteufelt gut aussehenden, aber schon leicht erschlafften Anwalt, und ausgerechnet dieser Prachtkerl muss nun entdecken, dass er ein gehörnter Ehemann ist. Und was macht er in diesem Augenblick der Erkenntnis? Er rennt auf komischen weichen Hauslatschen im Stil eines angeschossenen Erpels aus dem Haus.

So eiert er eine Serpentinenstraße hinunter, die sich an einem wunderschönen grünen Hügel windet, bis er im Heim seiner besten Freunde anlangt und dort erzählt bekommt, dass seine Frau dem anderen Typen wirklich mit Haut und Haar verfallen sei. Lustig, traurig, umwerfend charmant ist dieses Jammerbild des atemlosen gehörnten Ehemanns - und vielleicht allein schon den Oscar als bester Darsteller wert, für den Clooney dank "The Descendants" nominiert ist.

Matt muss sich nun allein um seine renitente zehnjährige Tochter Scottie (Amara Miller) kümmern. Und er holt die noch renitentere ältere Tochter Alex (Shailene Woodley) aus dem Internat, nachdem die Ärzte ihm gesagt haben, dass seine Frau nicht wieder aufwachen wird. Die Krankenhausapparate, die Elizabeth am Leben erhalten, sollen gemäß ihrer Patientenverfügung abgeschaltet werden - und dabei hat Matt gerade erst erfahren, dass die Sterbende zuletzt einen anderen liebte.

Regisseur Payne erzählt diese Geschichte nicht als Tragödie eines lächerlichen Mannes, sondern als ziemlich wild mäanderndes Allerweltsdrama. Vom Entsetzen zum Klamauk ist es hier immer nur ein kleiner Schritt. Matt weiß, dass er selbst Schuld trägt am Verfall seiner Familie. Ähnlich wie seine Töchter und doch ganz anders schwankt er zwischen Zorn und Trauer. Langsam aber lernt der Zuschauer zu begreifen, dass es kein Gut und Böse und kein klebriges Verzeihen gibt in diesem Film. Der Egoismus der sterbenden Elizabeth wird ebenso wenig beschönigt wie Matts Eitelkeit oder die Teenager-Allüren seiner verzogenen Töchter.

Clooney, das Teflon-Talent

Es sei Quatsch, sich Hawaii als Paradies vorzustellen, sagt die Stimme des Helden zu Beginn des Films aus dem Off, hier sterbe man nicht weniger elend an Krebs als anderswo auf der Welt, auch mit dem täglichen Surfen und dem endlosen Mai-Tai-Schlürfen sei es nicht weit her. Er selber sei vor 25 Jahren zum letzten Mal auf einem Surfbrett durch die Wogen gedüst, behauptet Matt. Wenn man diesen Matt wenig später in einem lachhaften Hawaiihemd in seinem Anwaltsbüro herumlungern sieht, dann glaubt man im Gesicht des Mannes eine Einsamkeit zu sehen, die in deutlichem Gegensatz steht zu seinem dauerlächelnden Auftreten.

Der Schauspieler Clooney ist ja gesegnet mit einer Art Teflon-Talent. Er spielt die unterschiedlichsten Charaktere lässig überzeugend, ohne dass er abtaucht in diese Rollen; er spielt Fieslinge und Charmebolzen, Verlierer und korrupte Politiker, zuletzt in "The Ides of March", mit einer irritierenden Unterkühltheit. Nichts bleibt wirklich haften an diesem Mann, umgekehrt aber bleibt oft ein Rest von Fremdheit gegenüber den Rollen, die er verkörpert; eine Reserviertheit, die man beim Zuschauen spürt. Der Mittelstandserfolgsmensch, als der Clooney nun in "The Descendants" auftritt, ist da ein besonders schwerer Fall: Der Kerl scheint jedes Mal von sich selber befremdet, wenn er in den Spiegel sieht. Er ist ein staunend an sich und der Welt zweifelnder Jedermann.

Paynes Film schildert, wie sich Matt auf die Suche macht nach dem Mann, den seine Frau in ihren letzten Lebenswochen liebte, wie er mit seinen Töchtern Scottie und Alex und deren knautschgesichtigem Freund Sid (Nick Krause) an den Strand einer anderen Insel Hawaiis reist. Wir sehen dabei zu, wie der Vater und seine ältere Tochter allmählich wieder zusammenfinden, und das zögernde, flapsige Heckmeck, das Clooney und die zauberhaft altkluge Shailene Woodley hier miteinander veranstalten, ist allein jeden Filmpreis wert.

Übrigens sind eine Menge hawaiianischer Popsongs zu hören auf der Reise durch die stets wolkenverhangene Tropenidylle, während der es Matt und seine Lieben auch in jenes Naturreservat verschlägt, das seine Großfamilie gerade verscherbeln will. Es gehört zu den Wundern dieses Films, dass man neben all seinen widersprüchlichen Figuren auch diese bizarre Musik ins Herz schließt. Und auf beiläufige Weise erinnert einen die Musik daran, dass "The Descendants" im tiefsten Innern keine Komödie, sondern eben doch ein Melodram ist.

