Oscars und Filmrummel Die Fassade steht - noch

Nach dieser politischen Oscarnacht könnte man meinen: Die Academy Awards sind endlich auf der Höhe der Zeit. Sind sie aber nicht. Dem System Hollywood stehen schmerzhafte Veränderungen bevor.

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Moderator Chris Rock: "Hollywood ist rassistisch"
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Moderator Chris Rock: "Hollywood ist rassistisch"


Drei Stunden und 37 Minuten Zukunftsvision - das waren die 88. Academy Awards. Oder so wollten sie zumindest aussehen. So viele schwarze Künstlerinnen und Künstler wie möglich auf die Bühne. Politische Stellungnahmen in möglichst vielen Sketchen und Dankesreden. Die besten TV-Comedians als Präsentatoren. In einem Jahr der schwersten Legitimitätskrise seit ihrem Bestehen entwarf die Verleihung ein Bild von sich, dem die Oscars erst noch gerecht werden müssen.

Denn so vielfältig, so pointiert, so politisch und popkulturell relevant wie diese Gala war - so ist die Branche nicht und auch nicht die vielen Filme, die von Hollywood aus ihren Weg in die Welt finden. Und selbst die politischen Statements klangen erstaunlich hohl, wenn man versucht sie in Deckung zu bringen mit dem, was an diesem Abend tatsächlich offizielle Anerkennung fand.

"The Hunting Grounds", der Film, zu dem Lady Gaga ihren erschütternden Song über Vergewaltigung beigesteuert hatte - er war gar nicht als bester Dokumentarfilm nominiert. Sam Smith nahm den Oscar als mutmaßlich erster offen schwul lebender Mann entgegen - aber nicht als Schauspieler oder für einen Film zum Thema, sondern für den mittelmäßigen Bond-Song "Writing's on the Wall". Und als zum Schluss Public Enemys Song "Fight the Power" erklang, war man schmerzlich daran gemahnt, dass Spike Lee - der den Song in seinem Klassiker "Do the Right Thing" verewigt hat - die Oscars in diesem Jahr boykottiert hat.

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Oscars: Hollywood ist happy!
So war die Preisverleihung im Vergleich zu den Vorjahren, als Ellen DeGeneres und Neil Patrick Harris für lahme Familienunterhaltung sorgten, zwar deutlich lebendiger und unterhaltsamer. Dennoch spukten etliche Geister durch den Abend. Es waren die Geister der nicht Nominierten, von Spike Lee und den Darstellern aus seinem neuen Film "Chi-Raq", vom Ensemble von "Straight Outta Compton" und von "Creed"- Macher Ryan Coogler. Und es waren die Geister eines verknöcherten Hollywoods, das lieber dreimal hintereinander Emmanuel Lubezki und zweimal hintereinander Alejandro G. Iñárritu auszeichnet, als junge Talente ins Rampenlicht zu holen.

Schmerzhafte Diskrepanz

Auf "Mad Max: Fury Road" konnten sich Branche, Kritiker und Publikum noch einigen - sechs Oscars waren nicht zuletzt das Ergebnis dieses Konsenses. Doch ein Einspielfilm von Chris Rock zur Mitte der Gala brachte die Diskrepanz, unter der die Academy seit Jahren zu leiden hat, sehr unterhaltsam, wenn auch sehr schmerzhaft, auf den Punkt. Für den Film interviewte Chris Rock Kinogänger im legendären Stadtteil Compton, woher die Mitglieder der Hip-Hop-Truppe NWA stammen, denen das Biopic "Straight Outta Compton" gewidmet war - das bis auf eine Nominierung für das beste Originaldrehbuch von der Academy ignoriert wurde.

Die von Rock interviewten Leute - alle schwarz - mussten bei einem Oscar-nominierten Film nach dem anderen passen. "Spotlight"? Nein, nicht gesehen. "Bridge of Spies"? Noch nicht mal was davon gehört. Aber "Straight Outta Compton" - den hatten alle Befragten gesehen. Hier zeichnete sich eine Spaltung der Zuschauer ab, die fast noch mehr totgeschwiegen wurde als die "so weiß"-Debatte: Über welche der nominierten Filme gibt es überhaupt noch lohnenswerte gesellschaftliche Diskussionen? Hat man es sich nicht viel zu lange in seiner kleinen weißen Ecke gemütlich gemacht?

Im Video: Chris Rocks furioser Eröffnungsmonolog

In diesem Jahr kann die Augenwischerei noch gut gehen. Dann kann die Präsenz von Kevin Hart, Pharrell Williams und Quincy Jones als Präsentatoren durchgehen als guter Wille, den die Academy und nicht zuletzt deren Vorsitzende Cheryl Isaac Boone zeigen wollen. Doch 2017 müssen die Fortschritte vor und hinter den Kulissen sichtbar werden.

