Änderungen bei den Oscars Wem die neue Filmkategorie nützt

Die Oscarverleihung soll wieder mehr Zuschauer anziehen. Die Pläne dazu sind noch unausgegoren - und sie könnten vor allem einem Konzern dienen.

Szene aus "Avengers: Infinity War"
Marvel

Szene aus "Avengers: Infinity War"

Eine Analyse von


Ob die Academy of Motion Pictures, Arts and Sciences mit ihrer Ankündigung, die Oscarverleihung runderneuern zu wollen, ab 2019 tatsächlich wieder mehr Zuschauer anziehen kann, steht in den Sternen. Die Aufmerksamkeit von Menschen und Medien in den USA war ihr mit der Vorstellung der Pläne immerhin sicher. Allerdings nicht auf die von ihr gewünschte Weise.

Denn der vermeintliche Befreiungsschlag endete in einem PR-Desaster. Was vor allem daran liegt, dass die Academy den Eindruck macht, dass sie dringend etwas ändern will, aber selbst nur eine nebulöse Vorstellung davon hat, wie das funktionieren soll.

Zwei der Neuerungen sind relativ klar: Die Oscarverleihung wird ab 2020 vorverlegt und damit enger an andere Entertainment-Preise wie die Golden Globes angebunden. Die Show soll kürzer werden, indem Preise in für ein Massenpublikum nicht so spannenden Kategorien wie mutmaßlich Bester Tonschnitt oder Bester Kurzfilm in den Werbepausen vergeben werden.

Ab 2019 soll die Oscar-Statuette auch für den populärsten Film vergeben werden
DPA

Ab 2019 soll die Oscar-Statuette auch für den populärsten Film vergeben werden

Fragezeichen, Verwunderung und Spott dagegen löst der Plan aus, ab kommendem Jahr schon eine neue Kategorie einzuführen, die Bester populärer Film heißen soll. Zunächst herrschte noch Verwirrung darüber, ob sie 2019 oder 2020 Premiere feiern soll, eine Sprecherin musste zuerst für Klarheit sorgen. Völlige Unklarheit herrscht allerdings weiterhin, was die Kriterien für eine solche Kategorie betrifft. Die Academy hat bisher schlicht keine benannt.

Wie also kürt man den populärsten Film? Wäre das nicht automatisch der mit den besten Einspielergebnissen? Aber welche will man zugrunde legen - die in den USA oder die weltweiten? Die Unterschiede können immens sein, nicht umsonst sind Filmmärkte in Übersee, vor allem in China, für Hollywood in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. "Die Mumie" mit Tom Cruise etwa war 2017 in den USA mit nur 80 Millionen Dollar Einspielergebnis ein veritabler Flop; weltweit setzte der Fantasy-Blockbuster aber 329 Millionen Dollar um.

Ein widersprüchliches, unmögliches Unterfangen

Wenn die Academy nun eine Liste mit zehn Filmen festlegt, der elfte aber nur ein paar Hunderttausend Dollar weniger eingespielt hat - ist er dann wirklich weniger populär? Und was ist mit Filmen, die erst kurz vor der Verleihung starten und zu diesem Zeitpunkt noch keine Publikumsmagneten sind, sondern langsam dazu werden? Das war zuletzt bei "Greatest Showman" mit Hugh Jackman der Fall, der im Dezember 2017 mit nur acht Millionen Dollar an den Kinokassen der USA startete und einige Monate später weltweit 435 Millionen Dollar eingespielt hatte.

Die Liste der Fragen ließe sich weiter fortsetzen - ganz abgesehen davon, dass die Popularität eines Films sich natürlich nicht mit seinem wirtschaftlichen Erfolg gleichsetzen lässt. Einen Film per Juryentscheidung als populär zu erklären, ist eben ein in sich widersprüchliches, ein unmögliches Unterfangen. Ganz abgesehen davon, dass die Filmemacher, die in dieser Kategorie gewinnen, sich fühlen dürften, als säßen sie am Oscar-Katzentisch.

"Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" wurde 2017 als bester Film ausgezeichnet
Twentieth Century Fox

"Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" wurde 2017 als bester Film ausgezeichnet

Denn der Beste Film wird ja weiterhin gewählt. Und der sollte bei der noch immer populärsten Filmpreisverleihung der Welt doch per Definition auch einen gewissen Grad an Popularität besitzen. Dass in den vergangenen Jahren mit "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" oder "Moonlight" fast nur unabhängig produzierte Filme in dieser Kategorie gewonnen haben, liegt daran, dass Hollywood größtenteils aufgehört hat, vielfältige Filme in großer Bandbreite, in verschiedenen Genres und für verschiedene Publikumsschichten zu machen. Die Studios konzentrieren sich auf Blockbuster mit ihren Sequels, Prequels und cinematic universes, weil die die größte Rendite versprechen.

Genau diese Sorte Film, die die Kinokassen weltweit regiert, zur Entwicklung der Kunstform Film aber wenig beiträgt und gesellschaftliche Entwicklungen nicht, nur im Subtext oder mit großer Verspätung abbildet, soll nun mit einem Preis geadelt werden. Fraglich, ob sich damit Zuschauer zurückgewinnen lassen, vor allem jüngere, die den Fernseher ohnehin nur noch selten einschalten.

