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Boykott schwarzer Künstler: Die Oscars sind nur das Symptom

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Verhüllte Oscar-Statue: Seismograph einer ethnisch blinden Branche Zur Großansicht
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Verhüllte Oscar-Statue: Seismograph einer ethnisch blinden Branche

Die Oscar-Academy ändert ihr Reglement: Künftig sollen nicht nur weiße Männer über 60 entscheiden, wer die Auszeichnung bekommt. Ein wichtiger Schritt. Doch Hollywoods Problem sitzt tiefer.

Das ging schnell. Am Freitag, rund eine Woche nach Beginn der Boykott-Drohungen schwarzer Künstler und Aktivisten gegen die 88. Oscarverleihung am 28. Februar, kündigte die Academy of Motion Picture Arts And Sciences (Ampas) eine radikale Änderung ihres Mitglieder-Reglements an. Die Organisation aus Hollywood-Filmschaffenden, die alljährlich den wichtigsten Filmpreis der westlichen Welt verleiht, umfasst zurzeit rund 6300 stimmberechtigte Mitglieder, davon sind 94 Prozent weiß und 77 Prozent männlich, wie die "Los Angeles Times" ermittelt hat. Das Durchschnittsalter ist 62, nur 14 Prozent der Mitglieder sind jünger als 50. Schwarze Schauspieler und Filmemacher stellen nur zwei Prozent der Academy, Latino-Künstler sogar noch weniger. Hat die Academy also ein Problem, die Realität ethnischer Diversität in den Vereinigten Staaten zu repräsentieren? Ganz bestimmt sogar!

Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs, selbst Afroamerikanerin, will nun in ihrem Sofortmaßnahmen-Katalog zunächst das 51-köpfige Vorstandsgremium aufstocken und verjüngen. Sie selbst ist derzeit dort die einzige nicht-weiße Repräsentantin. Die Stimmberechtigung aller Academy-Mitglieder, bisher ein lebenslanges Anrecht, soll auf zehn Jahre beschränkt werden, eine Erneuerung hängt davon ab, ob die betreffende Person noch aktiv an Abstimmungen teilnimmt oder überhaupt noch aktiver Teil der Filmbranche ist. Wer dreimal verlängert wurde oder in der Zwischenzeit einen Oscar oder eine Nominierung bekommen hat, erhält wiederum lebenslanges Stimmrecht.

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Oscar-Kontroverse: Rampling und der Rassismus

Die Änderungen gelten rückwirkend auch für aktuelle Mitglieder, an den Abstimmungsrechten für die kommende Verleihung ändert sich jedoch nichts. Gleichzeitig will die Academy aggressiv um neue Mitglieder aus den ethnischen Minderheiten werben und auf diese Weise einen Transformations- und Anpassungsprozess beschleunigen, der Jahrzehnte lang verschleppt oder schlichtweg ignoriert wurde. Boone Isaacs Ziel: Bis 2020 soll sich die Anzahl von Frauen und ethnischen Minderheiten innerhalb der Academy verdoppelt haben.

Alles gut und wichtig, aber...

Das alles ist gut und wichtig, aber der drohende Boykott der Oscar-Show durch fernbleibende schwarze oder dunkelhäutige Künstler ist damit nicht vom Tisch, wie die Aktivistin April Reign, Initiatorin des auf Twitter-Protests mit dem Hashtag #OscarsSoWhite dem "Hollywood Reporter" sagte: "Es ist ein großer Schritt nach vorne, aber es gibt noch viel zu tun". Boone Isaacs Ankündigungen verglich sie damit, einem Kranken Aspirin zu verabreichen, der seit mehr als 80 Jahren unter chronischen Kopfschmerzen leide.

Auch die Schauspielerin Jada Pinkett-Smith, die als eine der ersten ankündigte, nicht zur Oscarverleihung zu erscheinen, begrüßte Boone Isaacs schnelles Handeln, sagte aber in der TV-Sendung "Entertainment Tonight", dass es in Wahrheit nicht um die Academy gehe: "In dieser ganzen Oscar-Kontroverse geht es eigentlich nicht um die Oscars", sagte die Ehefrau von Will Smith, der ebenso wie der Regisseur Spike Lee am 28. Februar nicht ins Dolby Theatre kommen mag. Weder Smith noch Lee wurden für ihre aktuellen Filme von der Academy mit Nominierungen bedacht.

Wenn es aber nicht in erster Linie um die Oscar-Academy geht, worum dann? Einige weiße Schauspieler, darunter auch die für das Drama "45 Years" als beste Hauptdarstellerin nominierte Britin Charlotte Rampling, machen den Punkt, dass bei den Oscars nicht die Hautfarbe bewertet werden soll, sondern die künstlerische Leistung. Das ist wahr, und das Schlimmste, was passieren könnte, wäre die Einführung einer Nominierungsquote für nicht-weiße Künstler. Auch das wäre letztlich nur Bekämpfung eines Symptoms, noch dazu eine fehlgeleitete, die wenig dazu beitragen würde, den Respekt für die künstlerische Leistung ethnischer Minderheiten in Hollywood zu fördern. Das Gegenteil wäre der Fall, Zwist und Frontenbildung die Folge.

Tatsächlich scheint beim Blick auf die Zahlen zunächst vieles in Ordnung zu sein: Afroamerikaner stellen zurzeit rund 12,5 Prozent der amerikanischen Bevölkerung; seit dem Jahr 2000 gingen rund zehn Prozent der Oscarnominierungen an schwarze Schauspieler, das ergab eine Erhebung des "Economist" . Auch bekommen sie annährend so viele Sprechrollen wie es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, wie aus einer Analyse von 600 Top-Filmen aus den Jahren 2007 bis 2013 hervorgeht.

