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Oscar-Preisträger Christoph Waltz: "Totale Mattscheibe"

Aus Los Angeles berichtet

Christoph Waltz hat den Oscar. Und einen Schock. Ist das wirklich ihm passiert? Dem stillen Charaktermimen? Begegnung mit einem Ausgezeichneten.

Preisträger Waltz: "Totale Mattscheibe" Fotos
REUTERS

Christoph Waltz steht hinter der Bühne des Kodak Theatres, seinen Oscar in die Armbeuge geklemmt. Fast eine Woche lang hat er sich so wacker geschlagen hier, ließ alle Fragen, allen Stress souverän abprallen. Doch auf einmal wirkt der Österreicher klein, unsicher. Er blinzelt in die Gratulantenrunde. "Good evening", sagt er höflich lächelnd, als komme er gerade zu einer Cocktailparty.

Ein guter Abend, in der Tat, für ihn jedenfalls. Mit großen Hoffnungen war die deutsche Filmbranche in diese Oscar-Nacht gegangen. Am Ende jedoch war es allein Waltz, der den Mega-Preis abräumte.

Was ihm durch den Kopf gegangen sei, als er seinen Namen gehört habe? "Gar nichts", antwortet Waltz matt. "Überhaupt nichts. Totaler Schock. Totale Mattscheibe."

Wenigstens musste er nicht lange zittern. Der Oscar für den besten Nebendarsteller ist der erste, der verkündet wird, gleich nach der Grußeinlage der Conferenciers Alec Baldwin und Steve Martin. Martin knöpft sich Waltz denn auch sofort vor. "Ein Nazi, der wie besessen nach Juden sucht", beschreibt er dessen Tour-de-Force-Rolle in "Inglourious Basterds". Dann breitet er einladend die Arme in Richtung Waltz aus: "Well, Christoph ..." Als wolle er ihn herausfordern: "Fang mich doch!"

"Neue Kontinente"

Als Penelope Cruz den Umschlag aufreißt und Waltz' Namen sagt, holt der erst mal tief Luft, bevor er auf die Bühne eilt. Seine Dankesrede ist weitschweifig, doch wohlgemeint, der 53-Jährige spricht von den "neuen Kontinenten", die er immer habe erkunden wollen, dankt Quentin Tarantino, Brad Pitt und vielen anderen. Schließlich wendet er sich an die versammelte Hollywood-Elite, die ihn bejubelt: "Dies ist eure Willkommensumarmung, und ich kann euch nicht genug danken. Aber ich kann jetzt damit anfangen. Thank you!"

Ja, sagt Waltz hinterher im Backstage-Bereich des Kodak Theatres, er habe in jenem Moment wirklich eine Art Blackout erlebt. "Ich war schockiert", gibt er zu. "Ich bin's vielleicht immer noch. Ich weiß es nicht genau. Wenn ich blödes Zeug rede, verzeihen Sie mir bitte."

Dass in der "Basterds"-Rolle viel mehr stecken würde, hatte er zwar immer geahnt. "Ich sah, dass das wirklich gut war", sagt Waltz. Doch ein Oscar? "Das habe ich nicht kommen sehen. Ich war zu beschäftigt. Ich hatte zu viel zu tun. Ich habe doch nicht über Preise nachgedacht."

Die letzten Tage hier müssen ihm jedenfalls einen kleinen Vorgeschmack gegeben haben. Wie ein Superstar wurde Waltz durch Hollywood verfolgt, von Paparazzi, Reportern, Fans. Bei einer Oscar-Party am Freitag blieb er nur für wenige Minuten inkognito, bevor ihn die Schaulustigen erspähten - derweil Tarantino unbehelligt in einer Ecke hinter einem Whisky verschwand. Und beim offiziellen Empfang für alle deutschsprachigen Oscar-Anwärter in einer Villa am Pazifik verursachte Waltz tags darauf einen solchen Ansturm von Fotografen und Kameraleuten, dass Gläser zu Bruch gingen.

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Alle fragten ihn dabei das Gleiche: Wie ist das so als Europäer in Hollywood? Dabei mag sich Waltz eigentlich ja gar nicht als Symbol eines bestimmten Landes herumreichen lassen. "Ich sehe das nicht vom nationalen Standpunkt aus, wenn Sie erlauben", sagt er nach seinem Sieg.

Auch sei "Inglourious Basterds" weder ein amerikanischer noch ein deutscher Film, selbst wenn er in Babelsberg entstanden und das Team "weitgehend deutsch" gewesen sei: "Woher die kommen, ist mir schnurzegal." Dabei rollt er das "r" extralang: "Schnurrrzegal."

