Oscar-Nominierungen: Singles gehen leer aus

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Triumph für Michael Haneke - seine fünf Oscar-Nominierungen sichern dem Österreicher schon jetzt einen Ehrenplatz in der Filmgeschichte. Doch sonst haben die Juroren starke Teams gewürdigt, die gemeinsam für einen großartigen Filmjahrgang gesorgt haben.

Jacki Weaver und Robert De Niro in "Silver Linings Playbook": Starkes Teamplay Zur Großansicht
AP / The Weinstein Company

Jacki Weaver und Robert De Niro in "Silver Linings Playbook": Starkes Teamplay

Selten waren bei den Oscars so reizvolle Duelle garantiert wie in diesem Jahr. Allein die Kategorie "Bester Film" bietet einen irre Bandbreite der Genres, Budgets und Biografien. Da tritt Arthouse-Drama gegen Musical-Bombast an, eine 9-jährige US-Amerikanerin gegen eine 85-jährige Französin, und der Indie-Debütant Benh Zeitlin mit seinem Katrina-Drama "Beasts of the Southern Wild" (Budget: geschätzte 1,8 Millionen US-Dollar) gegen den dreifachen Oscar-Preisträger Steven Spielberg und sein Historienepos "Lincoln" (Budget: 65 Millionen US-Dollar). Und dann mischt da auch noch Michael Haneke mit "Liebe" überall mit.

Der Oscar-Jahrgang 2013 ist dennoch kein Showdown der Einzelkämpfer, sondern eine Feier der gemeinschaftlichen Leistungen. Zeitlin hat die kollektive Arbeit am seinem Film von Anfang an zum Prinzip erhoben und neben seinem Ensemble aus Laiendarstellern sogar Familienmitglieder eingespannt. Spielberg hat mit Tony Kushner (nominiert für das beste adaptierte Drehbuch) endlich den Autor gefunden, der ihm Bücher schreibt, die eine eindringliche, subtile und brüchige Geschichtsschreibung wagen. Und auch Kathryn Bigelows Filme haben seit dem Beginn der Zusammenarbeit mit Autor Mark Boal einen Qualitätsprung gemacht. Er liefert ihr dichte, politisch brisante Stoffe, die sie mit ihrem Action-Kunsthandwerk zu den aufregendsten Hollywood-Filmen der vergangenen Jahre veredelt.

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Oscar-Nominierungen 2013: Das sind die fünf großen Gewinner

2010 wurden sie noch für "The Hurt Locker" für die beste Regie bzw. das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet. Dieses Jahr ist zwar nur noch Boal für sein Buch zu "Zero Dark Thirty" im Rennen - dass Bigelow in der Regie-Kategorie übergangen wurde, gehört zu den größten Überraschungen. Doch ihr Film über die Jagd nach Osama bin Laden ist in der Hauptkategorie "Bester Film" nominiert, zudem wurde Hauptdarstellerin Jessica Chastain für ihren Auftritt als CIA-Jägerin berücksichtigt. Ohne Bigelows souveräne, aber im Vergleich zu "The Hurt Locker" deutlich zurückgenommene Regie hätte der sperrige Stoff nie seine Wucht entfaltet, die die Academy mit den Nominierungen letztlich doch gewürdigt hat.

Auch bei den Darstellern stechen Ensembles hervor: Die Liebesdramödie "Silver Linings" ist in allen Kategorien vertreten, Jennifer Lawrence und Bradley Cooper als psychisch kranke Neu-Verliebte - und damit beste Hauptdarsteller - sowie Jackie Weaver und Robert De Niro als Elternpaar - und damit beste Nebendarsteller. Da ist es nur konsequent, dass David O'Russell auch als bester Regisseur nominiert wurde.

Ähnliches gelingt "Lincoln" - Daniel Day-Lewis gilt als eindeutiger Favorit bei den Hauptdarstellern. Als Nebendarsteller können sich auch Sally Field und Tommy Lee Jones gute Chancen ausrechnen. Genauso wie natürlich "The Master" - dessen leading man Joaquin Phoenix die stärkste Konkurrenz für Day-Lewis darstellt. Auch Amy Adams und Philip Seymour Hoffman könnten als beste Nebendarsteller ausgezeichnet werden. Wie man drei Schauspieler zu Nominierungen führen kann, aber selbst nicht als bester Regisseur berücksichtigt wird, muss die Academy Paul Thomas Anderson dann wohl persönlich erklären. Aber seine Annäherung an eine religiöse Sekte, die stark an Scientology erinnert, galt von vornherein als zu sperrig, um sich in allen Kategorien durchsetzen zu können.

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Oscar-Nominierungen 2013: Das sind die fünf großen Verlierer
Dass auch die Musical-Verfilmung "Les Misérables" mit zahlreichen Würdigungen bedacht wurde - etwa als bester Film und Hugh Jackman als bester Hauptdarsteller - kann man als Tribut an den Mainstream verbuchen, der bei den Oscars zurecht nicht zu kurz kommen sollte. Schließlich sind sie ein populärer Preis, der sich seiner globalen Bedeutung - und der Einschaltquoten im Fernsehen - stets neu versichern muss.

Mit Hanekes "Liebe" hat die Academy dazu einen Kontrast gefunden, der von einer Offenheit gegenüber anspruchsvollen, fremdsprachigen Produktionen zeugt, die man den Oscar-Juroren schon lang nicht mehr zugetraut hatte. Dass Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva mit 85 Jahren nominiert wurde, ist zudem eine wunderbare Würdigung sowohl ihrer Arbeit in dem Film - als auch ihrer Lebensleistung.

Natürlich kann man es bedauern, dass es für ihren Filmpartner Jean-Louis Trintignant als besten Hauptdarsteller nicht gereicht hat. Aber wer "Liebe" gesehen hat, für den bilden die beiden als alterndes Ehepaar, das gemeinsam dem Tod entgegenblickt, ohnehin eine Einheit, die kein Gold der Welt je zerstören könnte.

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