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09. August 2018, 14:03 Uhr

Änderungen bei den Oscars

Wem die neue Filmkategorie nützt

Eine Analyse von

Die Oscarverleihung soll wieder mehr Zuschauer anziehen. Die Pläne dazu sind noch unausgegoren - und sie könnten vor allem einem Konzern dienen.

Ob die Academy of Motion Pictures, Arts and Sciences mit ihrer Ankündigung, die Oscarverleihung runderneuern zu wollen, ab 2019 tatsächlich wieder mehr Zuschauer anziehen kann, steht in den Sternen. Die Aufmerksamkeit von Menschen und Medien in den USA war ihr mit der Vorstellung der Pläne immerhin sicher. Allerdings nicht auf die von ihr gewünschte Weise.

Denn der vermeintliche Befreiungsschlag endete in einem PR-Desaster. Was vor allem daran liegt, dass die Academy den Eindruck macht, dass sie dringend etwas ändern will, aber selbst nur eine nebulöse Vorstellung davon hat, wie das funktionieren soll.

Zwei der Neuerungen sind relativ klar: Die Oscarverleihung wird ab 2020 vorverlegt und damit enger an andere Entertainment-Preise wie die Golden Globes angebunden. Die Show soll kürzer werden, indem Preise in für ein Massenpublikum nicht so spannenden Kategorien wie mutmaßlich Bester Tonschnitt oder Bester Kurzfilm in den Werbepausen vergeben werden.

Fragezeichen, Verwunderung und Spott dagegen löst der Plan aus, ab kommendem Jahr schon eine neue Kategorie einzuführen, die Bester populärer Film heißen soll. Zunächst herrschte noch Verwirrung darüber, ob sie 2019 oder 2020 Premiere feiern soll, eine Sprecherin musste zuerst für Klarheit sorgen. Völlige Unklarheit herrscht allerdings weiterhin, was die Kriterien für eine solche Kategorie betrifft. Die Academy hat bisher schlicht keine benannt.

Wie also kürt man den populärsten Film? Wäre das nicht automatisch der mit den besten Einspielergebnissen? Aber welche will man zugrunde legen - die in den USA oder die weltweiten? Die Unterschiede können immens sein, nicht umsonst sind Filmmärkte in Übersee, vor allem in China, für Hollywood in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. "Die Mumie" mit Tom Cruise etwa war 2017 in den USA mit nur 80 Millionen Dollar Einspielergebnis ein veritabler Flop; weltweit setzte der Fantasy-Blockbuster aber 329 Millionen Dollar um.

Ein widersprüchliches, unmögliches Unterfangen

Wenn die Academy nun eine Liste mit zehn Filmen festlegt, der elfte aber nur ein paar Hunderttausend Dollar weniger eingespielt hat - ist er dann wirklich weniger populär? Und was ist mit Filmen, die erst kurz vor der Verleihung starten und zu diesem Zeitpunkt noch keine Publikumsmagneten sind, sondern langsam dazu werden? Das war zuletzt bei "Greatest Showman" mit Hugh Jackman der Fall, der im Dezember 2017 mit nur acht Millionen Dollar an den Kinokassen der USA startete und einige Monate später weltweit 435 Millionen Dollar eingespielt hatte.

Die Liste der Fragen ließe sich weiter fortsetzen - ganz abgesehen davon, dass die Popularität eines Films sich natürlich nicht mit seinem wirtschaftlichen Erfolg gleichsetzen lässt. Einen Film per Juryentscheidung als populär zu erklären, ist eben ein in sich widersprüchliches, ein unmögliches Unterfangen. Ganz abgesehen davon, dass die Filmemacher, die in dieser Kategorie gewinnen, sich fühlen dürften, als säßen sie am Oscar-Katzentisch.

Denn der Beste Film wird ja weiterhin gewählt. Und der sollte bei der noch immer populärsten Filmpreisverleihung der Welt doch per Definition auch einen gewissen Grad an Popularität besitzen. Dass in den vergangenen Jahren mit "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" oder "Moonlight" fast nur unabhängig produzierte Filme in dieser Kategorie gewonnen haben, liegt daran, dass Hollywood größtenteils aufgehört hat, vielfältige Filme in großer Bandbreite, in verschiedenen Genres und für verschiedene Publikumsschichten zu machen. Die Studios konzentrieren sich auf Blockbuster mit ihren Sequels, Prequels und cinematic universes, weil die die größte Rendite versprechen.

Genau diese Sorte Film, die die Kinokassen weltweit regiert, zur Entwicklung der Kunstform Film aber wenig beiträgt und gesellschaftliche Entwicklungen nicht, nur im Subtext oder mit großer Verspätung abbildet, soll nun mit einem Preis geadelt werden. Fraglich, ob sich damit Zuschauer zurückgewinnen lassen, vor allem jüngere, die den Fernseher ohnehin nur noch selten einschalten.

Die Marktmacht von Disney

Als Marketinginstrument ist der Oscar aber natürlich weiterhin begehrt. Genau das dürfte auch der Grund dafür sein, warum der Sender ABC, der die Oscarverleihung in den USA überträgt und sie sich in einem Vertrag bis ins Jahr 2028 ans Bein gebunden hat, die Academy auf die Idee mit der neuen Kategorie brachte.

Das Branchenblatt "Variety" zeichnet detailliert nach, wie die ABC-Bosse nach den desaströsen Einschaltquoten der Verleihung 2018 Druck auf die Academy und ihren gerade erst wiedergewählten Präsidenten John Bailey ausübte. Pikant daran: ABC gehört dem Disney-Konzern. Genau wie Lucasfilm und Marvel, die mit den " Star Wars"-Filmen und Comicverfilmungen wie "Avengers: Infinity War" für die größten Blockbuster sorgen.

Wenn also mit "Avengers: Infinity War" bei der Oscarverleihung 2019 der erste populärste Film der Oscar-Geschichte ausgezeichnet würde, dann wäre das ein Produkt des Konzerns, der die Veranstaltung finanziert und für ihre Ausstrahlung sorgt. Das beste Beispiel für die Marktmacht von Disney, die in den USA immer lauter angeprangert wird.

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