Oscars in der Krise Glanzlos für die gute Sache

Vor lauter klugen und mitreißenden Statements haben die Oscars 2018 vergessen, Begeisterung für Filme zu verbreiten. Preise nach dem Gießkannenprinzip sorgen für eine Identitätskrise jenseits von #MeToo.

Moderator Jimmy Kimmel
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Moderator Jimmy Kimmel

Eine Analyse von und


Er behält seine Hände, wo man sie sehen kann, er sagt nie ein böses Wort und, am wichtigsten, er hat überhaupt keinen Penis. "He is literally a statue of limitations", sagte Oscarmoderator Jimmy Kimmel in seiner Eröffnungsrede über die neben ihm auf der Bühne aufragende Oscarstatue. Ein Wortspiel: "Statute of limitations", das meint im Juristen-Englisch eine Verjährungsklausel.

Als Kimmel also danach sagte, von diesen androgynen, penislosen, "geliebten und respektierten" Männern brauche man mehr, dann verbannte er quasi all das, wofür Hollywood die letzten Jahrzehnte stand, mitsamt übergriffigen Machern und Machos wie Harvey Weinstein, in die Vergangenheit.

Ein schöner Moment, aber auch ein schizophrener. Denn Kimmel musste an diesem Sonntagabend eine schier unmögliche Aufgabe bewältigen: 90 Jahre Oscars bedeutet eben auch 90 Jahre Exzess, Über-die-Stränge-schlagen, Unberechenbarkeit und Unflat, Ungerechtigkeit der Geschlechter, Hautfarben und Herkünfte unter dem Regime eines lüsternen Patriarchats. Oder kurz: 90 Jahre Hollywood.

Die opulente Kristall- und Art-Deco-Optik des Bühnendesigns verwies mit Glitzer, Gold und Farbrausch in die "roaring twenties", nach 1928, dem Premierenjahr der Academy Awards. Die ausschweifende Dekadenz von "The Great Gatsby" ließ grüßen, während es auf der Bühne umso progressiver, aber auch behutsamer und bescheidener zuging. Denn in einem Jahr, das der Entertainment-Industrie mit den #MeToo- und #TimesUp-Movements die wohl größte Umwälzung ihrer Geschichte ankündigte, war beim wichtigsten Event der Branche vor allem eins gefragt: Umsicht. Oder "Awareness", wie es heute heißt.

Wie "woke" sind die Oscars wirklich?

Die Oscars, die im vergangenen Jahr mit der Auszeichnung von "Moonlight" als bestem Film einen wichtigen Schritt in Richtung größere Vielfalt und Offenheit gemacht hatten, mussten dieses Jahr beweisen, wie "woke" (aufgeweckt) sie wirklich sind. Wie groß und nachhaltig das inkludierende Bewusstsein für "mehr Frauen", "mehr Schwarze", "mehr Latinos", "mehr Schwule" also wirklich ist.

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Stars auf dem roten Teppich: Die Oscars sind bunt

Nach fast vier Stunden Oscarshow war klar: Die Academy hat verstanden und die Verleihung, die sich stets dagegen wehrte, allzu politisch zu werden, in ein Festival der Empowerment- und Solidaritäts-Adressen verwandelt. Nahezu in jeder Preis-Ansage, jeder Dankesrede, in einem extra produzierten #Times-up-Einspieler und in einem flammenden Auftritt der drei Weinstein-Anklägerinnen Ashley Judd, Annabella Sciorra und Salma Hayek - überall wurden Statements gemacht, wie es die Oscars in 90 Jahren noch nicht erlebt haben.

Ausgerechnet die Preisvergabe aber, der Kern der Gala, erwies sich als lähmend uninspiriert. Womöglich war die Auszeichnung für die Netflix-Doku "Icarus" noch die größte Überraschung des Abends - hier hätte sich die 89-jährige Agnès Varda mit ihrem Film "Faces Places" als besondere Preisträgerin angeboten. Ansonsten reihte sich ein Favoritensieg an den nächsten, und eine Dankesrede geriet unüberraschender als die letzte.

Als müssten sich die Oscars in ihrem Inneren beruhigen, wurde so gut wie jeder Film, der in dieser "Awards Season" eine Rolle gespielt hatte, mit einer Statue bedacht - einer für "Call Me by Your Name", zwei für "Three Billboards", drei für "Dunkirk", zwei für "Darkest Hour". Allein Greta Gerwigs "Lady Bird" ging komplett leer aus. Dafür wurde sie mit den freundlichsten Worten von der Bühne aus bedacht: "Four men and Greta Gerwig" - so fasste Emma Stone die Nominierten in der Kategorie "Beste Regie" zusammen. Schwer vorstellbar, dass Gerwig nicht bald wieder nominiert werden wird, und dass es bis dahin nicht weitere Regisseurinnen schaffen, in diesen überaus exklusiven Kreis vorzustoßen.

