Oscar-Kandidatin Jennifer Lawrence "Für diese Rolle hätte ich alles gemacht"

Jennifer Lawrence ist die Überraschungskandidatin für den Oscar. Die 20-Jährige, die keine Schauspielausbildung hat, ergatterte die Hauptrolle im Sozialdrama "Winter's Bone". Im Interview spricht sie über ihren rasanten Aufstieg - und erzählt ihren Lieblingswitz.

AP

SPIEGEL ONLINE: Ist der Oscar das Nonplusultra für jeden Hollywood-Schauspieler?

Lawrence: Ich bin gerade einmal 20 Jahre alt und erst seit ein paar Jahren als Schauspielerin unterwegs; da wäre es schon sehr vermessen, wenn ich denken würde, dass der Oscar das Maß aller Dinge wäre. Natürlich freue ich mich ungemein, dass ich für meine Rolle in "Winter's Bone" nominiert bin. Ich war schon vor Glück ganz aus dem Häuschen, als ich für den Golden Globe nominiert war. Es ist fraglos eine große Ehre. Aber ich bin erst am Beginn meiner Laufbahn. Also: Halten wir den Ball mal hübsch flach.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie schon mit 14 Jahren unbedingt Schauspielerin werden wollten und Ihre Eltern gezwungen haben, mit Ihnen nach New York zu fahren, um dort einen Agenten für Sie zu finden?

Lawrence: Ich wurde mit 14 Jahren entdeckt, und zwar an einer Straßenecke, als ich Street-Dancern bei ihrer Performance zuschaute. Da hat mich plötzlich ein Talent-Scout angesprochen und gefragt, ob er ein Foto von mir machen darf. Er war von einer Agentur für Models und Schauspieler. Als ich mich dann dort vorgestellt habe, sagte ich ihnen gleich, dass ich kein Model, sondern Schauspielerin werden wollte. Zuerst haben sie mich alle ausgelacht, aber dann haben sie es doch mit mir versucht. Erst beim Fernsehen, dann beim Film.

SPIEGEL ONLINE: Was überrascht, ist, dass Sie im Gegensatz zu vielen anderen jungen Talenten nicht durch die Disney-TV-Maschinerie geschleust wurden, sondern ziemlich schnell beim Independent-Film landeten.

Lawrence: Und das war genau das, was ich wirklich wollte. Natürlich war da auch ein bisschen Glück dabei, aber man hat mich relativ schnell fast immer nur für Independent-Filme zum Vorsprechen geschickt. Die haben wohl alle jemanden mit einem unverbrauchten Gesicht gesucht, der sich vielleicht sogar noch den Text merken kann.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie ein Schlüsselerlebnis, das Sie zur Schauspielerei brachte?

Lawrence: Das war ganz klar Gena Rowlands in dem John-Cassavetes-Film "Eine Frau unter Einfluss". Das klingt jetzt sehr dramatisch, aber dieser Film hat mein Leben verändert. Als ich ihn gesehen hatte, wollte ich Schauspielerin werden.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie noch keine einzige Stunde Schauspielunterricht hatten?

Lawrence: Das stimmt. Ich habe mir das, was ich als Schauspielerin mittlerweile kann, sozusagen learning by doing beigebracht. Sie können sich das so vorstellen: Ich komme an den Set, jemand sagt "Action", und ich sage den Text auf, den ich am Tag zuvor gelernt habe!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nicht einmal in Schulaufführungen mitgemacht?

Lawrence: Ich war vielleicht fünf Minuten die Desdemona in Shakespeares "Othello"... Das war nicht der Rede wert. Und als ich dann nach Los Angeles zog, um aus meinem Herzenswunsch tatsächlich einen Beruf zu machen, habe ich mich auch bei einer Schauspielschule eingeschrieben. Aber da bin ich vielleicht zweimal hingegangen. Das war schrecklich! Vor allem die Leute dort. Mit denen wollte ich nichts zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn das?