Anderen ist das natürlich weniger egal. Noch bevor Waltz ausgeredet hat, hat Christoph Fisser vom Studio Babelsberg, einer der deutschen Produzenten von "Inglourious Basterds", bereits die amtliche Reaktion parat: "Die Freude ist riesengroß. Nach den vielen, zahllosen internationalen Preisen hat er nun auch den weltweit wichtigsten Filmpreis erhalten. Damit stehen ihm jetzt in Hollywood alle Türen offen."

Der stille Stolz der Babelsberger auf Waltz ist verständlich - bleibt den Deutschen doch sonst recht wenig in dieser Nacht. Keiner der anderen deutschsprachigen oder mit deutscher Mitwirkung entstandenen Oscar-Kandidaten schafft es auf die Bühne des Kodak Theatres. Auch Michael Hanekes "Das weiße Band" geht leer aus.

Statt Michael Haneke gewinnt der argentinische Regisseur Juan José Campanella mit "El Secreto de Sus Ojos" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Campanella kann seinen Nationalstolz nicht verbergen, im Presseraum spricht er fast nur spanisch und lässt sich von heimischen Reportern feiern.

Feiern mit George und Meryl

Einer der wenigen Sätze, die Campanella auf Englisch spricht, scheint ein kleiner Seitenhieb auf Haneke und "Das weiße Band", das bei so vielen Festivals zuvor mächtig abgeräumt hatte. Da lobt der Argentinier die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas) für ihre "Aufgeschlossenheit" bei ihrer Oscar-Auswahl: "Die Academy schert sich offenbar nicht um die Geschichte eines Films und darum, wie viele Preise er irgendwo bekommen hat. Sie haben einfach nur den Film gewählt, den sie mochten."

Unterdessen sieht sich Waltz die gesamte Oscar-Show erst mal in Ruhe bis zu Ende an, bevor er sich den Journalisten stellt. Wo er feiern wird? "Keine Ahnung. Ich lasse mich treiben." Als erstes treibt es ihn denn auch zum Governors Ball, die traditionelle Afterparty im Kodak Theatre, wo er sich von Hollywood-Größen wie George Clooney und Meryl Streep beglückwünschen lassen kann.

"Es ist unglaublich", staunt Waltz über den ganzen Wirbel, den sie hier um ihn machen. "Es ist phantastisch. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so sein könnte. Morgen tut es mir wahrscheinlich leid, dass es vorbei ist."

Die Oscar-Gewinner 2010
Bester Film "The Hurt Locker" (Produktion Kathryn Bigelow, Mark Boal, Nicolas Chartier, Greg Shapiro)
Hauptdarstellerin Sandra Bullock, "The Blind Side"
Hauptdarsteller Jeff Bridges, "Crazy Heart"
Nebendarstellerin Mo'Nique, "Precious"
Nebendarsteller Christoph Waltz, "Inglourious Basterds"
Regie Kathryn Bigelow, "The Hurt Locker"
Nicht-englischsprachiger Film "El Secreto de Sus Ojos", Argentinien
Adaptiertes Drehbuch Geoffrey Fletcher, "Precious" nach dem Roman "Push" von Sapphire
Original-Drehbuch Mark Boal, "The Hurt Locker"
Kamera Mauro Fiore, "Avatar"
Schnitt Bob Murawski und Chris Innis, "The Hurt Locker"
Ausstattung Rick Carter, Robert Stromberg und Kim Sinclair, "Avatar"
Kostümdesign Sandy Powell, "The Young Victoria"
Ton Paul N.J. Ottosson und Ray Beckett, "The Hurt Locker"
Ton-Schnitt Paul N.J. Ottosson, "The Hurt Locker"
Maske Barney Burman, Mindy Hall und Joel Harlow, "Star Trek"
Spezial-Effekte Joe Letteri, Stephen Rosenbaum und Andrew R. Jones, "Avatar"
Original-Filmmusik Michael Giacchino, "Up"
Original-Song Ryan Bingham und T Bone Burnett, "The Weary Kind" aus "Crazy Heart"
Kurzfilm Joachim Back und Tivi Magnusson, "The New Tenants"
Animationsfilm Pete Docter, "Up"
Animations-Kurzfilm Nicolas Schmerkin, "Logorama"
Dokumentarfilm Louis Psihoyos und Fisher Stevens, "The Cove"
Kurz-Dokumentarfilm Roger Ross Williams und Elinor Burkett, "Music by Prudence"