Dann müssen mehr schwarze Crew-Mitglieder und Kreative Platz an den Sets haben, dann müssen schwarze Figuren mehr als Freunde und Helfershelfer von Weißen sein. Und natürlich müssen endlich wieder Schwarze unter die Nominierten für die Darstellerpreise.

Doch im Gegensatz zur Gala kann die Branche nicht einfach Chris Rock engagieren und aus dem Stand auf schwarz und spitzzüngig umschalten. Sie muss sich nachhaltig für nichtweiße, nichtmännliche, nichtheterosexuelle Menschen öffnen und deren Geschichten erzählen.

Das wird langwierig, mühsam und erfordert echten Einsatz. Wie Academy-Präsidentin Cheryl Boone sagte: "Zuhören und zustimmen reicht nicht." Jeder müsse Minderheiten und People of Colour empfehlen, einbinden und beschäftigen. "We need opportunities", bekräftigte es denn auch Chris Rock in seinem Eröffnungsmonolog. Alles steht und fällt mit den Chancen, die schwarzen Kreativen gegeben wird.

Da die Filmbranche von allen Zweigen der Kulturindustrie mutmaßlich die Langsamste ist, werden sich ernsthafte Veränderungen erst spät zeigen. 2017 kann deshalb das Jahr werden, in dem der Wandel, dem sich Hollywood so lange widersetzt hat, noch schmerzhafter vermisst wird als 2016. Dann werden die 88. Oscars als Theater in schaler Erinnerung bleiben - als ein Stück, das für drei Stunden und 37 Minuten das Gefallen seines Publikums fand. Und bei der nächsten Aufführung schon ausgebuht wurde.

Die Oscar-Gewinner im Videoüberblick
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Stars auf dem roten Teppich: Das sitzt. Oder auch nicht.

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Hannah Pilarczyk
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Hannah Pilarczyk ist Redakteurin im Kultur-Ressort von SPIEGEL ONLINE.

  • E-Mail: Hannah.Pilarczyk@spiegel.de

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
dosmundos 29.02.2016
1.
Klar hätte ein Film wie Chi-Raq nominiert gehört. Aber für ein "We need opportunities" wären auch konkrete Beispiele notwendig, wie dies erreicht werden kann. Diese Gelegenheiten verschafft ja nicht die Academy. Letztlich spiegeln die nominierten Filme US-amerikanische Realität. Filme über Trapper im 19. Jahrhundert, die Redaktion des Boston Globe, Trader an der Wall Street oder den "ersten Transsexuellen", alle mehr oder weniger basierend auf realen Personen - wo hätte da eine Filmrolle an einen farbigen Schauspieler vergeben werden können? Man hätte einen Schwarzen auf den Mars schicken können statt Matt Damon, okay. Doch wenn ein Gegenargument sein sollte, dass Matt Damon im Gegensatz zu einem Farbigen eher die hohe Zuschauerzahl garantiert, die ein solcher Film benötigt, sind wir so weit wie vorher.
Vex 29.02.2016
2.
"Die von Rock interviewten Leute - alle schwarz - mussten bei einem Oscar-nominierten Film nach dem anderen passen. "Spotlight"? Nein, nicht gesehen. "Bridge of Spies"? Noch nicht mal was davon gehört. Aber "Straight Outta Compton" - den hatten alle Befragten gesehen." Das empfand ich ehrlich gesagt gestern als Schuss der nach hinten losging. Es hat gelinde gesagt eher die schwarzen Kinogänger enttarn als Hollywood. Filme wie Spotlight und The Big Short sollte auch jeder Schwarze gesehen haben. Gerade diese beiden Filme haben Bedeutung frei von Hautfarbe. Creed und Straight out of Compton hingegen waren zwar gut aber eben Bedeutungslos. Vor allem der NWA Film weil er eben nicht DrDre Gewalt gegen Frauen thematisiert sondern totschweigt. Macht den Film zwar nicht schlechter aber nimmt ihm Bedeutung und macht ihn eben zu fiktiver Unterhaltung.
Jan Wein 29.02.2016
3.
Der Anteil der Afroamerikanischen Bevölkerung liegt in den USA bei etwa 13%. Betrachtet man die Verleihungen Best Actor/Actress und supporting Actor/Actress von 1995-2015, sieht man das 12.5% der Nominierten afroamerikanischen Hintergrund hatten. Bei den Gewinnern bei best Actor waren es 15%. Ich sehe bei diesen Zahlen keine Unterrepräsentation von Leuten mit afroamerikanischem Hintergrund.
miss_moffett 29.02.2016
4.
Umwälzungen? Ach was, Will Smith und Spike Lee werden nächstes Jahr für egal was nominiert und schon herrscht wieder Friede.
erkrath 29.02.2016
5. Doppelmoral
Im Spon-Artikel "Damenmode bei den Oscars" kann man das schönste Outfit wählen - von den 25 zur Wahl stehenden Damen ist eine (!) farbig. Das sagt doch viel darüber aus, auf welcher "Höhe der Zeit" man hier tatsächlich ist.
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