Es geht um Zugänge

Sind die fehlenden Nominierungen in diesem und dem vergangenen Jahr also vielleicht nur ein statistischer Ausrutscher und die Academy bewertet am Ende fairer als es in der erhitzten Debatte dargestellt wird? Muss nicht, wer kritisiert, dass das Bürgerkriegsdrama "Selma" im vergangenen Jahr übergangen wurde, auch anerkennen, dass 2014 mit "12 Years A Slave" ein Film mit schwarzer Thematik von einem schwarzen Regisseur den Oscar als bester Film gewann?

Ja und nein. Denn was die Academy-Mitglieder bewerten und worüber sie abstimmen, ist von zahlreichen Faktoren und Einflüssen abhängig, darunter ein kompliziertes Wahlverfahren und teils massive Kampagnen einzelner Studios für bestimmte Filme und Darsteller sowie die Wucht medialer Öffentlichkeit. Am Ende bewerten sie jedoch vor allem das, was ihnen die Industrie an preiswürdigen Filmen und zugehörigen Darstellern vorschlägt, und darin liegt das eigentliche Problem.

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Oscars 2016: Die 10 Filme mit den meisten Nominierungen

Denn zunächst einmal muss ein schwarzer oder hispanischer Darsteller eine signifikante Rolle in einem oscarwürdigen Film bekommen. Die Auswertung des "Economist" ergab jedoch, dass bei den oben erwähnten 600 Top-Filmen nur neun Prozent der Hauptrollen von einem schwarzen Darsteller besetzt waren, bei Latino-Schauspielern sieht es sogar noch schlechter aus. Nur sechs Prozent der betreffenden Regisseure dieser Filme waren Afroamerikaner, davon gerade einmal zwei weiblich, eine von ihnen "Selma"-Regisseurin Ava DuVernay. Die Studie des Magazins zeigt aber auch, dass wenn ihnen die prestigeträchtigen Rollen und Regie-Arbeiten zufallen, zumindest schwarze Künstler sehr wohl von der Oscar-Academy in einem stimmigen Verhältnis zum Bevölkerungsanteil ausgezeichnet werden. Anders sieht es bei den Latino-Darstellern aus. Und von Frauen sollte man gar nicht erst anfangen.

Eine echte Debatte über mangelnde Diversität in Hollywood muss sich also um die Frage drehen, wie viel Zugang ethnische Minderheiten zu Macht- und Prestige-Positionen innerhalb der amerikanischen Filmindustrie bekommen und wie sich auch dort, wo die Filme erdacht, in Auftrag gegeben und produziert werden, die Demographie der USA angemessen widerspiegelt. Die Oscars, die sich nun auf berechtigten Druck verändern wollen, sind tatsächlich nur Seismograph einer an ethnischer Hermetik und Verkrustung leidenden Branche.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Andreas Borcholte ist Autor mit Sitz im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Andreas_Borcholte@spiegel.de

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Rassismus hat immer zwei Seiten.
Tobias Tan 23.01.2016
Aufgrund der Geschichte der USA habe ich vollstes Verständnis für die grundlegende Sensibilität der afro-amerikanischen Bevölkerung. Dennoch ist ein Boykott oder eine Nominierungs-Forderung bei einer wettbewerbsähnlichen Veranstaltung absolut lächerlich! Ich halte es da ähnlich wie Madame Rampling: Das ist ebenfalls Rassismus. Zu implizieren, dass die Nominiertenliste aufgrund er Hautfarbe der Schauspieler entstanden ist, halte ich für eine rassistische Äußerung par excellence! Auch wenn die Entertainment Industrie der USA sicher noch etwas veraltet ist und es sowas wie eine "weiße Hollywood Elite" geben mag, bin ich überzeugt davon dass gerade die Filmindustrie der USA das kleinstmögliche Problem zum Thema Diskriminierung in den Staaten ist.
2. Aspirin für ein Hirntumor
Lisa_can_do 23.01.2016
aber immerhin werden Symptome wie älter als 60 Jahre, weiss, männlich behandelt - oder besser die Einstellungskriterien werden erweitert. Und nur Hollywood? Das gilt wohl auch für Deutschland mit den Wirtschaftsunternehmen, gesellschaftlichen und politischen Organisationen. Und in der Welt der Medien und der Kunst - besonders krass in Deutschland und noch deutlich prähistorischer als es in den USA ist.
3. Warum nennt man den Academy-Award
dunnhaupt 23.01.2016
Bette Davis taufte ihn Oscar, weil die nackte Statue von hinten genau so aussähe wie ihr früherer Gatte Oscar.
4. naja...
yuckfou 23.01.2016
da wird die Academy sich genötigt fühlen nächstes Jahr auf jeden Fall afroamerikanische Schauspieler zu nominieren, unter Umständen unabhängig der Leistung...
5. Die Frage stellt sich
peeka(neu) 23.01.2016
welche Organisationen ansonsten noch massiv Einfluss nehmen auf Hollywood und damit auf die Oscar-Nominierungen. In dem Zusammenhang wäre es nämlich interessant, wie viele der Nominierten Mitglied bei Scientology sind. Im Grunde genommen ist es aber Aufgabe der Filmkritiker, Filme unabhängig von Nominierungen und Preisen zu bewerten und damit tatsächlich Produktionen eine Chance einzuräumen, die jenseits des - hier passt der Begriff endlich: mainstreams - entstehen. Solange sich Kritiker nicht mit echten no- oder low-budget-Produktionen auseinandersetzen, werden ein paar kosmetische Veränderungen in den Statuten von Oscars, Echos oder Grammys keine Rolle spielen.
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