Debatte über Oscar-Boykott Zu weiß, zu langsam

Nur Weiße unter den nominierten Schauspielern? Für die Oscars ist das der Normalfall - aber nicht mehr für die Zuschauer, die vom Fernsehen mittlerweile Vielfalt gewöhnt sind. Der Oscar-Boykott schwarzer Kreativer dürfte deshalb nur der Anfang sein.

Keine Oscar-Rede wert: Mya Taylor (l.) und Kitana Kiki Rodriguez in "Tangerine"
Kool

Keine Oscar-Rede wert: Mya Taylor (l.) und Kitana Kiki Rodriguez in "Tangerine"

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Es beginnt diplomatisch: "Ich möchte die großartige Arbeit der diesjährigen Nominierten würdigen." Dann wird es schnell drängend: "Während wir ihre außergewöhnlichen Leistungen feiern, bricht mir die fehlende Inklusion das Herz und frustriert mich. Dies ist eine schwierige, aber wichtige Auseinandersetzung, und es ist Zeit für große Veränderungen."

So energisch wie am Montag hat sich Cheryl Boone Isaac, Präsidentin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences und damit verantwortlich für die Oscars, noch nie geäußert. Aber es sind ja auch besondere Zeiten.

Was sich an Ärger vor einem Jahr noch unter dem Hashtag #oscarssowhite entlud, führt nun zu Taten: Sowohl der diesjährige Ehren-Oscar-Gewinner Spike Lee als auch Schauspielerin Jada Pinkett Smith haben angekündigt, die Preisverleihung wegen fehlender Vielfalt zu boykottieren. Pinkett Smiths Ehemann Will galt im Vorfeld als Oscar-Kandidat für das Sportlerdrama "Eine erschütternde Wahrheit", wurde dann aber ebenso wie Idris Elba ("Beasts of No Nation"), Michael B. Jordan ("Creed") oder das Ensemble von "Straight Outta Compton" nicht berücksichtigt.

Von den Oscars ignoriert: Idris Elba in "Beasts of No Nation"
Netflix

Von den Oscars ignoriert: Idris Elba in "Beasts of No Nation"

Die längste Zeit haben sich die Oscars schwergetan, die Leistungen von Künstlerinnen und Künstlern of colour anzuerkennen. 36 Jahre vergingen zwischen den Auszeichnungen von Sidney Poitier (1963) und Denzel Washington (1999) als beste Hauptdarsteller, 2005 gewann Jamie Foxx als dritter schwarzer Mann überhaupt den Hauptdarsteller-Preis. Erst zehn schwarze Frauen wurden in der 87 Jahre langen Geschichte der Academy als beste Hauptdarstellerin nominiert, und Halle Berry ist bislang die Einzige, die je gewinnen konnte.

In den Nebendarsteller-Kategorien sieht es etwas besser aus, dort wurden fünf Männer und sechs Frauen ausgezeichnet. Doch in den US-Medien steigt die Ungeduld mit den Oscars - nicht weil ein vermeintlich politisch korrekter Zeitgeist darauf drängt, dass jede Minderheit ungeachtet ihrer Leistungen berücksichtigt werden muss. Sondern weil das Serienfernsehen Maßstäbe in Sachen Vielfalt gesetzt hat.

Bei den TV-Preisen ist es mittlerweile Normalität, dass unter den Drama-Hauptdarstellerinnen Taraji P. Henson und Viola Davis gegeneinander antreten und mal die eine bei den Emmys (Davis), mal die andere bei den Globes (Henson) gewinnt. Im Comedy-Bereich ist das Feld mit Don Cheadle, Andre Braugher, Tituss Burgess, Keegan-Michael Key und Jordan Peele sogar noch gedrängter. Und wer Latinas und Asian-Americans auf dem Bildschirm sehen will, kann sich aussuchen, ob er lieber "Jane the Virgin" oder "Orange is the New Black", "Master of None" oder "Fresh Off the Boat" einschalten mag.