Die Wahrheit, auf die hier alles hinausläuft, lautet denn auch genauso wie die in Douglas Sirks "Was der Himmel erlaubt", einem der schönsten Melodramen überhaupt. Dort heißt es: "Soll jeder Mensch doch nach seinem Rhythmus leben, nach der Melodie, die nur er allein vernimmt." Und selig jauchzen die Hawaiigitarren.

insgesamt 8 Beiträge
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Roter Hugo 26.01.2012
1.
Jeder Kino-Liebhaber weiß: Es gibt etwas, das ist viel gehirnbeleidigender ist die allerflachste Hollywood-Komödie: ein möchte-gern-kultivierterFeuilletonist wie dieser Autor, der unmotiviert gelungene Hollywood-Komödien der Vergangenheit unkritisch verreisst und anspruchsvoll als Schimpfwort ansieht, weil dieses vermutlich allenfalls Woody Allens und Eric Rohmers Dialogfilmen zusteht. Selten eine so undifferenzierte und platte Einleitung einer Filmkritik gelesen...., ganz unten!
bubble_design 26.01.2012
2. Die Filmkritik trifft ins Schwarze
Da kommt Sehnsucht auf! Die Beschreibung des Films ist vortrefflich. Ein sehenswertes Melodram, gespickt mit feinen Hawaii Kulissen, die nebenbei einfliessen. Es ist aber eben nicht alles Gold, was glänzt.
rflip 26.01.2012
3. Sehr gelungener Film
Ich komme soeben aus dem Kino zurück, wo ich "The Descendants" gesehen habe. Mir hat der Film sehr gut gefallen. Er findet die richtige Balance zwischen Drama und Komödie, hat eine ziemlich ungewöhnliche Geschichte und besticht durch herausragende schauspielerische Leistung. Mehr noch als George Clooney hat mir Shaileene Woodley in der Rolle der spätpubertären Tochter gefallen. Alles in allem ein sehr sehenswerter Film, der ziemlich weit weg ist vom Hollywood-Einheitsbrei, ohne deshalb zwanghaft künstlerischen Anspruch vorzuspielen.
vincent72 26.01.2012
4. Alexander Payne und Wolfgang Höbel
Natürlich ist der Film grossartig. Weil er von Alexander Payne ist, dem Regisseur von solch wunderbar subversiven, intelligenten Komödien wie der Highschool Farce " Election", in der er ganz nebenbei eine damals unbekannte Schauspielerin namens Reese Witherspoon entdeckte, oder dem grandiosen Buddymovie "Sideways" und dem Pensionisten coming of age Film "About Schmidt". Wolfgang Höbel, ein Kritiker, der sich - selbst wenn er Filme loben möchte, meist in ältliche, eitle, arrogante und herablassende Formulierungen verirrt, ist vermutlich der einzige Mensch auf dem Planeten, der sich darüber wundert, warum dieser grossartige Film von Alexander Payne ist. Payne ist seit Jahren einer der interessantesten, poetischten, scharfsinnigsten und gleichsam liebevollsten Erzähler des amerikanischen Kinos, was so ziemlich alle Kinoliebhaber längst für sich entdeckt haben, ausser natürlich solch selbsternannte Filmscharfrichter wie Höbel. Der urteilt - egal, was er sieht - IMMER von oben herab und hält seinen verkopften, komplizierten und unsicheren Geschmack doch für das Mass aller Dinge - ohne jeden Zweifel an sich selbst. Traurig.
SoSo 26.01.2012
5. Ein "schrecklicher" Film
Habe den Film vor einer Weile hier in den USA gesehen und war danach tief erschüttert. Habe immer noch nicht begriffen, wieso dieser Film als Komödie angekündigt wird - die Vorschau ist auch in etwa so aussagekräftig wie nichts. Selten so viele Tränen vergossen im Kino, unmöglich danach noch locker einen trinken gehen zu wollen! Nicht falsch verstehen: The Descendants ist ein fantastischer Film! Für meinen Geschmack nur eben ein wenig zu nah an der echten Welt! Selbst die Szene in der George Clooney in Schlappen um die Kurven eilt hat nicht viele im Kino erheitert. Die Geschichte ist einfach zu schrecklich als dass man das Geschehen lustig finden kann. Clooney schlägt sich hervorragend (Obwohl ich bei näherer Betrachtung zugebe, dass er in manchen seiner Filme wirkt als ob ihm nichts was anhaben kann... Sicher nicht in Ides of March! Auch nicht in Syriana.). Vielleicht bin ich auh einfach nur zu ernst und finde es erschreckend welche Abgründe der ganz normale Alltag manchmal so erfindet und mit welcher gleichgültigen Grausamkeit das Leben dann einfach so weitergeht.
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