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Oscars 2015 - Analyse: Die größte Überraschung: Jazz!

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"Birdman" und "Grand Budapest Hotel" gewinnen jeweils vier Oscars: In unserer Schnellanalyse erfahren Sie, welche Filmemacher die Jury geehrt und welche sie verschmäht hat - und welche Filme Sie wirklich gucken sollten.

Wer sind die großen Gewinner?

"Wes, du bist ein Genie. Das ist gut", sagte Alexandre Desplat, Komponist der Filmmusik zu "Grand Budapest Hotel" bei den diesjährigen Oscars. Und fasste damit lakonisch zusammen, was sich auch die Academy gedacht haben muss: Regisseur Wes Anderson und sein größtenteils über lange Jahre gewachsenes Team gewannen die Oscars für das beste Kostümdesign, das beste Make-up, das beste Szenenbild und die beste Filmmusik. Andersons achter Langfilm war mit neun Nominierungen als Favorit gehandelt worden.

Und auch der zweite große Favorit, "Birdman", gewann insgesamt viermal - was ein gutes Zeichen ist, denn der Film ist eine Satire über das Showbusiness, also letztlich über Hollywood. Alejandro González Iñárritu erhielt im Gegensatz zu Wes Anderson zwei der wichtigsten Auszeichnungen - "Beste Regie" und "Bester Film". Hat man auch das letzte Jahr im Blick, ist "Birdman"-Kameramann Emmanuel Lubezki einer der großen Sieger schlechthin: Erst 2014 hatte der Mexikaner den Preis für "Gravity" gewonnen - und nun für den Film seines Landsmannes Iñárritu. Die gesamte Oscar-Nacht können Sie in unserem Minuten-Protokoll nachlesen.

Zu den Gewinnern zählen zudem Eddie Redmayne, der für seine Darbietung des Physikers Stephen Hawking geehrt wurde und auf der Bühne nach Luft schnappen musste; Patricia Arquette als beste Nebendarstellerin, die mit ihrer Dankesrede zur Lage der Nation in Sachen Gleichberechtigung fix zur Heldin der Nacht avancierte; Julianne Moore, die bei der fünften Nominierung endlich die Trophäe gewann - für ihre Hauptrolle als an Alzheimer Erkrankte in "Still Alice"; der ruhig erzählte Schwarz-Weiß-Film "Ida" als bester fremdsprachiger Film - wofür sich Regisseur Pawel Pawlikowski mit einer überschwänglichen Rede bedankte, während der er jegliche Zeitbeschränkungen vergaß; und zu guter Letzt Edward Snowden, der dem Vernehmen nach von Moskau aus zusah: "Citizenfour", Laura Poitras' Porträt über den Whistleblower, bekam den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Was ist die größte Überraschung dieser Nacht?

Bei den diesjährigen Oscars wurde das Wörtchen Überraschung klein bis unlesbar geschrieben. Als größte "Überraschung" können wohl die vielen Auszeichnungen für Damien Chazelles Jazzerfilm "Whiplash" gelten - unter anderem für den besten Ton und den besten Schnitt. Mit J.K. Simmons, der zu Recht für seine Darstellung eines besessenen Schlagzeuglehrers den Oscar für den besten Nebendarsteller gewann.

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Oscars 2015: No Surprises
Und wer sind die Verlierer?

Richard Linklaters ambitioniertes Langzeitprojekt "Boyhood" ist einer der Verlierer - trotz eines Oscars für Arquette. Aber bei sechs Nominierungen ist das doch als Schlappe zu werten.

In "Birdman" geht es um einen abgehalfterten Kino-Superhelden. Und dessen Auferstehung hätte man im Rahmen der diesjährigen Oscars gern gesehen - in Gestalt von Michael Keaton, der ein fantastisches Comeback hingelegt hat, sich aber gegenüber einem mit Minimialismus hervorstechenden Redmayne nicht durchsetzen konnte.

Einen traurigen Verlierer gab es dieses Jahr schon im Vorfeld: Nominiert waren in diesem Jahr fast ausschließlich Weiße - und das, obwohl auch genügend Schwarze würdige Preisträger gewesen wären. Allen voran Ava DuVernay, Regisseurin des Martin-Luther-King-Jr.-Biopics "Selma". Die Academy hätte, DuVernays Filmstoff entsprechend, ein Zeichen setzen können - denn bislang ist noch nie eine schwarze Frau für die beste Regie nominiert und damit auch nicht ausgezeichnet worden.

Und welche Oscarfilme sollte man unbedingt gesehen haben?

Was, Sie kennen "Grand Budapest Hotel" nicht? Gut, das können Sie ja ändern - und das sollten Sie auch, denn der Film ist ein detailverliebtes Meisterwerk. Die Abenteuergeschichte um den stets wohlparfümierten Concierge Gustave H. ist letztlich ein Selbstporträt von Anderson, der sich im Protagonisten seines Films spiegelt: Gustave, der eine bunte Traumwelt schafft, die von der grauen Wirklichkeit bedroht ist.

Und obwohl "Boyhood" nur einen Academy Award gewonnen hat, sollten Sie ihn auf Ihre Liste schreiben. Richard Linklaters Coming-of-Age-Film beeindruckt allein schon dadurch, dass die Schauspieler im Laufe der Dreharbeiten wirklich herangewachsen sind. Eine filmische Pionierarbeit, weil Linklater den Film an knapp 40 Tagen verteilt über einen Zeitraum von zwölf Jahren gedreht hat.

Für Fans des europäischen Ausnahmekinos ist "Ida", das minimalistische Drama des polnischen Filmemachers Pawel Pawlikowski, ein Must-see. Der Film war in den Kategorien "Beste Kamera" und "Bester fremdsprachiger Film" nominiert - und wurde für Letzteres geehrt. Zu Recht. "Ida" erzählt die Geschichte einer Novizin, die erfährt, dass sie Jüdin ist. Ein Film über Identität und Schuld, angesiedelt in der gefährlichen wie historisch hochinteressanten Zeit des polnischen Stalinismus.

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