Hollywood Wie viel #MeToo vertragen die Oscars?

Am Sonntag werden zum 90. Mal die Oscars vergeben. Die Jubiläumsshow, die die Geschichte Hollywoods würdigen soll, steht im Zeichen der #MeToo-Debatte. Die Filmbranche will sich trotzdem feiern.

REUTERS

Aus Los Angeles berichtet


Harvey Weinstein ist wieder da. Der entehrte Filmproduzent lungert auf einem Divan, mitten auf einer Verkehrsinsel am Hollywood Boulevard. Er trägt einen Bademantel, umklammert einen Oscar und rührt sich nicht.

Das kann er auch nicht: Es handelt sich um eine vergoldete Statue. Die Straßenkünstler Plastic Jesus und Ginger Monroe haben sie aufgestellt, nicht weit vom Dolby Theatre, dem Schauplatz der Oscar-Show, um Hollywoods Scheinheiligkeit anzuprangern. Auf dem Sockel steht "Besetzungscouch", das Schlagwort für sexuelle Ausbeutung in der Filmbranche.

Die Installation trifft die Stimmung in Hollywood perfekt - eine Stimmung irgendwo zwischen Glamour und Protest. Das mutmaßliche Monster Weinstein ist längst verstoßen, doch Dutzende weitere stürzten seitdem über ähnliche Vorwürfe. Die Debatte um sexuelle Gewalt und die Rolle von Frauen in dieser von Männern beherrschten Industrie hat erst begonnen.

Mitten in diese Debatte platzen nun die Oscars, das alljährliche Ritual der Selbstbeweihräucherung. Wie soll das gehen, wenn die Kluft zwischen Schein und Sein diesmal so sichtbar ist wie nie zuvor? Wenn es in Wahrheit wenig zu beweihräuchern gibt?

Wie lässt sich feiern und zugleich protestieren?

Gibt es ja eigentlich schon. Die Konkurrenz ist verdient, von formal Gewagtes ("Dunkirk") über schräge Dramen ("Three Billboards") bis zum Rassismus-Horrorhit ("Get Out"). Doch was zählt das, wenn das kaputte System dahinter enttarnt ist?

Wie lässt sich feiern - und zugleich protestieren und Wandel bewirken?

"Das neue Bewusstsein ist unbestreitbar", sagt Maskenbildnerin Lois Burwell, die einen Oscar für "Braveheart" gewann, im Gespräch. "Aber mein Herz gilt der Zeremonie, die unsere Verdienste würdigen soll."

Burwell ist Vizechefin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die die Oscars vergibt. Sie steht in einem Zelt am roten Teppich vor dem Dolby Theatre, jenem Laufsteg der Stars, der noch unter einer Regenplane steckt. "Keiner von uns lebt in der Steinzeit. Wir wollen uns verändern, aber wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten", sagt Burwell über die Diskussionen, die Hollywood umwälzen.

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Hollywood: Trotz #MeToo-Debatte feiern

The show must go on. Hinter Burwell ist der Kärntner Akzent des VIP-Kochs Wolfgang Puck zu hören. Wie jedes Jahr präsentiert Puck der Presse Kostproben seines Mammutmenüs für die 1500 Gäste des Governors Balls, der offiziellen Afterparty. Seine goldbestäubten Schoko-Oscars haben diesmal aber einen faden Nachgeschmack - und das nicht nur wegen des Kontrasts zu den vielen Obdachlosen auf der anderen Seite des Hollywood Boulevards.

Der #MeToo-Konflikt ist überall. In der Woche vor den Oscars sitzen mehr als 1000 Leute im Samuel Goldwyn Theatre, dem Oscar-Hauskino, um die nominierten Kurzfilme zu sehen und deren Schöpfer zu treffen. Zu Beginn läuft ein Werbespot fürs neue Praktikantenprogramm der Academy. Zwei Drittel, lobt deren Chef John Bailey, seien Frauen: "Das ist uns sehr wichtig." Plumper geht es kaum.

Als einer der Oscarkandidaten tritt dann Ex-Basketballstar Kobe Bryant auf die Bühne, er hat den Kurzfilm "Dear Basketball" über seine Liebe zum Sport geschrieben. Die Zuschauer bejubeln ihn. Dass er 2003 eine Klage wegen sexueller Nötigung außergerichtlich beilegte, haben viele wohl vergessen.