Lawrence: Die waren ziemlich gemein zu mir. Sie haben mich sehr unfair behandelt und waren immer nur auf ihren Vorteil bedacht. Okay, ich weiß, dass Hollywood ein hartes Pflaster und der Konkurrenzdruck von allen Seiten sehr groß ist - aber trotzdem muss ich meine Mitbewerberin nicht hinter ihrem Rücken schlecht machen oder Lügen über sie erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind nie eifersüchtig auf den Erfolg anderer?

Lawrence: Eigentlich nicht. Ich bin nicht neidisch. Ich versuche natürlich schon, immer mein Bestes zu geben, um die Rolle zu bekommen. Wenn es aber nicht klappt, dann ist das auch okay.

SPIEGEL ONLINE: Unterhalten Sie sich beim Vorsprechen mit Ihren Konkurrentinnen?

Lawrence: Zumindest habe ich das anfangs versucht. Aber die waren meist sehr misstrauisch und dachten, ich will sie durcheinanderbringen oder davon abhalten, ihren Text zu lernen. Diese Paranoia in den Studiofluren ist sehr ungesund, finde ich. Das Leben in Los Angeles war zuerst sehr hart für mich. Ich fühlte mich ziemlich alleingelassen und isoliert. Aber inzwischen habe ich sehr gute Freunde dort. Das macht das Leben sehr viel schöner und leichter.

SPIEGEL ONLINE: Wie suchen Sie sich denn Ihre Rollen aus?

Lawrence: Instinktiv. Ein Filmprojekt muss mich auf irgendeine Weise ganz tief ansprechen, etwas in meiner Seele zum Schwingen bringen. Und ich bin da um Gottes Willen nicht nur auf Independent-Material festgelegt. Es kann auch die Rolle der Bella Swan für "Twilight" sein, für die ich auch vorgesprochen, die ich aber leider nicht bekommen habe. Wenn man, so wie ich, gerade erst mit der Schauspielerei angefangen hat, ist man sehr selten in der Position, nur die Filme zu machen, die man wirklich machen will. Deshalb gehe ich zu jedem Casting, von dem ich mir etwas verspreche. Ich bin zum Beispiel sehr froh, dass ich in "X-Men: First Class" die Mystique verkörpern darf. Mein Traum wäre natürlich, Blockbuster-Movies mit anspruchsvolleren Filmen mit kleinerem Budget zu mixen.

SPIEGEL ONLINE: "Winter's Bone" ist ja so ein kleiner, anspruchsvoller Film. Wie sind Sie dazu gekommen?

Lawrence: Ganz normal, durchs Vorsprechen. Ich fand die Geschichte - so traurig und brutal sie auch ist - total faszinierend, und noch nie zuvor hatte man mir eine so gute Rolle wie die der Ree Dolly angeboten. Da musste ich unbedingt zuschlagen. Für diese Rolle hätte ich alles gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie man hörte, waren die Dreharbeiten nicht gerade einfach.

Lawrence: Das stimmt. Das lag vor allem daran, dass wir nur 25 Drehtage hatten und ich in fast jeder Einstellung zu sehen bin. Außerdem war es sehr, sehr kalt, und es gab keinen freien Tag. Wir waren alle sehr müde und erschöpft.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Probleme mit den Leuten, die dort leben? Waren die nicht sehr feindselig und misstrauisch? Immerhin drehten Sie in den Ozark Mountains, in Hinterland von Arkansas, wo es tatsächlich - wie im Film - viele Drogen- und Crack-Labore gibt.

Lawrence: Mag sein, aber die Bevölkerung dort war eigentlich sehr freundlich. Wir hatten den Leuten auch das Buch "Winter's Bone" geschenkt, damit sie wussten, worum es geht, und dass wir nicht dort waren, um die Einwohner in die Pfanne zu hauen oder sie lächerlich zu machen. Wir haben sehr deutlich gemacht, dass wir keinen Film über ihr Leben machen, sondern über die Leute in Daniel Woodrells Roman.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es viele Berührungspunkte zwischen der jungen Ree Dolly im Film und der echten Jennifer Lawrence?

Lawrence: Ich wünschte, es wären mehr, denn ich bewundere sie sehr. Aber das Einzige, das mich mit ihr verbindet, ist wohl ihre Sturheit und der Wille, etwas bis zum Ende durchzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Beschreiben Sie sich doch bitte selbst.

