Hinter den Kulissen der Oscars Was Hollywood wirklich bewegt

Die Oscar-Show bemüht sich, alle aktuellen Hollywood-Kontroversen anzusprechen, darunter die #MeToo-Debatte. Die wirklich bewegenden Momente gibt es abseits der Kameras.

Nicole Kidman und Jordan Peele bei der 90. Verleihung der Oscars
ABC/ Getty Images

Nicole Kidman und Jordan Peele bei der 90. Verleihung der Oscars

Aus Los Angeles berichtet


Nachdem Jordan Peele für die Rassismus-Parabel "Get Out" den Drehbuch-Oscar bekommen hat, den ersten für einen Afroamerikaner, versucht er in der Werbepause, von der Bühne zu seinem Platz zurückzufinden. Es wird ein Hindernislauf, nicht nur, weil sich die Stars mal schnell die Füße vertreten wollen und in den Gängen herumstehen. Nein: Einer nach dem anderen will ihm gratulieren.

Denzel Washington springt auf und schüttelt ihm die Hand. Mary J. Blige und Daniel Day-Lewis umarmen ihn, ebenso Lupita Nyong'o und Winston Duke aus dem Megahit "Black Panther". "Get Out"-Darsteller Daniel Kaluuya sinkt ihm an die Schulter und schließt für einen Moment die Augen, wie in Trance.

Endlich erreicht Peele seinen Plüschsitz im Dolby Theatre, das viel imposanter ist, als es auf dem Bildschirm aussieht. Als die Show weitergeht, tippt Peele - den die meisten zuvor nur als TV-Komiker kannten - einen Tweet in sein Handy: "Ich habe gerade einen Oscar gewonnen. WTF?!?"

Solche Momente gibt es immer bei den Oscars, doch diesmal haben sie Gewicht. Momente hinter den Kulissen, abseits der glitzernden Bühne und des roten Teppichs, die viel mehr über das erzählen, was gerade in Hollywood und der Welt los ist, als die aalglatte, kantenlose Fernsehgala.

Dabei bemüht sich die Regie, alle Reizthemen für die Zuschauer daheim anzusprechen: Harvey Weinstein, Hollywoods Machtmissbrauch, #MeToo, die Rolle der Frauen, Rassismus, Hass auf Latino-Immigranten, Donald Trump. Die Geschichte Hollywoods will auch gewürdigt werden, dies sind ja die 90. Academy Awards. Happy Birthday, Oscar! Oder doch nicht ganz so happy?

Volles Programm jedenfalls. Die fast vierstündige Inszenierung greift alle Kontroversen auf, doch rührt sie diese dann zur Hollywood-Sauce zusammen, mit Montagen, Filmclips, Appellen, Konfetti und den #MeToo-Witzen des Moderators Jimmy Kimmel. Sogar als Frances McDormand als beste Hauptdarstellerin gewinnt und eine erwartungsgemäß fulminante Rede über den Aufstand der Frauen in Hollywood hält, schrammelt ihr das Orchester den Uralthit "That's Entertainment" hinterher. Sprich: Ist alles Teil der Show.

Protest droht zu verpuffen

Backstage wird McDormand deshalb deutlicher. Die #MeToo-Debatte, so macht sie klar, drohe sich in Phrasen, Hashtags und kommerzialisiertem Protest zu verlieren. Stattdessen fordert die Schauspielerin schon in ihrer Dankesrede konkrete Handlungen, etwa den so genannten "Inclusion Rider", eine 50-Prozent-"Diversitätsklausel" für Hollywood, "nicht nur beim Casting, auch bei der Crew".

Der Weinstein-Skandal sei ja nur ein Anstoß für etwas viel Größeres gewesen, was wiederum nicht nur Frauen betreffe und sich schon lange vor "Harveygate" angedeutet habe: "Wir kehren nicht um", ruft McDormand. "Der Wandel ist da." Sie stampft mit dem Fuß auf. "Das endet nicht hier!"

Nicht nur in McDormands Auftritt offenbart sich, dass die Berufung der Filmemacher für soziale Streitthemen oft identisch ist mit ihrer Berufung fürs Filmemachen - und dass Kino im besten Fall beides verknüpft. Auch wenn die Oscar-Show das diesmal bei all den engagierten Dankesreden auf der Bühne etwas vergisst

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Stars auf dem roten Teppich: Die Oscars sind bunt

Sanfter und müder, doch nicht minder deutlich ist Allison Janney, die beste Nebendarstellerin. Hinter der Bühne zieht sie zuerst ihre hohen Schuhe aus. "Oh, meine Füße", sagt sie über die stundenlangen, antiquierten Laufstegqualen, denen sich die Frauen hier bis heute unterwerfen. Und ihr luftiges Kleid: "Mir ist eiskalt!"