Der Red Carpet

Doch nirgends offenbaren sich diese Konflikte krasser als auf dem roten Teppich, wo weibliche Stars für ihre Outfits und Körperform bewertet werden. Bei den Golden Globes, drei Monate nach dem Weinstein-Skandal, trugen die Frauen noch geschlossen Schwarz. Für die Oscars hat die Academy von solchen Gesten abgeraten, man wünscht sich dezentere Signale. "Zieh an, was du willst", empfahl Meryl Streep einer jüngeren Kollegin beim Nominiertenlunch, "aber sag auch, was du sagen willst."

"Es wird schwer sein, nicht darüber zu reden, was gerade passiert", sagte die Oscarpreisträgerin Charlize Theron dem Network ABC, das die Show live überträgt. "Es ist zu folgenreich." Was auch die anderen TV-Sender am Sonntag in die Klemme bringt. Denn die Leute möchten trotz #MeToo weiter "Fashion und Entertainment sehen", findet Jennifer Neal, die Vizepräsidentin des Unterhaltungssenders E!, der wochenlang vom Oscar-Rummel zehrt. "Wir werden das ausbalancieren."

Der Streit hat sogar den Allround-Interviewer Ryan Seacrest erfasst, den "King des Carpets", der mit den meisten Stars per du ist. Eine frühere Stylistin wirft ihm sexuelle Belästigung vor. Seacrest streitet das ab - doch einige Prominente wollen ihn am Sonntag nun vorsichtshalber meiden.

So oder so, die #MeToo-Protagonistinnen dürften nicht lockerlassen. Sie sei "angenehm überrascht", dass sexuelle Belästigung in der Entertainment-Industrie, "ob verbal oder physisch, endlich öffentlich diskutiert" werde, sagte die österreichische Schauspielerin Ina-Alice Kopp, die direkt am Hollywood Boulevard wohnt, zu SPIEGEL ONLINE. Kopp, die unter anderem in der TV-Serie "Glee" aufgetreten ist, hat ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema: "Das verfolgt mich seit den Anfangstagen meiner Karriere."

Die eigentliche Oscar-Gala raubt den Verantwortlichen schon ohne #MeToo den Schlaf. Man muss nur an das Umschlag-Fiasko vom vergangenen Jahr denken, als Faye Dunaway den falschen besten Film verlas. Eine Wiederholung wollen sie vermeiden, indem sie die Umschläge nun klarer markieren - sprich: lesbarer für Veteranen wie Dunaway, 77.

Als 90. Oscarverleihung soll die Jubiläumsshow, die mehrere Hundert Millionen Menschen in mehr als 225 Ländern erreicht, ganz im Zeichen der Geschichte Hollywoods stehen. "Wir wollen sie so unterhaltsam wie möglich machen", sagte Co-Produzentin Jennifer Todd der "New York Times". "Spaß und Witz und tolle Auftritte." Der #MeToo-Kampagne soll freilich ein eigenes Segment gewidmet werden - emotional, würdig, aber streng von der Regie kontrolliert.

Es allen recht machen will - und muss - Late-Night-Talker Jimmy Kimmel, der die Oscar-Show zum zweiten Mal moderiert. "Manche Leute finden, dass Aktivismus keinen Platz hat bei einer Oscar-Übertragung, andere finden, dass wir unsere Pattform genau dafür nutzen sollen", sagte er am Freitag in einem Interview mit "Vanity Fair". "Man muss die richtige Balance finden."

Die eigentliche Oscar-Gala raubt den Verantwortlichen schon ohne #MeToo den Schlaf. Völlig unbefleckt bleibt die Geschichte derweil schräg gegenüber vom Dolby Theatre - im Hollywood Museum, das die Ära verklärt, in der Frauen nur Sexsymbole waren. Ein Kenner, er soll ungenannt bleiben, bewundert die etwas verstaubte Ausstellung, in der Pin-up-Fotos einer nackten Marilyn Monroe hängen. #MeToo? "Das geht zu weit", sagt der Kenner. "Das geht zu weit."

Weiter westlich posieren Touristen vor dem vergoldeten Harvey Weinstein. Dann kommen die Cops, und nach einer Stunde ist die Statue wieder weg.

