Oscarnominierungen 2018 Das knallt

Zu weiß, zu alt, zu männlich? Nicht in diesem Jahr. Mit den Oscarnominierungen 2018 öffnet sich die Academy für eine Vielfalt von Talenten - und zeigt viel Liebe für präzis erzählte Filme.

Daniel Kaluuya in Oscar-Favorit "Get Out"
Universal Pictures

Daniel Kaluuya in Oscar-Favorit "Get Out"

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Ein 75-jähriger weißer Mann ist zum Gesicht des Wandels geworden: Als John Bailey am Dienstag in Los Angeles vor die Kameras trat, war er spürbar nervös. Nicht nur war es das erste Mal, dass Bailey in seiner Funktion als Präsident der Academy die Bekanntgabe der Oscarnominierungen eröffnen musste. Nach diversen Skandalen - erst #oscarssowhite, dann "La La Land"/"Moonlight"-Chaos, schließlich #MeToo - musste die Academy auch unter Beweis stellen, wie sehr sie mit einer sich rasant wandelnden Branche Schritt halten kann. Die Nominierungen 2018 zeigen: Sie kann es.

Wie selten zuvor haben die Mitglieder der Academy Umsicht bewiesen und eine Bandbreite von Filmen und Kreativen gewürdigt, die weit über die übliche Oscar-Kost und die üblichen Oscar-Verdächtigen hinausreicht. Von Greta Gerwigs wunderbarer Coming-of-Age-Geschichte "Lady Bird" bis hin zu Jordan Peeles brillanter Horrorsatire "Get Out" zeigen die Nominierungen: Politisch korrekte und kreative Vielfalt lassen sich nicht voneinander trennen. Für neue, andere Geschichten muss sich die Branche neuen, anderen Talenten öffnen.

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Am deutlichsten hat sie das in der Kategorie "Beste Bildgestaltung" getan: Mit Rachel Morrison ("Mudbound") ist zum ersten Mal in der 90-jährigen Geschichte der Academy eine Kamerafrau für den Oscar nominiert. Dass sie gegen den nun zum 14. Mal nominierten Roger Deakins ("Blade Runner 2049") antritt, verdeutlicht aufs Schönste, wie gut Neu- und Altgediente nebeneinander stehen können.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den besten Hauptdarstellern. Neben Veteran Denzel Washington ("Roman J. Israel, Esquire") hat es auch Newcomer Daniel Kaluuya ("Get Out") unter die letzten fünf Kandidaten geschafft. Als Comedian Tiffany Haddish, die zusammen mit Andy Serkis ("War for the Planet of the Apes") die Nominierungen verlas, Kaluuyas Namen aussprechen sollte, verhaspelte sie sich vor Begeisterung derart, dass es mehr nach "Hallelujah" klang. Kurzerhand verband sie beides zu einem herzlichen "Kallelujah!"

Die Zeichen stehen auf Versöhnung

Dass Haddish selbst nicht unter den Nominierten ist und ihre Hitkomödie "Girls Trip" komplett ignoriert wurde, mag einige Fans ärgern. Doch afroamerikanische Darsteller sind nicht übersehen worden: Neben Kaluuya und Washington sind ebenso Octavia Spencer und Mary J. Blige (in der Kategorie "Beste Nebendarstellerin") nominiert.

Die Zeichen stehen auf Versöhnung, das hatte sich schon bei den hübschen Einspielfilmen angedeutet, die erstmalig den Nominierungen vorgeschaltet worden waren. Vor jeder Kategorie stellten Schauspielerinnen - und nur Schauspielerinnen - dar, was das jeweilige Handwerk auszeichnet. Zu diesen Schauspielerinnen zählte auch "Girls Trip"-Star Jada Pinkett Smith. 2017 hatte sie noch zum Boykott der Oscars aufgerufen, weil nur weiße Darstellerinnen und Darsteller nominiert worden waren. 2018 ließ sie sich gern für die kleinen Promo-Filme einspannen.