Janney, wie Peele bisher ein Fernsehstar, kann es immer noch nicht fassen. Sie schluckt. Was sich für sie nun ändere? Janney lacht: "Ich muss morgen um zehn bei einer Probe von 'Mom' sein", ihrer TV-Serie. "Ich bin froh, dass ich noch einen Job habe." Und das ist weiterhin nicht selbstverständlich für eine 58-Jährige hier, trotz #MeToo und Time's Up.

Momente wie solche, in denen sich Lockerheit mit Ernst vermischen, sind bezeichnend für diese Oscar-Verleihung und deren Spagat zwischen Glamour und Protest. Doch leider bekommen die meisten Fernsehzuschauer diese Momente nicht mit.

Umstrittener Reporter

Sie sehen nur den Glamour auf dem roten Teppich, jenem 300 Meter langen Fashion-ParcFours, aber nicht, dass darunter eine schlaglochvernarbte Straße steckt, der Hollywood Boulevard. Sie sehen den TV-Moderator Ryan Seacrest, den "King of the Red Carpet", aber nicht, dass die meisten Stars ihn diesmal meiden, weil er selbst der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde.

Sie sehen die tollen Kleider, diesmal wieder farbig und nicht in Protestschwarz, aber nicht, dass hinter den Sperrholzwänden der Hollywood-Stern des seinerseits entehrten Kevin Spacey dezent überklebt wurde und direkt daneben der - wieder mal von Aktivisten zerstörte - Stern des Donald Trump.

Das Licht, die Kameras, die Stars, all das verleiht der Szenerie etwas Traumhaft-Unwirkliches. Die Realität soll hinter den Absperrzäunen bleiben.

Doch sie ist längst da. Das gilt auch für die Omnipräsenz von Schwarzen und Latinos hier, Gegenstand der letzten großen Hollywood-Krise (#OscarsSoWhite). Von der vor allem Backstage allgegenwärtigen Lupita Nyong'o - in Mexiko geboren, in Kenia aufgewachsen, vor vier Jahren noch unbekannt - bis zur 86-jährigen Diva Rita Moreno ("West Side Story"), die wie ein Teenager durch die Kulissen tanzt, singt und die Sektflöte dabei niemals fallenlässt.

Kobe Bryant dagegen, der erste schwarze Ex-Basketballprofi, der nun auch einen Oscar besitzt, navigiert den Rummel in ungewohntem Trancezustand. Vor den Journalisten küsst er die goldene Statuette, die er gerade für seinen Kurztrickfilm "Dear Basketball" gewonnen hat. "Als Kind träumte ich davon, Meisterschaften zu gewinnen", sagt er, nach Worten ringend. Doch eigentlich habe er immer schreiben wollen. "Das ist verrückt, Mann. Es ist verrückt!"

Oscar-Gewinner sind eben auch nur Menschen. Sie beäugen sich, sie posieren für Selfies, sie werden sentimental - egal welcher Hautfarbe oder sexueller Neigung. Regisseur und Drehbuchautor James Ivory ("Call Me by Your Name"), mit 89 Jahren der älteste Sieger in der Geschichte der Oscars, sinniert hinter der Bühne über blutjunge Liebe zwischen Männern. Kameramann Roger Deakins, auch so ein Veteran, der nach 14 Nominierungen endlich für "Blade Runner 2049" gewinnt, verliert mehrmals charmant den Faden: "Ich finde das sehr, sehr schwer."

Plädoyers für Toleranz

Sebastián Lelio, der Regisseur des chilenischen Transgender-Dramas "A Fantastic Woman", proklamiert backstage: "Es gibt keine illegitimen Menschen, basta." Lee Unkrich und Darla Anderson, die für den Animationshit "Coco" über den mexikanischen Feiertag Día de Muertos gewinnen, danken ihren gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern: "Dies ist die Zukunft", hofft Anderson. Drehbuchautor Adrian Molina ist mit hinter die Bühne gekommen: "Meine Mutter ist aus Jalisco (in Mexiko)", sagt er stolz, "mein Vater ist Halbmexikaner".

Selbst der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, der mit der Liebesfabel "The Shape of Water" doppelt gewinnt, darunter den Hauptpreis für den besten Film, ist überwältigt. Während der Werbepause versinkt er in Umarmungen und reckt den Oscar ins Publikum. Als die Show vorbei ist, kommen ihm vor den Journalisten fast die Tränen. Er habe keine Dankesrede geschrieben, sagt er, weil ihm immer die Augen so feucht würden.