Für Reformen braucht man Euphorie

Doch die durchweg vorhersehbaren Gewinner haben nicht nur für einen seltsam durchwachsenen Showabend gesorgt. Sie lassen auch Zweifel daran aufkommen, wie gut die Academy in dieser Übergangs- und Selbstfindungsphase für den Eigensinn und die Unabhängigkeit von Filmen werben kann. 2017 hatte "Moonlight" die Vorstellungen davon, was ein "Oscar-Film" ist, auf den Kopf gestellt. Auf einen so kunstvoll gebauten, erzählten und gefilmten Film hätte zuvor niemand gewettet - und plötzlich standen da diese schwarzen Männer auf der Bühne und hielten Gold in der Hand.

2018 fehlte diese Unwucht, dieses Moment, in dem Hollywood sich selbst überraschte und sein Gewicht hinter den kleinen, aufregenden Film warf. Dabei stand mit "Get Out" ein Werk bereit, das weitaus mehr Mainstream-Appeal hat als "Moonlight". Überfordert konnte die Academy mit Jordan Peeles Horrorsatire kaum sein. Ein einziger Preis für "Get Out" - für das beste Originaldrehbuch - das drückt eine eher lauwarme Begeisterung für diesen Ausnahmeerfolg aus.

Das lässt die Academy in unvorteilhaftem Licht erscheinen: Wenn sie von den eigenen Erzeugnissen nur so mäßig angetan ist, wie kann von ihr dann eine Stärkung, Öffnung und Verjüngung des Kinos ausgehen? Für Reformen braucht man Euphorie und Durchhaltewillen. Zumindest Ersteres vermisste man an diesem Abend schmerzlich.

Dazu passte dann auch das Ende der Show: Nach Frances McDormands mitreißender Dankesrede für ihren Preis als beste Hauptdarstellerin zeigte sich auch Jimmy Kimmel begeistert: McDormand solle einen Emmy für ihre Oscar-Rede bekommen. Und fügte beiläufig hinzu: "I really wish I was a woman." So viel Selbstverleugnung muss gar nicht sein: Der 90-jährige Goldmann hat an diesem Oscar-Abend viel Liebe und Respekt gezeigt. Jetzt muss er nur noch lernen, dabei auch neue Funken zu schlagen.