Welchen Einfluss die #MeToo-Debatte auf die Abstimmung gehabt hat, ist schwer zu sagen. James Franco galt lange Zeit als gesetzt als bester Hauptdarsteller für "The Disaster Artist". Den Golden Globe hatte er Anfang Januar schon gewonnen, da wurden neue Vorwürfe der sexuellen Nötigung gegen ihn laut. Dass die ihm die Oscarnominierung gekostet haben, ist aber eher unwahrscheinlich. US-Branchendiensten zufolge hatten die meisten Mitglieder zu diesem Zeitpunkt schon ihre Stimmen abgegeben.

Liebe für die Ruhe

Vieles spricht dafür, dass es nicht die kurzfristigen Aufreger waren, die in diesem Jahr den Unterschied machten - sondern die Reformen der Academy langsam greifen. Baileys Vorgängerin Cheryl Boone Isaacs hatte die Academy für eine Rekordzahl an jungen, weiblichen und nicht weißen Mitgliedern geöffnet. Sehr gut möglich, dass sie dafür gesorgt haben, dass weibliche Filmschaffende in so vielen Kategorien gewürdigt wurden.

Allen voran ist da Greta Gerwig zu nennen, die als fünfte Frau überhaupt für die beste Regie nominiert wurde. Aber auch ältere, nicht amerikanische Regisseurinnen wurden bedacht: Die Französin Agnès Varda für ihren Dokumentarfilm "Faces, Places" zum Beispiel oder die Ungarin Ildikó Enyedi für ihren Berlinale-Gewinnerfilm "Körper und Seele". Enyedis zarte Liebesgeschichte ist ein mehr als würdiger Ersatz für Fatih Akins knalliges Rachedrama "Aus dem Nichts", das es nicht in die Endauswahl für den besten fremdsprachigen Film geschafft hat.

Überhaupt hatte die Academy viel Liebe für ruhige, präzis erzählte Filme übrig. Neben "Lady Bird" (fünf Nominierungen) profitierten davon vor allem Paul Thomas Andersons köstliche Beziehungsstudie "Phantom Thread" (deutscher Titel: "Der seidene Faden", sechs Nominierungen) sowie die schwelgerisch-schöne Liebesgeschichte "Call Me by Your Name" (vier Nominierungen).

Dass so viel Wertschätzung für unaufgeregtes Handwerk möglich ist und die Nominierungen 2018 trotzdem knallen, zeigt: 2018 sind die Oscars wirklich auf einem neuen, anderen Weg.

insgesamt 3 Beiträge
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alex.schulz.mail 23.01.2018
1. In welchem Einspielfilm ist Jada Pinkett Smith?
Ich schätze das damit folgende Filme gemeint sind https://www.youtube.com/playlist?list=PLJ8RjvesnvDMstMeC06ICijbA4VCZxAI5 Hier nochmal eine Übersicht inkl. der dazugehörigen Schauspielerinnen: The Art of Production Design - Gal Gadot The Art of Cinematography - Priyanka Chopra The Art of Costume Design - Salma Hayek The Art of Sound - Zoe Saldana The Art of Animation - Rebel Wilson The Art of Original Score - Michelle Rodriguez The Art of Visual Effects - Michelle Yeoh The Art of Film Editing - Molly Shannon The Art of Makeup and Hairstyling - Rosario Dawson Ich finde da keine Jada Pinkett Smith, oder sind andere Einspielfilme gemeint?
torstenschäfer 23.01.2018
2. Unsinnige Formulierung
"Politisch korrekte und kreative Vielfalt lassen sich nicht voneinander trennen." Kreativität ist nicht an Political Correctness gebunden, gerade nicht beim Film, und umgekehrt ist bei weitem nicht jeder politisch korrekte Film unbedingt ein kreatives Werk. Vielleicht wollte die SPON-Autorin etwas anderes damit ausdrücken, aber so ist die Formulierung wirklich unsinnig.
Fackel 23.01.2018
3. Pferd von hinten aufzäumen
Wie wäre es die besten Filme vorzuschlagen und nicht die am politisch korrektesten Besetzungen/Crews und Studios. Geht es um Filme oder die politische Mission? Mir ist das zu kopflastig.
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