Die Marktmacht von Disney

Als Marketinginstrument ist der Oscar aber natürlich weiterhin begehrt. Genau das dürfte auch der Grund dafür sein, warum der Sender ABC, der die Oscarverleihung in den USA überträgt und sie sich in einem Vertrag bis ins Jahr 2028 ans Bein gebunden hat, die Academy auf die Idee mit der neuen Kategorie brachte.

Das Branchenblatt "Variety" zeichnet detailliert nach, wie die ABC-Bosse nach den desaströsen Einschaltquoten der Verleihung 2018 Druck auf die Academy und ihren gerade erst wiedergewählten Präsidenten John Bailey ausübte. Pikant daran: ABC gehört dem Disney-Konzern. Genau wie Lucasfilm und Marvel, die mit den " Star Wars"-Filmen und Comicverfilmungen wie "Avengers: Infinity War" für die größten Blockbuster sorgen.

Wenn also mit "Avengers: Infinity War" bei der Oscarverleihung 2019 der erste populärste Film der Oscar-Geschichte ausgezeichnet würde, dann wäre das ein Produkt des Konzerns, der die Veranstaltung finanziert und für ihre Ausstrahlung sorgt. Das beste Beispiel für die Marktmacht von Disney, die in den USA immer lauter angeprangert wird.