Alle Preisträger im Überblick

Anm. d. Redaktion: In früheren Version haben wir das Zitat von Emma Stone der Schauspielerin Sandra Bullock zugeordnet. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 05.03.2018
1. ...
Die Oscars sind bezeichnend fuer die kulturelle Gleichschaltung, die durch political correctness passiert. Man will alles perfekt machen, und jeden mitnehmen, und niemandes Befindlichkeiten stoeren, und produziert einen langweiligen Einheitsbrei, der zwar in der Tat niemanden mehr stoert, aber auch niemanden mehr interessiert. Bei all der Herborhebung von Diversitaet vergisst man, dass Diskriminierung auch eine positive Seite hat. Ironischerweise braucht es sogar Diskriminierung, um Diversitaet zu erschaffen. Was anderes als Diskriminierung ist es denn, wenn man Homosexuelle in endlose Buchstabenreihen aufspaltet? In lesbisch und schwul, bisexuell, queer, transgender, transsexuell, usw. usw. usw. Um das zu tun, braucht es eine Form der Diskriminierung, der Klassifizierung, des in Schubladen packens, denn wie wollte man sonst unterscheiden. Und die Ironie ist, dass es immer noch Menschen geben wird, die man ausschliesst. Das letztgueltige Entscheidungskriterium wird das Individuum sein, die Schublade wird dann noch genauso gross sein, dass exakt eine Person hineinpasst, und deren Befindlichkeiten werden dann der Standard sein, unerfuellbar aus Prinzip, und dann wird man vielleicht erkennen, dass das ganze Gerede von Diversitaet die Gesellschaft am Ende nicht eint, sondern spaltet, die Probleme nicht loest, sondern vervielfaeltigt, und am Ende nicht mal das liefern kann, was im Prinzip schon da ist, naemlich das Konzept der Menschenwuerde, das jeder Mensch gleich an Rechten und Pflichten ist, wuerde man es nur mal anwenden. Der uasgezeichnete beste Film passt uebrigens gut in die Agenda. Die Leute sagen jetzt er sei grossartig, er hat schliesslich den Oscar gewonnen. Ich finde es ist ganz schlimmer melodramatischer Kitsch. Dunkirk ist um Laengen besser, weil unsentimental und wirklich an seinen Darstellern interessiert, obwohl diese den Durchschnittssoldaten darstellen sollen.
Dark Agenda 05.03.2018
2. Heuchelei
"Diversitätspolitik" kreiert eben Diversität und die Spaltung der Gesellschaft die dann gerne beklagt wird. Besinnt euch lieber auf gemeinsame Werte, da gibt es nämlich jede Menge statt auf Hautfarbe, Ethnokitsch und sex. Orientierung. Und die Moralhudelei kann man der Industrie auch nicht abnehmen.
Hans_Suppengrün 05.03.2018
3.
Zitat von NewspeakDie Oscars sind bezeichnend fuer die kulturelle Gleichschaltung, die durch political correctness passiert. Man will alles perfekt machen, und jeden mitnehmen, und niemandes Befindlichkeiten stoeren, und produziert einen langweiligen Einheitsbrei, der zwar in der Tat niemanden mehr stoert, aber auch niemanden mehr interessiert. Bei all der Herborhebung von Diversitaet vergisst man, dass Diskriminierung auch eine positive Seite hat. Ironischerweise braucht es sogar Diskriminierung, um Diversitaet zu erschaffen. Was anderes als Diskriminierung ist es denn, wenn man Homosexuelle in endlose Buchstabenreihen aufspaltet? In lesbisch und schwul, bisexuell, queer, transgender, transsexuell, usw. usw. usw. Um das zu tun, braucht es eine Form der Diskriminierung, der Klassifizierung, des in Schubladen packens, denn wie wollte man sonst unterscheiden. Und die Ironie ist, dass es immer noch Menschen geben wird, die man ausschliesst. Das letztgueltige Entscheidungskriterium wird das Individuum sein, die Schublade wird dann noch genauso gross sein, dass exakt eine Person hineinpasst, und deren Befindlichkeiten werden dann der Standard sein, unerfuellbar aus Prinzip, und dann wird man vielleicht erkennen, dass das ganze Gerede von Diversitaet die Gesellschaft am Ende nicht eint, sondern spaltet, die Probleme nicht loest, sondern vervielfaeltigt, und am Ende nicht mal das liefern kann, was im Prinzip schon da ist, naemlich das Konzept der Menschenwuerde, das jeder Mensch gleich an Rechten und Pflichten ist, wuerde man es nur mal anwenden. Der uasgezeichnete beste Film passt uebrigens gut in die Agenda. Die Leute sagen jetzt er sei grossartig, er hat schliesslich den Oscar gewonnen. Ich finde es ist ganz schlimmer melodramatischer Kitsch. Dunkirk ist um Laengen besser, weil unsentimental und wirklich an seinen Darstellern interessiert, obwohl diese den Durchschnittssoldaten darstellen sollen.
"Diskriminierung" steht für "Herabwürdigung", "Klassifizierung" für "Einteilung". Wie also bringen Sie den linguistischen Zaubertrick zustande, die beiden Begriffe gleichzusetzen???
miriam_rosenstern 05.03.2018
4. Wegweiser ins Nichts
Shallow Glamour. Es ist eine Welt von Gestern für Leute von Gestern. Also für all jene, die Etiketten benötigen, um sich zurecht zu finden. Das sind naturgemäß viele. Kunden genannt. Sie brauchen Orientierung: Wegweiser ins Nichts.
Nordstadtbewohner 05.03.2018
5. Filmpreisverleihung vs. politische Kampagne
"Vor lauter klugen und mitreißenden Statements haben die Oscars 2018 vergessen, Begeisterung für Filme zu verbreiten. Preise nach dem Gießkannenprinzip sorgen für eine Identitätskrise jenseits von #MeToo." Die "klugen und mitreißenden Statements" waren einstudierte politische Aussagen für eine politische Kampagne. Mit Kinofilmproduktionen hatte das am Ende nichts mehr zu tun. Da bleibt natürlich die Begeisterung für Filme aus. In meinen Augen wirkt diese Veranstaltung zu künstlich aufgeblasen, als das sie sich als moralische Instanz aufbauen könnte. Dazu kommen dann noch Frauen wie Frances McDormand, die für sich und ihre Geschichten, die sie laut Spon zu erzählen hat, mehr Geld einfordert. Und da zeigt sich das andere Gesicht der metoo-Kampagne: Sie ist nur Mittel zum Zweck. Was die Filme angeht: Matt Damon mit dem Film "Downsizing" ist wohl mit Abstand der beste Film, den ich seit langem gesehen habe.
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