Die Oscar-Show 2015 Tja, da ging auch mal ein Witz in die Hose

Sie wollen mitreden bei den Oscars, haben die Verleihung aber verschlafen? Warum trug Moderator Neil Patrick Harris plötzlich nur noch Unterwäsche? Wer brillierte, wer rutschte auf der größten Galabühne der Welt aus? Lesen Sie hier, wie die Show lief.

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Wie schlug sich Barney, ähem, Neil Patrick Harris?

Bei den Tony Awards 2013 legte der "How I Met Your Mother"-Star ein achtminütiges Musical-Spektakel hin und sah danach trotzdem noch so apart aus wie ein frisch gepuderter Babypopo. Auch die Oscars eröffnete der 41-Jährige mit musikalischem Schmiss: In einer Tour de Force durch die Filmgeschichte besang er gemeinsam mit Anna Kendrick, die im glitzrigen Prinzessinnenkleid ihre Rolle als Cinderella in "Into the Woods" weiterlebte, die großen Hollywood-Klassiker; irgendwann mischte sich noch ein trollender Jack Black dazu. Nett. Was folgte, war aber eher durchwachsen: So verspottete Harris übergangslos das Kleid von Dana Perry, die noch Sekunden zuvor in ihrer Dankesrede von Selbstmord als gesellschaftlichem Tabu gesprochen hatte. Ziemlich daneben.

Aber... Barney?!

Ja, okay, ein paar Scherze gingen klar: Harris irrte halbnackert durch die Garderobe und landete in weißer Unterhose auf der Bühne - eine Anspielung auf den späteren Gewinnerfilm "Birdman". Auch machte er schlüpfrige Anspielungen auf Ben Affleck und Matt Damons innige romantische Beziehung.

Mehr zu lachen gab's nicht?

"Ida"-Regisseur Pawel Pawlikowski, der den Oscar für den besten fremdsprachigen Film einheimste, bedankte sich gefühlt bei der ganzen Welt und referierte dann freimütig den Alkoholkonsum seiner Crew ("Die sind jetzt betrunken." Und: "Ich mag euch, weil ihr einen Drink vertragt.") Das zog er so lange durch, dass das Orchester ihn zweimal ausspielen musste. Amüsant.

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Oscar-Gala: Jetzt wird's politisch!
Sonst noch gute Dankesreden?

Patricia Arquette widmete ihren Preis allen Frauen, die ein Kind auf die Welt gebracht haben. Und forderte dann energisch gleiche Löhne für Männer und Frauen in den USA. Ethan Hawke lachte wohlwollend; Meryl Streep hielt es vor Begeisterung nicht mehr auf ihrem Sitz. Politisch war es ohnehin: Laura Poitras, die für ihren Dokumentarfilm "Citizenfour" über Edward Snowden einen Oscar bekam, brachte ihren Mitstreiter Glenn Greenwald mit auf die Bühne und wandte sich direkt an alle Whistleblower. Leider machte Harris wieder einen ziemlich unglücklichen Witz: Snowden, der in Russland Zuflucht gesucht hat, könne wegen "some kind of treason" (=Verrats) nicht bei der Gala dabei sein. Das Lachen fiel leise aus.

Und der emotionalste Moment?

Wes Anderson muss nicht nur ein fabelhafter Regisseur, sondern auch ein großartiger Boss sein. Milena Canonero, die für das beste Kostümdesign in "Grand Budapest Hotel" ausgezeichnet wurde, weinte und bedankte sich überschwänglich. Anderson saß mit verzückt gefalteten Händen ergriffen im Publikum. Schöner Moment. Richtig groß wurde die Rührung, als die Sprache auf "Selma" kam. Im Vorfeld hatte die Behandlung des Bürgerrechtsdramas durch die Academy zu einer Debatte über Rassismus in der Filmbranche geführt, weil weder Regisseurin Ava DuVernay noch Hauptdarsteller David Oyelowo für einen Oscar nominiert wurden. Das Thema zog sich durch die Verleihung: John Legend, der für "Selma" für den besten Filmsong ausgezeichnet wurde, sagte, dass heute mehr Schwarze unter Kontrolle der Justiz seien als zu Zeiten der Sklaverei: "Wir sind bei euch. Lauft weiter." David Owoleyo, der in "Selma" Martin Luther King spielt, hatte Tränen in den Augen. Standing Ovations.