Lawrence: Ich bin ehrlich bis auf die Knochen. Ich mache Witze, wenn ich mich unwohl fühle. Und ich lache dann über meine Witze sehr laut. Und ich bin nett.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie uns Ihren Lieblingswitz?

Lawrence: Santa Claus ist total sauer, weil er bei allen Weihnachtsvorbereitungen allein gelassen wurde. Niemand ist da. Keine Kobolde, keine Rentiere, niemand. Da klopft es plötzlich an seiner Tür. Ein Engel steht mit einem Christbaum davor und fragt ihn: "Hey, Santa, wo soll ich denn den Christbaum hintun?" Und Santa - immer noch total stinkig - sagt: "Den kannst du dir in den Arsch schieben!" Und so kommt es, dass auf der Spitze jedes Weihnachtbaumes immer ein Engel sitzt.

Das Interview führte Ulrich Lössl



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
OttoEnn 26.02.2011
1. 'ne witzige Überraschungskandidatin
Zitat von sysopJennifer Lawrence*ist die Überraschungs-Kandidatin für*den Oscar. Die 20-Jährige, die keine Schauspielausbildung hat, ergatterte die Hauptrolle im Sozialdrama*"Winter's Bone". Im Interview spricht sie über ihren rasanten Aufstieg - und erzählt ihren Lieblingswitz. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,747650,00.html
... das ist ja ein echt lustiger Witz
neu_im_forum 26.02.2011
2. Finde gut ...
dass Sie mit Ihrem hübschen "Köpfchen" mehr wollte als nur zu modeln. Muss wohl ein Naturtalent sein.
Arion's Voice, 26.02.2011
3. Nichts gelernt
Zitat von sysopJennifer Lawrence*ist die Überraschungs-Kandidatin für*den Oscar. Die 20-Jährige, die keine Schauspielausbildung hat, ergatterte die Hauptrolle im Sozialdrama*"Winter's Bone". Im Interview spricht sie über ihren rasanten Aufstieg - und erzählt ihren Lieblingswitz. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,747650,00.html
Muss deprimierend für all diejenigen sein, die hart arbeiten, trainieren und Techniken lernen: wird entdeckt, hat keine Ahnung, sagt ihren Text auf, alle findens gut. Schauspiel ist ein Handwerk wie jedes andere auch. Schade dass alle glauben, sie könnten das einfach so. Niemand geht davon aus, dass er ohne Architekturwissen ein Hochhaus bauen kann, aber jeder scheint zu glauben, ohne Schauspielunterricht spielen zu können. Argh.
semper fi, 26.02.2011
4. -
Zitat von Arion's VoiceMuss deprimierend für all diejenigen sein, die hart arbeiten, trainieren und Techniken lernen: wird entdeckt, hat keine Ahnung, sagt ihren Text auf, alle findens gut. Schauspiel ist ein Handwerk wie jedes andere auch. Schade dass alle glauben, sie könnten das einfach so. Niemand geht davon aus, dass er ohne Architekturwissen ein Hochhaus bauen kann, aber jeder scheint zu glauben, ohne Schauspielunterricht spielen zu können. Argh.
Wenn Sie den Film gesehen hätten, dann würden Sie nicht "arghen". Vom Rest Ihres etwas dümmlichen Beitrags ganz zu schweigen.
Willie, 26.02.2011
5. -
Zitat von Arion's VoiceMuss deprimierend für all diejenigen sein, die hart arbeiten, trainieren und Techniken lernen: wird entdeckt, hat keine Ahnung, sagt ihren Text auf, alle findens gut. Schauspiel ist ein Handwerk wie jedes andere auch. Schade dass alle glauben, sie könnten das einfach so. Niemand geht davon aus, dass er ohne Architekturwissen ein Hochhaus bauen kann, aber jeder scheint zu glauben, ohne Schauspielunterricht spielen zu können. Argh.
Zwischen Schauspielerei und Architektur -insbesondere den "Engineering" Teil- gibt es aber siknifikante Unterschiede. Insofern ist der Vergleich fehlerhaft. Moeglicherweise haben sie von einem der beiden Disziplinen zu wenige Kenntnisse, um dies erkennen zu koennen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.