Aus Los Angeles berichtet Marc Pitzke
Nun also gibt es endlich doch noch einen Skandal. Einen winzigen zwar nur, möchten Außenseiter meinen, doch hier in Hollywood, wo andere Kriterien gelten als irgendwo sonst auf der Welt, hat die Geschichte sofort Riesenwellen geschlagen.
Schuld ist Nikki Finke, die meistgefürchtete, meistgehasste Klatschreporterin der Branche. In ihrem Blog Deadline brach sie am Samstag das größte Tabu Hollywoods: Sie publizierte den streng geheimen Ablaufplan der Oscar-Show (ab 1.30 Uhr Liveticker auf SPIEGEL ONLINE).
Finke enthüllte Comedy-Einlagen, Show-Blöcke, Eröffnungs- und Schlussnummer, wie oft sich Co-Moderatorin Anne Hathaway umzieht und, allein das bislang ein traditionelles Mysterium, welche Altstars am Ende die Top-Oscars für Regie und den besten Film aushändigen. Finkes Prophezeiung über die Dreieinhalb-Stunden-Show, die weltweit von Hunderten Millionen Zuschauern live gesehen werden dürfte: "Mal wieder eine Schnarchnummer."
Dieser typisch-gnadenlose Querschlag ist es jedoch nicht, woran sich die Oscar-Gralshüter bei der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences (Ampas) reiben. Es ist Finkes Missachtung der ehernen Spielregeln, nach denen die Oscar-Verleihung auch diesmal choreografiert wird, zum 83. Mal seit 1929.
Und so verhängte die Ampas einen Tag vor dem inszenierten Drama im Kodak Theatre das Oscar-Todesurteil gegen Finke: Sie verbannte sie von der Show und vom Mode-Aufmarsch am rotem Teppich. "Uns wurde verboten, über die Oscars zu berichten, weil wir über die Oscars berichtet haben", amüsiert sich Finke.
Ein Sturm im Wasserglas? "NikkiLeaks", wie sich der Blogger Greg Mitchell freut? So oder so: Die Affäre offenbart die defensive Bunkermentalität Hollywoods, das weiter mit Finanzproblemen kämpft, um seinen Exklusivstatus als Filmhauptstadt der Welt fürchtet - und deshalb nichts dem Zufall überlassen will, bis hin zum kleinsten Detail.
Movies, Marketing und Millionenumsätze
Denn so sehr die Ampas auch wütet über die Enthüllung ihres Quasi-Staatsaktes - es sollte ihr nur recht sein. Denn anders als früher fehlt es der aktuellen Oscar-Saison an schlagzeilen-, sprich quotenträchtigen Kontroversen. Zwar versuchten die US-Medien unermüdlich, diverse Oscar-Reizthemen aufzubauschen. Etwa, dass diesmal kein einziger schwarzer Schauspieler nominiert sei ("Hollywoods Weißwäsche", murrte die "New York Times"). Oder dass der Performance-Künstler Banksy, für seinen Dokumentarfilm "Exit Through the Gift Shop" nominiert, die Show schockieren werde ("Oscars Banksy-Problem", orakelte der Hollywood-Blog "The Wrap"). Doch nichts zog.
Das ist nicht zuletzt das Ergebnis der strikten Oscar-Regie: Die Filme sind überwiegend Mainstream, die Stars allesamt beliebt, die beiden Moderatoren Hathaway und James Franco handzahm-ungefährlich - und die Nominierungskriterien zwar so byzantinisch wie immer, doch diesmal meist unbeanstandet von egomanischen Produzenten und Filmmogulen.
Genau das ist eben die Crux, die die Veranstalter plagt: Sie sind längst gefangen in ihrer eigenen Routine, in jener perfekt geölten Maschinerie aus Movies, Marketing und Millionenumsätzen, mit der sie sich jedes Jahr am Hollywood-Boulevard selbst zelebrieren. Kaum ein US-Event in Friedenszeiten geht mit so viel Vorausplanung über die Bühne wie die Oscar-Verleihung, mit so viel Geheimniskrämerei, so vielen Schutzmaßnahmen für den Eventualfall. Der militärisch eingefädelte Pomp verhindert aber genau das, was die Zuschauer wirklich fasziniert: Spontaneität und Überraschung.
Erstmals sind Turnschuhe erlaubt
"Milliarden Menschen sehen diese Show", verteidigt Ampas-Präsident Tom Sherak den Drill in einer Probenpause. "Das ist eine Riesensache." Neben ihm steht Don Mischer, der Co-Produzent der Gala, der Erfahrung hat mit Mega-Spektakeln. Obwohl er unter anderem Barack Obamas Vereidigungskonzert produzierte, macht ihm die Unberechenbarkeit der Oscars Angst: "Bloß keine Papierzettel!", appelliert er an die designierten Gewinner. Eine elektronische Zeitanzeige im Teleprompter wird diese denn auch sanft auf die Begrenzung der Dankesreden hinweisen - 45 Sekunden.
Die weniger prominenten Oscar-Teilnehmer - Crew, Bühnenarbeiter, Beleuchter, Techniker, Reporter - müssen Verpflichtungserklärungen unterzeichnen und darin anerkennen, dass sie mit Verstößen gegen die Ampas-Vorschriften "zivilrechtliche / kriminelle Strafverfolgung" riskieren. Die Anweisungen für die 1920 Journalisten, unter ihnen 89 Fotografen, umfassen sieben Seiten: welches Material ab wann freigegeben ist, welche Geräte verboten sind, wo fotografiert werden darf und wo auf keinen Fall, unter Androhung von Platzverweis.
Selbst die Kleiderordnung der Berichterstatter ist festgeschrieben: Abendgarderobe für die Damen, Smoking für die Herren. Mit einer einzigen Ausnahme in diesem Jahr: Erstmals sind Turnschuhe erlaubt - so sie schwarz sind.
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