Gab es richtig peinliche Momente? Naomi Watts haute gegen das Mikro, Benedict Cumberbatch lächelte dazu. "Tegan and Sara" performten mit Island und Questlove von den Roots die Pophymne "Everything is Awesome" aus dem Animationserfolg "Lego Movie": Das war einerseits peinlich, weil übelstes Product Placement. Die Sänger verteilten auch noch Oscars aus Lego im Publikum (von denen auch Harris danach noch einen penetrant in die Kamera hielt). Andererseits bildete der Auftritt aber auch einen schönen Ausbruch aus der ganzen Bedeutungsschwere. Die Performance mit Bauarbeiteroutfits und Batmankostümen sah aus wie die psychedelische Version eines Auftritts der Village People.

Nicht ein winziges Skandälchen? Eventuell die 160.000 Dollar teuren Geschenktüten, die die Stars bekamen. Harris kommentierte die Dekadenz ironisch: "Darin: Luxusreisen und ein Panzerwagen, um sicher zu sein, wenn die Revolution kommt." Ansonsten aber: Fehlanzeige. Selbst Lady Gaga, die "The Sound of Music" trällerte, sah in einem weißen Wallekleid für ihre Verhältnisse extrem... normal aus?! Nur ihre Haare schillerten in einem exzentrischen Grau.

Fazit: Viel Politik, wenig Spaß. Darf ja auch mal sein.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Hochbeet 23.02.2015
1. Langweilig war es nicht
im Gegensatz zu deutschen Preisverleihungen.
xcountzerox 23.02.2015
2. beeindruckend:
ganz ganz toller film. die sprüche des regisseurs fand ich auch treffend und witzig. den oscar hätte ich keaton sehr gewünscht. "birdman" ist nicht nur die oft zitierte story über ein comeback, sondern eine geschichte über einen menschen, der um seine selbstachtung und gegen die selbstzweifel mit aller kraft ankämpft. bezüglich der erziehung eigener kinder, des eigenen bisherigen lebens und noch vielen anderen ebenen. wes anderson mit "gbh" mal wieder genial und die schauspieler ebenfalls. julianne moore muss ich mir noch anschauen. jedenfalls endlich einen oscar erhalten. der ehren-oscar an miyazaki: top! insgesamt fand ich diese verleihung erfrischend und interessant. der moderator kann es mal wieder gerne übernehmen. mir hat "barnie" sehr gut gefallen. eine der wenigen enttäuschungen, oder eine art entsetzte sprachlosigkeit: das kleid von Anna Pinnock. nichts gegen etwas ältere und üppiger geratene damen. aber etwas selbstkritik und ehrliche berater sollte man gerade bei den oscars besitzen. eine reine katastrophe war dieses aussehen.
Mimimat 23.02.2015
3. Schön
Letzte Nacht war Oskaverleihung. Fein. Ist auch klar, dass dazu was geschrieben wird. Genauso klar ist, dass es mehr wird, als nur ein Einzeiler. Aber muss die Selbstbeweihräucherungsshow der Filmindustrie auf aktuell sieben(!) Artikeln "besprochen" werden? Wer so ins Detail gehen will, der kann sich ja die "Gala", die "Neue Woche", "Frau im Spiegel" oder wie die ganzen Blätter heissen, besorgen.
torstenschäfer 23.02.2015
4. Übersetzung
John Legend sagte: "When people march with our song, we want to tell you: we see you, we are with you, we love you, and march on." SPON macht daraus: "Wir sind bei euch. Lauft weiter."
Lelas 23.02.2015
5. Gab es richtig peinliche Momente?
Ja doch. Kein Wunder, wenn der Hauptdarsteller von Selma nicht nominiert wurde. Nicht mal "Fachjournalisten kennen seinen Namen... David Oyelowo? David Owoleyo? Sach mal, SPON!
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