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28. Februar 2011, 08:43 Uhr

Oscars 2011

Stotter-König besteigt Hollywoods Thron

Von Felix Bayer, und , Hamburg und Los Angeles

Das royale Rührstück "The King's Speech" hat die Top-Kategorien gewonnen, der Traum-Thriller "Inception" die technischen Disziplinen, und auch für den Facebook-Film fanden sich noch drei Goldjungs: Bei der 83. Oscar-Verleihung hatte jeder Spaß - bis auf die Zuschauer und ein Bruderpaar.

Los Angeles/Hamburg - Immerhin, Kirk Douglas schien seinen Spaß gehabt zu haben - selbst wenn viele Zuschauer von seinem Auftritt seltsam berührt gewesen sein dürften. 94 Jahre ist die Schauspiellegende jetzt alt, und als sie die Bühne des Kodak Theatre in Los Angeles betrat und dort die Oscar-Vergabe an die beste Nebendarstellerin moderierte, werden sich etliche gefragt haben: Hätte man den Mann nicht vor sich selbst schützen müssen? Nicht nur war Douglas sehr schwach auf den Beinen, er blieb über weite Strecken seiner Rede fast unverständlich, so sehr nuschelte der große alte Mann des amerikanischen Kinos.

Das war's dann aber auch mit potentiellen Aufregern bei einer Zeremonie, die vor allem durch ihre Biederkeit auffiel - auch was die Preisvergabe angeht, denn die US-Filmkunst-Akademie verteilte die Oscars mit der Gießkanne. Vier Preise für " Inception", drei für " The Social Network", je zwei für "The Fighter", " Alice im Wunderland" und " Toy Story 3", der Hauptdarstellerinnen-Oscar für " Black Swan" - es wirkte, als sollte jeder Favorit ein bisschen was abbekommen.

Am Ende hebt sich mit " The King's Speech" allerdings doch ein Film von der Konkurrenz ab, obwohl er nach zwölf Nominierungen auch nur in vier Kategorien gewann. Das Historiendrama um den stotternden König George VI. und dessen Verhältnis zu seinem Sprachtherapeuten gewann in der Nacht zu Montag drei der vier wichtigsten Preise, darunter die Königskategorie, den Oscar für den besten Film. Auch Tom Hooper, Regisseur des gefälligen Erbauungsfilms, und der brillante Hauptdarsteller Colin Firth konnten die begehrte Trophäe mit nach Hause nehmen, dazu wurde das Original-Drehbuch von David Seidler ausgezeichnet.

Firth protestierte recht energisch dagegen, dass die US-Zensurbehörde diese Woche nachträglich noch Flüche aus "The King's Speech" geschnitten habe, um den Film jugendfrei zu machen. "Das unterstütze ich nicht." Er persönlich hasse Schimpfwörter und Kraftausdrücke, vor allem, wenn seine Kinder in der Nähe seien. "Aber im Kontext des Films könnte das nicht erbaulicher, angemessener sein."

Steife Gags, dürftige Show-Einlagen

Der Oscar für die beste Hauptdarstellerin ging an die favorisierte Natalie Portman, die eine langsam wahnsinnig werdende Ballerina in "The Black Swan" verkörperte. "Das ist verrückt", rief die 29-jährige Portman nach ihrer Auszeichnung; eine Ansicht, die niemand recht teilen wollte: Portman erntete selbst von den sonst skeptischen Hollywood-Reportern im Backstage-Bereich des Kodak Theatre Applaus, so sehr gönnten ihr alle die Auszeichnung. Als sie den Journalisten gegenübertrat, wirkte sie scheu, sprach leise und sanft - und hielt ihren Oscar mit beiden Händen vor ihrem schwangeren Bauch umklammert.

Für Natalie Portman ist es der erste Oscar, sie konnte sich unter anderem gegen Nicole Kidman und Annette Bening durchsetzen. Beste Nebendarsteller wurden Melissa Leo und Christian Bale, die in David O. Russells "The Fighter", einem Sportlerdrama mit sozialkritischen Untertönen, einen in die Jahre gekommenen, drogenabhängigen Boxer und dessen Mutter spielen. Auch für den 37-jährigen Bale, den die meisten Kinogänger eher als Bruce Wayne alias Batman kennen dürften, ist es der erste Oscar.

Die Leistung der Moderatoren dagegen dürfte weniger enthusiastisch beurteilt werden: Mit steif vorgetragenen Gags und dürftigen Show-Einlagen hangelten sich Anne Hathaway und James Franco durch die Show. Das Jungschauspieler-Pärchen war engagiert worden, um jüngere Zuschauer anzusprechen, sah dabei aber schlecht aus und wurde mehr als einmal von den Gast-Moderatoren ausgestochen; etwa von Billy Crystal, der selbst bereits mehrfach durch Oscar-Verleihungen geführt hat und mit seinem charmant augenzwinkernden Ton das überforderte Moderatoren-Duo zumindest kurzzeitig vergessen ließ.

Christopher Nolans Science-Fiction-Thriller "Inception" gewann seine insgesamt vier Oscars in den technischen Kategorien (Kamera, Tonschnitt, Ton, Visuelle Effekte). Im Vorfeld als großer Konkurrent für "The King's Speech" gehandelt, gewann der Facebook-Film "The Social Network" drei Preise - für den Schnitt, die Filmmusik (von Nine-Inch-Nails-Mann Trent Reznor und Atticus Ross) und das beste adaptierte Drehbuch (von Aaron Sorkin) - aber verlor in den wichtigsten Kategorien gegen das Monarchendrama "The King's Speech".

Zum besten animierten Spielfilm wurde ein Sequel gekürt: "Toy Story 3". Die Auszeichnung für den besten nicht-englischsprachigen Film ging an die dänische Produktion "In a Better World". Zum besten Dokumentarfilm wurde "Inside Job" von Charles Ferguson und Audrey Marrs gewählt. Seinen zweiten Oscar bei seiner 20. Nominierung gewann Randy Newman. Die Academy-Mitglieder zogen seinen Filmsong "We Belong Together" aus "Toy Story 3" allen anderen vor.

Die in Nebenkategorien nominierten deutschen Oscar-Kandidaten gingen leer aus. Der in Frankfurt geborene Komponist Hans Zimmer war mit seiner Musik zu "Inception" ins Rennen gegangen. Ihn ereilte dasselbe Schicksal wie die Trickfilmer Jakob Schuh und Max Lang: kein Goldjunge. Die Filmemacher aus Ludwigsburg in Baden-Württemberg waren mit ihrem Werk "Der Grüffelo" in der Kategorie bester animierter Kurzfilm nominiert. Für die besten Spezialeffekte wurden die Computerspezialisten von "Inception" ausgezeichnet - und nicht der Deutsche Stephan Trojanski, der an Clint Eastwoods Drama "Hereafter" beteiligt war.

Ohne Trophäe kehren auch Joel und Ethan Coen von der 83. Oscar-Gala zurück. Ihr Western "True Grit" war in zehn Kategorien nominiert, gewann aber in keiner - der einzige Favorit, den die Academy offenbar überhaupt nicht bedenken wollte. Die Regie-Brüder dürfte es da wenig getröstet haben, dass die Veranstalter die Show mit einer Kinderchor-Version des Kitsch-Klassikers "Somewhere over the Rainbow" beendeten. Aber da die Coens bereits zuvor zu Oscar-Ehren gekommen sind, werden sie die kleine Niederlage vermutlich bald vergessen - so wie viele Zuschauer eine recht maue Zeremonie.

feb/tdo/dpa/dapd/Reuters

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