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Horst-Güntherchen 02.03.2018
1. Warum noch darüber berichten?
Der Spiegel-Autor sagt es ja schon selbst: Die Scheinheiligkeit in Hollywood ist bezüglich der Sexismus-Debatte kaum zu übersehen. Frauen, die aus Karrieregründen das Spiel mitgemacht haben, beschweren sich jetzt 10, 15 oder 20 Jahre später medienwirksam über alte Geschichten. Dass dabei nur extrem selten juristisch verwertbare Handlungen genannt werden, macht das ganze noch absurder. Falsch verstandene Komplimente, ein Griff auf die Schulter oder ein Wangenkuss wird hochstilisiert zur Vergewaltigung, was echte Opfer verhöhnt. Warum muss so eine schwierige Materie mit so etwas Plumpen wie einem Hashtag angegangen werden? So hilft es keinem: Weder den Opfern, noch den Menschen, die etwas daran ändern möchten. Die einzigen, die etwas davon haben, sind diejenigen, die es für kommerzielle Zwecke ausschlechtne: Hollywoodsternchen, mit tief ausgeschnittenen Dekoltees.
TS_Alien 02.03.2018
2.
Es wäre durchaus interessant zu wissen, wer von den aktuellen "Stars" solche Sex-Angebote angenommen und nur deswegen bekannt geworden ist. Zu einer ausgewogenen Wertung dieses Themas gehört auch das dazu.
astor 02.03.2018
3. Angloamerikanisches Luxusproblem
Es ist kein Wunder, dass solche Probleme besonders in einem Land entstehen, das einerseits so prüde ist, dass es verboten ist Wäsche an der Leine zu trocknen, in dem aber andererseits die härtesten Pornofilme gedreht werden. Dies ist ein Produkt des Puritanismus, der in den USA öffentlich weit verbreitet ist, und in dessen Schatten die Heuchelei unerträgliche Ausmaße angenommen hat. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen Sex mehr als Unterdrückungsmittel benutzt wird als einen natürlichen Teil der Liebe.
brianna 03.03.2018
4. #MeToo ist wichtig, aber...
...selbst ich als Frau, die im Übrigen schon mehr über sich ergehen lassen musste als das Tätscheln des Knies, bin mittlerweile ein wenig genervt was diesen Hashtag angeht. Ja, es ist schwer sich immer gegen anzügliche Bemerkungen, Gesten oder Tätlichkeiten von Männern zur Wehr zu setzen. Es ist auch demütigend immer auf den Körper reduziert zu werden, nur weil FRAU gerne kurze Röcke trägt oder ihr Dekolleté betont. Vielleicht ist den meisten Männern immer noch nicht bewusst, dass wir so etwas nicht wegen ihnen machen, sondern weil wir uns in unserer Haut wohlfühlen und dies auch zeigen möchten, ohne immer gleich angegraben zu werden. Dennoch muss ich auch zugeben, dass wir Frauen es uns in der Opferrolle auch sehr bequem gemacht haben. Was haben wir selbst für ein Bild von uns, dass wir erst jetzt patriarchale Strukturen durchbrechen? Wie sollen Männer damit umgehen, wenn Frauen sie jahrzehntelang in dem Glauben gelassen haben, dass es ok ist wenn MANN ihnen den Po tätschelt, weil sie nur unangenehm berührt zur Seite rücken, anstatt laut „STOPP!“ zu sagen? Was ich zum Ausdruck bringen will ist, dass nicht nur die Männer eine Schuld an der Unterdrückung der Frau tragen, sondern dass wir Frauen dieses System unterstützt haben indem wir geschwiegen und die Demütigungen weggelächelt haben. In meinen Augen, ist nicht der Mann nun plötzlich das absolut Böse und die Frau das absolut Reine und Gute. Das ist mir einfach zu schwarz-weiß. Ich denke, dass auch die meisten Männer nicht wirklich darauf aus sind, wie ein Neandertaler durch die Welt zu gehen und Frauen niederzumachen. Können wir endlich dazu übergehen, dass beide Geschlechter ihren Anteil an dieser Misere tragen und vielleicht auch nur gemeinsam die Möglichkeit haben eine Lösung zu finden? Oder töten wir gleich alle Männer, weil sie sowieso alle schwanzgesteuerte Schweine sind?
dasfred 03.03.2018
5. Fragt die Damen in Hollywood, was von ihnen im Gedächtnis bleiben soll
Daran kann man dann die Kleiderwahl festmachen. Bisher ist doch von Kopf bis Fuß, von den Haaren uns Makeup bis zu Schuhen, die die Beine strecken, alles darauf angelegt, die sekundären Geschlechtsmerkmale aufs äußerste zu betonen. Kleider, die mehr zeigen als verhüllen, jeder Makel weggeschminkt, all das lässt vergessen, das Schauspielerei ein Beruf mit langer Ausbildung ist. Es gibt durchaus die Möglichkeit, in einem Outfit aufzutreten, das Charakter und Persönlichkeit unterstreicht und nicht die körperlichen Vorzüge. Für mich muss ein Dekolleté nicht bis zum Schamhügel reichen, wenn Frau als Persönlichkeit wahrgenommen werden will. Die Männer spazieren ja auch nicht als Toyboy, eingeölt und im String Tanga über den roten Teppich.
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