Alle Preisträger im Überblick

Und dann ist sie auch schon vorbei, diese überlange Show zum Abschluss der wohl gequältesten Oscar-Saison seit Jahren. Die Gäste wanken erschöpft einen Stock höher zum Governors Ball, wo 300 Pfund japanisches Miyazaki-Wagyu-Beef, 7500 Shrimps, 250 Lobster und 1500 Wachteleier angerichtet sind. Same procedure as every year. Oder sie staksen, wie Helen Mirren mit ein paar Freundinnen, die Freitreppe hinunter zum Limousinen-Stand.

Dort warten sie unter Wärmelampen, während ein livrierter Lakai durch ein Megafon Nummern ausruft, wie bei einer Auktion. Mirren hält ihr Handy ans Ohr. Für einen letzten Moment sind sie noch mal plaudernd vereint, hier auf dem nun wieder schäbigen Hollywood Boulevard: Weiße und Schwarze, Männer und Frauen, Heteros und Homosexuelle. Dann steigen sie nacheinander in ihre schwarzen Luxusautos und verschwinden in der Nacht.

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Papazaca 05.03.2018
1. Sehr beschreibend, sehr berührend ...
Wahrscheinlich tiefsinniger und gefühlvoller, als die Oscar's selbst. Gute Journalisten schaffen diesen poetischen Transfer und entwickeln illusionen, die schon fast literarische Qualitäten haben können. Aber auch Journalisten nehmen danach ein Taxi und verschwinden in der Nacht ...
freenetspacken 05.03.2018
2. Frances McDormand
war erstklassig in "Three Billboards outside of Ebbing, Missouri" und der Film als Ganzes auch. Die Quotenforderung dagegen ist - nennen wir es beim Namen - Blödsinn. Was stellt sich die Dame vor? Wenn ein Film über ein schwarzen-Ghetto entstehen soll, bekommen 50% Weiße die Rolle? Und beim Historienfilm über die Sklaverei gibt es dann 50% weiße Sklaven? Und beim Film über den ersten Weltkrieg werden die Staats- bzw. Regierungschefs entgegen der historischen Korrektheit dann zu 50% von Frauen gespielt? Beim aktuellen Film "Churchill" wird entweder er selbst oder sein Kontrahent Chamberlain von einem Schwarzen oder einer Frau (oder beides) gespielt? Frauenthemen, Filme über, von und mit starken Frauen sollten viel mehr in den Fokus gerückt werden, Themen, die auch Minderheiten stark bewegen, ebenfalls viel stärker: Wenn es dazu ein gutes Drehbuch gibt. Und Filme mit schwachen Drehbüchern sollten lieber aussortiert werden, auch wenn sie von weißen Männern handeln. Aber eine Quote? Nein. Und auch soll der Film nicht die Realität widerspiegeln, sonst brauch ich nicht ins Kino, sondern gucke draußen durch die Gegend.
vulcan 05.03.2018
3.
Zitat von freenetspackenwar erstklassig in "Three Billboards outside of Ebbing, Missouri" und der Film als Ganzes auch. Die Quotenforderung dagegen ist - nennen wir es beim Namen - Blödsinn. Was stellt sich die Dame vor? Wenn ein Film über ein schwarzen-Ghetto entstehen soll, bekommen 50% Weiße die Rolle? Und beim Historienfilm über die Sklaverei gibt es dann 50% weiße Sklaven? Und beim Film über den ersten Weltkrieg werden die Staats- bzw. Regierungschefs entgegen der historischen Korrektheit dann zu 50% von Frauen gespielt? Beim aktuellen Film "Churchill" wird entweder er selbst oder sein Kontrahent Chamberlain von einem Schwarzen oder einer Frau (oder beides) gespielt? Frauenthemen, Filme über, von und mit starken Frauen sollten viel mehr in den Fokus gerückt werden, Themen, die auch Minderheiten stark bewegen, ebenfalls viel stärker: Wenn es dazu ein gutes Drehbuch gibt. Und Filme mit schwachen Drehbüchern sollten lieber aussortiert werden, auch wenn sie von weißen Männern handeln. Aber eine Quote? Nein. Und auch soll der Film nicht die Realität widerspiegeln, sonst brauch ich nicht ins Kino, sondern gucke draußen durch die Gegend.
Im Großen und Ganzen gebe ich Ihnen Recht - allerdings nicht, was Realismus betrifft - Sie nennen da selbst die besten Beispiele: Churchill, Erster Weltkrieg...mir zumindest kommt es da schon auf Realismus an. Blödsinn und Quatsch gibt es eh schon genug bei historischen Filmen; soviel, dass man die allermeisten genauestens überprüfen muss, wenn einem auch nur ein bisschen an der Wahrheit, der realistischen Darstellung gelegen ist. Die Verfälschung historischer SToffe ist eine der Hauptschwächen des Kinos...und des Fernsehens.
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