insgesamt 18 Beiträge
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alt-nassauer 09.08.2018
1. Das Frage ich mich Grundsätzlich...
Wer Entscheidet das ein Film ein sogenannter Blockbuster wird und das Massen im Prinzip zu einem 08/15 Filmchen ins Kino rennen? Nur geschicktes Marketing, ein wenig Promi-Bonus vor und Hinter der Kamera, eine gehypte Geschichte, Klatsch und Tratsch und binnen weniger Tagen und dank Sozial-Media schon Stunden, ist ein solches Filmchen der Renner. Also mein letzter Kino-Besuch, weil es ja so gut wie keine Kino mehr gibt, die sich auf Kurzfilme, weniger US Produktion und unabhängig von Kino-Ketten sind - sogenannte Programm-Kino´s. Liegt bestimmt so 10 Jahre her. Für mich immer noch das Beispiel wie sich Leute durch Preise wie den Oscar manipulieren lassen. Das Piano lief bei Erscheinung 1993 in unserem Programm-Kino als Geheim-Tipp. Da hatte der Film aber schon Preise in Australien eingeheimst. Im Text hieß es zum Film tolle Aufnahmen (Neuseeland), interessante Geschichte und sehr gute Schauspielerische Leistung. Mich hat der Film dann mal dazu bewegt ins Kino zugehen.... Sage und schreibe 20 Zuschauer! Tja dann wurde der Film Monate später Oscar 1994 prämiert, drei an der Zahl. Der Film wurde dann nochmal ins Programm aufgenommen. Eine Kino-Vorstellung reichte dann bei ca. 100 Sitzplätzen in dem Kino dann nicht mehr. Meines Wissens waren es ca. drei Vorstellung. Das war nun für mich der endgültige Beweis wie manipulativ Kino-Besucher sind. Sehr wenige wirklich Wissen was gute Filme sind. Sofern auch die Drehbücher der US Film Produktionen vom jeweiligen Geldgeber auch unterstützt werden. Da liegen Tausende Drehbücher auf Halde, weil es den Sponsoren nicht schmeckt. Aber die Brause schmeckt der Weltbevölkerung. US Filme die das US Militär wie Top-Gun im Guten Licht zeigen, die bekommen direkt in Los Angeles alle Hilfe des Staats um auf Militär-Gelände oder Flugzeugträger zu filmen. Für mich ist die Filmbranche noch verlogener als die Musikindustrie. Ich freue mich immer wieder auf Abende bei arte oder 3sat, in denen man Europäische Filmkunst zeigt - insbesondere Französisches, Belgisches und auch Spanisches Kino. Der Europäische Film geht wegen der ganzen Manipulation unter. Jeder hechelt dem Blockbuster, der Eigentlich 08/15 ist, ins Kino und weiß gar nicht wie er dieser Industrie noch mehr Geld in die Taschen spült. Das für angebliche "Kunstwerke"....
benmartin70 09.08.2018
2.
Zitat von alt-nassauerWer Entscheidet das ein Film ein sogenannter Blockbuster wird und das Massen im Prinzip zu einem 08/15 Filmchen ins Kino rennen? Nur geschicktes Marketing, ein wenig Promi-Bonus vor und Hinter der Kamera, eine gehypte Geschichte, Klatsch und Tratsch und binnen weniger Tagen und dank Sozial-Media schon Stunden, ist ein solches Filmchen der Renner. Also mein letzter Kino-Besuch, weil es ja so gut wie keine Kino mehr gibt, die sich auf Kurzfilme, weniger US Produktion und unabhängig von Kino-Ketten sind - sogenannte Programm-Kino´s. Liegt bestimmt so 10 Jahre her. Für mich immer noch das Beispiel wie sich Leute durch Preise wie den Oscar manipulieren lassen. Das Piano lief bei Erscheinung 1993 in unserem Programm-Kino als Geheim-Tipp. Da hatte der Film aber schon Preise in Australien eingeheimst. Im Text hieß es zum Film tolle Aufnahmen (Neuseeland), interessante Geschichte und sehr gute Schauspielerische Leistung. Mich hat der Film dann mal dazu bewegt ins Kino zugehen.... Sage und schreibe 20 Zuschauer! Tja dann wurde der Film Monate später Oscar 1994 prämiert, drei an der Zahl. Der Film wurde dann nochmal ins Programm aufgenommen. Eine Kino-Vorstellung reichte dann bei ca. 100 Sitzplätzen in dem Kino dann nicht mehr. Meines Wissens waren es ca. drei Vorstellung. Das war nun für mich der endgültige Beweis wie manipulativ Kino-Besucher sind. Sehr wenige wirklich Wissen was gute Filme sind. Sofern auch die Drehbücher der US Film Produktionen vom jeweiligen Geldgeber auch unterstützt werden. Da liegen Tausende Drehbücher auf Halde, weil es den Sponsoren nicht schmeckt. Aber die Brause schmeckt der Weltbevölkerung. US Filme die das US Militär wie Top-Gun im Guten Licht zeigen, die bekommen direkt in Los Angeles alle Hilfe des Staats um auf Militär-Gelände oder Flugzeugträger zu filmen. Für mich ist die Filmbranche noch verlogener als die Musikindustrie. Ich freue mich immer wieder auf Abende bei arte oder 3sat, in denen man Europäische Filmkunst zeigt - insbesondere Französisches, Belgisches und auch Spanisches Kino. Der Europäische Film geht wegen der ganzen Manipulation unter. Jeder hechelt dem Blockbuster, der Eigentlich 08/15 ist, ins Kino und weiß gar nicht wie er dieser Industrie noch mehr Geld in die Taschen spült. Das für angebliche "Kunstwerke"....
Also wer Blockbuster als Kunstwerke bezeichnet der hat was nicht verstanden. Die wollen nur eins Geld einspielen und unterhalten. Wenn bei einem Film in der Kritik steht: tolle Landschaftsaufnahmen ! war es das für mich. Dann hat er keine Handlung. Für einen leisen Anspruchsvolleren Film gehe ich nicht ins Kino, den kann ich mir gut zuhause auf dem grossen TV mit Surroundanlage anschauen. Wenn es kracht und spektakulär ist dann gerne im Riesen- Imax.....
tim.merk22 09.08.2018
3. 329 Millionen Dollar?
Der Artikel stellt es so dar als ob 329 Millionen Dollar weltweites Einspielergebnis ein Erfolg oder zumindest kein Misserfolg wäre. Dabei kann ein Studio bei einem Triple-A Film heutzutage froh sein wenn es mit 329 Millionen die Produktionskosten und die massiven Werbekosten wieder rein bekommt. Wenn man bedenkt das der Film den Start in ein eigenes Filmuniversum, das dark universe, markieren sollte das wegen dem fehlenden Erfolg gestrichen wurde ist das sogar ein sehr schlechtes Ergebnis.
jeby 09.08.2018
4.
Die neue Kategorie des populärsten Films ist doch eine Verbesserung zu früher. Leider hatten diese Filme früher keine Chance eine größere Kategorie zu gewinnen. Es gewannen ständig unpopuläre billig Filme, die aber nicht wirklich besser sind als die teuren Blockbuster. Es wurde also ständig der Geschmack der Massen komplett ignoriert, was schade war. Allerdings wird es den Effekt haben, dass die Kategorie des besten Films abgewertet wird, da dort dann nur Filme konkurrieren, von denen noch niemand je gehört hat, während in der populärsten Film Kategorie dann all die Filme sind, die die Leute kennen und lieben. Vielleicht wäre es das Beste, wenn es nur die Kategorie des besten Films geben würde, aber dafür nur die 15 Filme mit den größten weltweiten Einspielergebnissen nominiert würden.
jeby 09.08.2018
5.
""Die Mumie" mit Tom Cruise etwa war 2017 in den USA mit nur 80 Millionen Dollar Einspielergebnis ein veritabler Flop; weltweit setzte der Fantasy-Blockbuster aber 329 Millionen Dollar um." Weltweit waren es 409 Millionen bei einem Budget von 125 Millionen. https://www.boxofficemojo.com/movies/?id=mummy2016.htm Da zusätzlich auch noch Werbekosten dazukommen, war dieser Film kein großer Erfolg, auch nicht weltweit gesehen. Er wird wohl keinen Verlust gemacht haben, aber auch keinen wirklichen Gewinn. In der Filmrangliste von 2017 ist er gerade mal auf Platz 23. https://www.boxofficemojo.com/yearly/chart/?view2=worldwide&yr=2017&p=.htm Ich würde nur die Top 15 oder sogar nur die Top 10 in der weltweiten Rangliste berücksichtigen.
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