Golden Globe Gewinnerin 2016: Taraji P. Henson für "Empire"
REUTERS

Golden Globe Gewinnerin 2016: Taraji P. Henson für "Empire"

Von einer solchen Öffnung scheint die Filmbranche noch weit entfernt zu sein. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Produktion von Filmen im Vergleich zu Serien viel langwieriger ist und sich Innovationen zum Teil erst Jahre später bemerkbar machen - der Widerhall des kommerziellen Erfolgs von schwarzen Erzählungen wie "Creed" oder "Straight Outta Compton" dürfte erst in einiger Zeit vernehmbar werden.

Der Strukturkonservatismus der Academy reicht aber noch einmal weiter als jener der Branche insgesamt. Nicht nur ignorieren die Oscar-Nominierungen bereits etablierte Talente. Sie verkennen auch technische Neuerungen. Mit Spike Lees "Chi-Raq" und Cary Fukunagas "Beasts of No Nation" wurden nämlich zwei prominente Filme aus der Oscar conversation ausgeschlossen, die nicht nur durch ihre schwarzen Ensembles herausstechen, sondern auch durch ihre neuartigen Vertriebswege: "Chi-Raq" ist parallel zum Kinostart auf dem Streaming-Dienst Amazon, "Beasts of No Nation" auf Netflix erschienen.

Ähnlich gelagert der Fall von Sean Bakers Sundance-Hit "Tangerine" (noch ohne deutschen Starttermin): Die temporeiche Komödie über zwei schwarze Transgender-Prostituierte wurde ausschließlich auf iPhones gedreht und von der Branche als eine der größten Innovationen des Filmjahres 2015 gefeiert. Dass die Kampagne zur Nominierung von Hauptdarstellerin Mya Taylor, einer schwarzen Transgender-Frau, erfolglos war - fast schon selbstverständlich.

Das Problem, das die Academy hat, ist also ein noch umfassenderes als unterschwelliger Rassismus: Sie hinkt der Zeit heillos hinterher. Oscarssowhite? Oscarssoslow!

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, dass Sidney Poitier und Denzel Washington die bislang einzigen schwarzen Preisträger in der Rubrik "Bester Hauptdarsteller" wären. 2005 und 2007 gewannen auch Jamie Foxx bzw. Forest Whitaker den Oscar in dieser Rubrik. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Hannah Pilarczyk, Jahrgang 1977, studierte Politik- und Rechtswissenschaften in Hamburg und Glasgow. Nach dem Abschluss der Berliner Journalistenschule arbeitete sie von 2004 bis 2007 als Medienredakteurin bei der "taz". Von 2007 bis 2009 war sie Redakteurin bei NEON. Seit Oktober 2009 Redakteurin im Kulturressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Hannah_Pilarczyk@spiegel.de

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Seite 1
arrache-coeur 19.01.2016
1.
Tangerine: "Die temporeiche Komödie über zwei schwarze Transgender-Prostituierte wurde ausschließlich auf iPhones gedreht und von der Branche als eine der größten Innovationen des Filmjahres 2015 gefeiert." - Innovativ heißt nicht automatisch gut. "schwarze Transgender-Prostituierte" sprach möglicherweise nur eine Minderheit einer Minderheit an.
arrache-coeur 19.01.2016
2.
Tangerine: "Die temporeiche Komödie über zwei schwarze Transgender-Prostituierte wurde ausschließlich auf iPhones gedreht und von der Branche als eine der größten Innovationen des Filmjahres 2015 gefeiert." - Innovativ heißt nicht automatisch gut. "schwarze Transgender-Prostituierte" sprach möglicherweise nur eine Minderheit einer Minderheit an.
hovoba 19.01.2016
3. ...nicht ganz!
Es gab da noch Forest Whitaker 2007 als bester Hauptdarsteller!
christoph_sieler 19.01.2016
4. Diversität
Das Problem ist doch vielmehr, dass Filme mehr und mehr auf die Märkte in Europa und nochmehr Asien zugeschnitten sein müssen um Geld zu verdienen, wo nicht-weisse Schauspieler einfach weniger Zugkraft haben (mit einigen prominenten Ausnahmen wie Will Smith).
seb2016 19.01.2016
5. Fr. Pilarczyk,
vielleicht mal besser informieren. Denzel Washingtons Gewinn war für das Jahr 2001. Und was ist mit Jamie Foxx (2004) und Forest Whitaker (2006)?
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