Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Oscar-Nominierungen: Angst vor der schwarzen Frau

Ein Kommentar von

Oscar-Nominierungen 2015: Unter Weißen Fotos
REUTERS

Bei den Oscar-Nominierungen wurden großartige Filme wie "Boyhood" und "Grand Budapest Hotel", "Ida" und "Mr. Turner" bedacht. Bei der Hautfarbe aber hörte für die Academy offenbar die Liebe auf.

Was für eine großartige Würdigung amerikanischer Filmemacher! Bei den Oscars 2015 wurden Indie-Veteranen Wes Anderson ("Grand Budapest Hotel") und Richard Linklater ("Boyhood") mit Nominierungen förmlich überschüttet.

In Damien Chazelle hat die Academy zu Recht ein großes Talent erkannt und sein Debüt "Whiplash" unter die besten acht Filme des Jahres gewählt. Bennett Miller, der mit der Psycho-Studie "Foxcatcher" den mit Abstand verstörendsten Film des Jahres 2014 gedreht hat, wurde für die beste Regie nominiert, und sogar für Paul Thomas Andersons Drehbuchadaption des vertrackten Pynchon-Romans "Inherent Vice" hatten die Wahlberechtigten genug Liebe übrig.

Doch all diese verdiente Anerkennung kann nicht verdecken: Die Academy hat fast ausschließlich Weiße gewürdigt, obwohl genug schwarze Talente zur Auswahl standen. Das Bürgerrechtsdrama "Selma" bot mit Ava DuVernay und David Oyelowo würdige Kandidaten für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller. Doch beide gingen leer aus. Immerhin, könnte man meinen, hat es "Selma" unter die besten Filme geschafft. Doch ohne eine Nominierung in dieser Kategorie hätte sich die Academy nur schwer dem Rassismusvorwurf entziehen können.

Entscheidender wäre eine Nominierung von "Selma"-Regisseurin Ava DuVernay gewesen, die damit als erste Schwarze in die Auswahl für die beste Regie gekommen wäre. Vergleicht man ihr dichtes, stimmungsvolles, überaus klug komponiertes Porträt von Martin Luther King Jr. mit dem grobschlächtigen Alan-Turing-Biopic "The Imitation Game", fällt einem kein Grund ein, warum der Norweger Morten Tyldom den Vorzug erhalten hat - außer, ja außer: Hautfarbe.

Ein verlorenes Jahr für die Academy

Dieser Verdacht schmerzt umso mehr, als sich die Academy in diesem Jahr so offen wie selten zuvor gegenüber dem europäischen Arthouse-Kino gezeigt hat. Marion Cotillards Nominierung als beste Hauptdarstellerin für das Sozialdrama "Zwei Tage, eine Nacht" von den Dardenne-Brüdern ist eine wunderbare Überraschung. Vier Nominierungen für Mike Leighs Künstlerporträt "Mr. Turner" sind ebenso herzlich willkommen, auch wenn für Hauptdarsteller Timothy Spall durchaus mehr hätte drin sein können. Die Anerkennung für die Polen Lukasz Zal und Ryszard Lenczewski für ihre Kameraarbeit bei "Ida" ist ebenfalls hochverdient.

Trotzdem wird 2015 wohl als verlorenes Jahr in die Oscar-Geschichte eingehen. Außer als bester Film ist "Selma" als einziges noch für den besten Song nominiert. Mit "Glory" konnten John Legend und Common bereits bei den Golden Globes siegen, ihre Chancen für den 22. Februar stehen also sehr gut. Wenn dann John Legend singt "One day, when the glory comes/it will be ours, it will be ours", und Common rappt "That's why we walk through Ferguson with our hands up/When it go down we woman and man up", dürfte auch der letzte im Raum merken, was für ein Zerrbild die Oscars abgeben.

Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
TBF 15.01.2015
Ich versteh die Kritik jetzt nicht. Erst sagen Sie, dass die Auswahl hervorragend, bewundernswert und gut begründbar ist, nur um dann zu sagen, dass sie das alles nicht wäre, weil keine schwarze Frau gewürdigt worden wäre. Entweder sie ist begründbar besser als die anderen Kandidaten oder eben nicht.
2. Gegen Hautfarben-Quote
Kritischer Kritikleser 15.01.2015
Frau Pilarczyks Einwürfe sind berechtigt, jedoch würde ich nicht automatisch Rassismus vermuten. Dafür ist Hollywood dann doch zu liberal.
3. Halle Berry & Denzel Washington
holgere 15.01.2015
Das ist immer wieder das gleiche Problem: Die Leistung von schwarzen und weissen Schauspielern wird nicht neutral oder objektiv beurteilt. Ich habe kein Problem damit das Schwarze keinen Oscar bekommen wenn sie vergleichsweise schlechter sind als Weisse. Aber das ganze wird immmer wieder politisiert. Denzel hat grossartige Darstellungen geboten, aber den Oscar fuer eine relativ schwache Leistung bekommen. Es war halt 2012 und es war wirklich einmal Zeit zwei Schwarze auszuzeichnen. Was fuer ein Unsinn. Ehrlich muss man sagen das Schwarze gar nicht fuer grosse Rollen gecastet werden und somit eine viel geringere Chance haben in grossen Filmen mitzuwirken. Und ehrlich muesste man auch sagen das Filme mit schwarzer Besetzung ein viel kleineres Publikum somit finanziellen Erfolg haetten. Ich finde das auch gar nicht schlimm. In 20 Jahren werden eh die meissten grossen Filme mit Latinois besetzt sein.
4.
ambergris 15.01.2015
Sie sagen, es "fällt einem kein andere Grund" außer Rassismus ein, warum Ava DuVernay im Gegensatz zu Morten Tyldom nicht nominiert wurde. Mir fällt schon einer ein, und zwar dass die Akademie, nach ihrem Befinden, die bessere Leistung gewürdigt hat. Ich habe keiner der beiden Filme gesehen, aber im letzten Jahr wurde doch Steve McQueen nominiert. Dessen Film gewann, ebenso wie die Hauptdarstellerin. Da sehe ich keinen Rassismus. Allerdings spielt auch die Politik der Filmbranche eine Rolle. Selma schien mir erst auf den letzten Drücker in das Oscarrennen zu kommen. Es hat da vielleicht ein bisschen die Kampagne gefehlt, speziell da die Jury über einen längeren Zeitraum ihre Stimme abgeben darf, sprich, Selma kam vielleicht etwas zu spät. Andererseits ist doch der Film an sich nominiert, also was solls?
5. Bildniveau...
humpalumpa 15.01.2015
Ich glaub eher, der Spiegel hat ein verzerrtes Bild. Sorry aber Nominierungen zu irgendwelchen Preisen obliegen nunmal den dafür zuständigen Kommitees. Und die auszusuchen geht nunmal nicht objektiv, daher hätte wahrscheinlich jeder irgend einen anderen Film, Darsteller, etc... Nominiert. Je nach Facon halt. Übrigens möchte ich an Euren Artikel mit den größten Fehlentscheidungen bei den Oscars zeigt. Das waren hauptsächlich Filme von und mit Weißen
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: