Oscar-Nominierungen 2016 Weiß und dreckig

Auch wenn "The Revenant" und "Mad Max: Fury Road" die Oscar-Nominierungen beherrschen: Die Academy hat diesmal viel Umsicht bewiesen und ihre Aufmerksamkeit klug verteilt - von Sylvester Stallone bis Charlotte Rampling.

Warner Bros.

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Hier würden nicht die besten Filme ausgezeichnet, sondern die Mitarbeiter des Jahres gekürt. So mosern Filmkritiker gern herum, wenn es an die Oscars geht. Tatsächlich bündeln andere Preisverleihungen viel bessere Filme - der Europäische Filmpreis zum Beispiel. Ebenso belegen die zwölf Nominierungen für das Western-Epos "The Revenant", dass sich die Academy von einem Film hat beeindrucken lassen, der von der Regie über die Darsteller bis zur Bildgestaltung das filmische Gegenstück zu dem Kollegen ist, der sich in Meetings breitbeinig neben den Chef setzt und am lautesten von allen redet.

Insgesamt haben die Mitglieder der Academy 2016 jedoch erstaunliche Umsicht bewiesen: Jenseits der dröhnenden Kraftakte "The Revenant" und "Mad Max: Fury Road", deren Hauptdarsteller nicht zufällig Dreck wie eine Kampfbemalung tragen, punkteten etliche ruhige Werke. Todd Haynes' brillantes Liebesdrama "Carol" fehlt zwar schmerzlich in den Rubriken "Bester Film" und "Beste Regie", konnte aber Nominierungen für seine Darstellerinnen Cate Blanchett und Rooney Mara sowie für adaptiertes Drehbuch, Kamera und Musik sichern.

Tom McCarthys zurückhaltend-beobachtender Film "Spotlight" (Deutschlandstart: 25. Februar) über das Journalistenteam, das das Ausmaß des Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche in den USA enthüllte, ist als bester Film im Rennen und kann darüber hinaus noch Nominierungen für die besten Nebendarsteller (Rachel McAdams, Mark Ruffalo), das beste Original-Drehbuch, den besten Schnitt und die beste Regie aufweisen. Vor der Verleihung der Golden Globes und Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen galt "Spotlight" sogar als Favorit auf den Oscar als bester Film. Jetzt ist wohl "The Revenant" der Film, den es zu schlagen gilt.

Von "Anchorman" zu den Oscars

Ohne den PR-Schub, den eine Premiere bei einem der großen Festivals mit sich bringt, hat es zudem Adam McKays furiose Groteske "The Big Short" über die Finanzkrise aus dem Stand zu fünf Nominierungen gebracht, unter anderem als bester Film, für die beste Regie und das beste Original-Drehbuch. Von "Anchorman" zu den Oscars: Neben "Mad Max"-Veteran George Miller dürfte McKay wohl zu den Kandidaten gehören, die vor einem Jahr noch niemand in Oscar-Nähe vermutet hätte.

Jenseits der großen Liebe, die die Academy auch Steven Spielbergs "Bridge of Spies" (sechs Nominierungen) und Ridley Scotts "Der Marsianer" (sieben) zuteil werden ließ, hat sie zudem einige bemerkenswerte Leistungen aus weniger beachteten Filmen heraus separiert. Charlotte Ramplings hochkonzentrierte Darstellung in "45 Years" zum Beispiel, Alex Garlands raffiniertes Original-Drehbuch von "Ex Machina" oder Roger Deakins' grandiose Kamera in "Sicario", die einen ansonsten mittelmäßigen Film veredelte.

Ganz spurlos scheint außerdem die Debatte darüber, dass die Oscars schwarze Künstlerinnen und Künstler gewohnheitsmäßig ignorieren, an der Academy auch nicht vorbeigegangen zu sein. Für Nominierungen für Will Smith oder Michael B. Jordan als beste Darsteller hat es zwar noch nicht gereicht. Aber mit Sylvester Stallone ("Creed") unter den Kandidaten für die beste Nebenrolle und einer Würdigung des Drehbuchs von "Straight Outta Compton" hat die Academy zu erkennen gegeben, dass sie Filme mit afroamerikanischen Sujets immerhin wahrnimmt.

Viel Fortschritt ist das zugegebenermaßen noch nicht. Aber über irgendetwas an diesem Oscar-Jahrgang muss Moderator Chris Rock am 28. Februar, wenn die Preise in Los Angeles vergeben werden, ja auch noch Witze machen können.

Die wichtigsten Nominierungen im Überblick:

BESTER FILM: "The Revenant - Der Rückkehrer", "Spotlight", "The Big Short", "Der Marsianer - Rettet Mark Watney", "Bridge of Spies - Der Unterhändler", "Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten", "Room", "Mad Max: Fury Road"

BESTE REGIE: Tom McCarthy ("Spotlight"), Alejandro González Iñárritu ("The Revenant - Der Rückkehrer"), George Miller ("Mad Max: Fury Road"), Lenny Abrahamson ("Room"), Adam McKay ("The Big Short")

BESTE HAUPTDARSTELLERIN: Cate Blanchett ("Carol"), Brie Larson ("Room"), Saoirse Ronan ("Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten"), Charlotte Rampling ("45 Years"), Jennifer Lawrence ("Joy - Alles außer gewöhnlich")

BESTER HAUPTDARSTELLER: Leonardo DiCaprio ("The Revenant - Der Rückkehrer"), Michael Fassbender ("Steve Jobs"), Eddie Redmayne ("The Danish Girl"), Bryan Cranston ("Trumbo"), Matt Damon ("Der Marsianer - Rettet Mark Watney")

BESTE NEBENDARSTELLERIN: Jennifer Jason Leigh ("The Hateful Eight"), Rooney Mara ("Carol"), Rachel McAdams ("Spotlight"), Alicia Vikander ("Ex Machina"), Kate Winslet ("Steve Jobs")

BESTER NEBENDARSTELLER: Christian Bale ("The Big Short"), Mark Ruffalo ("Spotlight"), Mark Rylance ("Bridge of Spies - Der Unterhändler"), Sylvester Stallone ("Creed - Rocky's Legacy"), Tom Hardy ("The Revenant - Der Rückkehrer")

BESTER FREMDSPRACHIGER FILM: "Son of Saul" (Ungarn), "Theeb" (Jordanien), "A War" (Dänemark), "Mustang" (Frankreich), "Der Schamane und die Schlange" (Kolumbien)

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