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Forum - Oscarverleihung 2010 - Hat die Academy richtig entschieden?
insgesamt 441 Beiträge
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1. OSCAR-Theater.
GunB, 08.03.2010
Zielvorgabe: Deutschsprachige Schauspieler für OSCAR nominieren. Notwendige & hinreichende Bedingung: Nazirolle in Ami-Movie. Nebenwirkung: Vorurteile gegenüber heutigem Deutschland durch oberflächliche Amis. Frage: Besteht unsere Geschichte nur aus 12 Jahren Naziterror? Fazit: OSCAR wichtig? Nein.
2.
myschkin64 08.03.2010
Zitat von sysopChristoph Waltz hat einen, Sandra Bullock auch und gleich in sechs Kategorien gewann das Irakkriegsdrama "The Hurt Locker". "Avatar" ging dagegen in den wichtigen Kategorien leer aus. Die Oscars 2010 sind verliehen, sind die Entscheidungen der Academy richtig?
Richtig oder falsch, darüber lässt sich gerade nach Preisverleihungen immer schön streiten. Mich freut es jedenfalls für Christoph Waltz, der in den Inglourious Bastards unglaublich spielte - und der immer schon einer meiner großen Lieblingsschauspieler war.
3.
shaim74, 08.03.2010
ösi-nazi-oscar.
4. Waltz sagt :
systemfeind 08.03.2010
Zitat von sysopChristoph Waltz hat einen, Sandra Bullock auch und gleich in sechs Kategorien gewann das Irakkriegsdrama "The Hurt Locker". "Avatar" ging dagegen in den wichtigen Kategorien leer aus. Die Oscars 2010 sind verliehen, sind die Entscheidungen der Academy richtig?
"Quentin und seine ganz eigene Art zu führen " . Aha . man bemerkt die Absicht und ist verstimmt . Nur noch peinlich : brd systemknechte biedern sich bei der hollywoodpropagandamaschine an ; immer die Badekappe aufm Kopp und die Creme griffbereit . "es reibt sich den Kopf mit der Lotion ein , wann immer man es sagt "
5. die beste Figur
perpendicle, 08.03.2010
Zitat von sysopBekommt Christoph Waltz seinen Oscar? Wird "Avatar" mit Preisgold überschüttet? In Hollywood werden die begehrtesten Filmpreise der Welt vergeben. Verfolgen Sie im SPIEGEL-ONLINE-Liveblog, wer einen Goldjungen mit nach Hause nehmen darf. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,682028,00.html
Na ja, was am erfolgreichsten an den Kinokassen ist, ist für die Jury nicht auch gleich der beste Film. Christoph Waltz hat in dem "Italo German" ( die Nazis halten inzwischen ja für ein eigenes Genre her) "Inglorious Bastards" in seiner Rolle als "küss die Hand" SSler, nicht nur mit Originalität geglänzt . Gerade als Genieser "der nur seinen Job macht", wohin man ihn auch schickt, aber angewidert seine Zigarette im Schlagobers des Apfelstrudels ausdrückend plant "letztlich vom eleganten Genießer zum Überläufer zu werden, dürfte in dieser Rolle auch alle kritischen Bedenkentrüger befriedigt haben: Es gab nicht nur Überzeugungstäter (?) Das skurrile Drehbuch aus Fiktion und Wirklichkeit mit der Komponente "political correctness" ist typisch für Tarantino und kaum jemand merkt dabei, um was es ihm dabei geht. Übereinstimmungen mit wirklichen Personen sind dabei oft aber nicht "rein zufällig" und so war auch die große Überraschung eigentlich auch wieder keine: Der Hauptpreis für den "besten " Film" " went to" "The Hurt Locker" instead of James Cameron`s "Avatar " Auch ich habe den Film, der im Kino ein ein Flop war, nicht gesehen, gehe aber davon aus dass er wesentlich patriotischer ist. Avatars Drehbuch enthielt einige interessante Überlegungen wie das "Paradies war ein Dschungel" mit der Konsequenz einer sich nicht entwickelnden Gesellschaft und bearbeitete auch andere Ideale. Vieles darin war zwar naturwissenschaftlich vielleicht korrekt, bestand aber auch aus einigen nicht hinterfragten Klischees, wodurch die Handlung teilweise etwas zu "seicht" geriet und sich die Entwicklung etwas zu einfach machte. Die dadurch aber etwas wirkende kindliche Message war einfach und überzeugend, kam gut an und war damit trotz einiger beängstigender Szenen ab 12 freigegeben. der Preis für die beste Kamera und die special effects war aber mehr als verdient Man weiß aber: für einen Oskar braucht es schon einen gehörigeren Schuss überzeugenden Patriotismus mehr und nicht politische Anspielungen wie sie sich weder James Cameron oder Ridley Scott verkneifen können Hat James Cameron für seine Titanic Schnulze noch einen Oskar bekommen , so hat Ridley Scott dies inzwischen sicher aufgegeben . Er bekam noch immer keinen. Scott lässt sich und sein Markenzeichen , den analytischen Geist nicht korrumpieren weder druch eine goldene Statue noch durch softes brainwashing. Dafür überzeugte er - anders als z B Ron Haward der mit "A beautiful mind" eine Eintagsfliege blieb ,bisher auch immer wieder das Publikum durch seine sehr ansprechenden und intelligenten Loglines.
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