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Ozons Erotikdrama "In ihrem Haus": Sex? Reine Kopfarbeit!

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Zu sexy, um wahr zu sein: Ein Junge verliebt sich in die schöne Mutter seines Freundes und schreibt darüber Aufsätze für seinen Lehrer. François Ozons Lustspiel "In ihrem Haus" beschwört die erotische Macht der Sprache - und zeigt, wie dicht Schriftstellerei und Spannerei beisammenliegen.

Da steht eine schöne Frau in mittleren Jahren im Vorgarten ihres Eigenheims und beißt mit ihren weißen Zähnen in einen knackigen grünen Apfel. Eine Szene wie aus dem - ja was eigentlich? Dem feuchten Traum eines pubertierenden Vorstadtjungen, der auf die Nachbarsmutter steht? Dem Selbstbild einer Mittvierzigerin, die Immobilienbesitz und reife Erotik in Einklang zu bringen versucht? Oder doch nur dem Werbespot für Zahncreme?

Schwierig zu sagen. In dem Film "In ihrem Haus" geraten die Perspektiven und Erzählabsichten ordentlich durcheinander. So etwas wie "Wahrheit" ist in der neuen Erotik-Studie von François Ozon ("Swimming Pool") keine Kategorie. Eigentlich hat den wahrscheinlich größten französischen film auteur der Gegenwart noch nie interessiert, was Realität ist und was Illusion. Wirklichkeit? Die schraube ich mir so zusammen, wie sie mir gefällt. Oder so, wie sie die anderen unterhält.

Der jugendliche Held seines neuen Films darf in dieser Hinsicht als Ozons Alter Ego betrachtet werden: Schüler Claude (Ernst Umhauer), ein Junge aus armen Verhältnissen, ist ein begnadeter Erzähler. In einem Schulaufsatz schreibt er über einen Klassenkameraden, über dessen perfektes Leben, aber auch die Risse darin. Lehrer Germain (Fabrice Luchini), selbst ein verhinderter Schriftsteller, ist sofort angefixt von der Sprachkraft und Beobachtungsgabe des Schülers. Er fordert weitere Aufsätze ein.

Flaubert, Maupassant und die anderen Spanner

Mehr und mehr gerät dabei die attraktive Mutter des Freundes in den Mittelpunkt: Esther (Emmanuelle Seigner) ist eine klassische Mittelstandsfrau, ein bisschen gelangweilt, stets in diskreter Perfektion gestylt. Tagsüber richtet sie das Eigenheim geschmackvoll her, nach der Schule schmiert sie den Jungs Baguettes und reicht Milch, abends schmiegt sie sich mit einem Einrichtungsmagazin auf die Couch. Früher hat Esther als Innenarchitektin gearbeitet, inzwischen ist sie selbst der schönste Einrichtungsgegenstand ihres Zuhauses.

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Ozons "In ihrem Haus": Die Erotik der Anderen
Aber lodert da - kurze Augenaufschläge und das etwas zu offenherzig gezeigte Knie legen es nahe - nicht doch noch eine geheime Leidenschaft in ihr? Oder bildet sich das Claude lediglich in seinem pubertären Hirn ein? Oder schreibt er das gar nur so auf, um seinem Feuer gefangenen Lehrer Germain weiter einzuheizen? Der verhinderte Schriftsteller versorgt den Schüler derweil mit entsprechender hoher Literatur. Mit Flaubert, Maupassant und Tolstoi, der ganzen Batterie an klassischen Romanautoren, die versucht haben, das andere Geschlecht zu durchdringen.

Männer, die über weibliches Begehren spekulieren und schreiben - das hat, mal ganz unabhängig davon, welch großartige Literatur dabei entstanden ist, immer einen Beigeschmack: Schreibt der heterosexuelle männliche Künstler da eigentlich wirklich über die Lust der Frauen? Oder nur über das, was er gerne für die Lust der Frauen halten würde? Oder noch schlimmer: Versucht er gar durch den Schaffensprozess die Lust der Frauen beherrschbar zu machen? Schreiben als Rache für die Demütigungen, die einem das andere Geschlecht zugefügt hat.

Wir sehen, was wir begehren zu sehen

Als offen schwuler Regisseur ist Ozon über solche Zweifel erhaben. Er hat bitterböse Frauenfilme gedreht, wo die weiblichen Charaktere alles, nur keine männlich geführten Marionetten sind ("Angel"). Und er hat noch viel bösere Männerfilme gedreht, in denen er heterosexuelles Begehren in seiner unverblümtesten Form zeigt ("5x2"). Für "In ihrem Haus", einer Adaption von Juan Mayorgas Theaterstück "Der Junge aus der letzten Reihe", nimmt er jetzt den Voyeurismus und Projektionismus der Männer ins Visier: Wir sehen, was wir begehren zu sehen.

In dem formvollendet fotografierten Film, für den Kameramann Jerome Almeras psychologische Lichtgestaltung und Anleihen an Werbeästhetik leichthändig zusammenbringt, wird diese Erkenntnis nun in einem Geflecht von Ein- und Rückwirkungen präsentiert: Eigentlich glaubt der Lehrer den Blick des Schülers zu lenken, obwohl der Schüler längst den des Lehrers unter Kontrolle hat. Im Bett mit seiner Frau Jeanne (Kristin Scott Thomas) herrscht für Germain deshalb bald Flaute. Dafür nutzt er den Jungen als eine Art erotischen Avatar, der für ihn auf amouröse Exkursionen geht. Oder so tut, als ob er das täte.

Die schöne Esther wird auf diese Weise gleich zum doppelten Objekt der Begierde: für den Jungen, der sich von ihr animiert fühlt. Für den Alten, der in ihr das literarische weibliche Ideal zu sehen glaubt.

Blöde nur, wenn den sexuellen und literarischen Hirngespinsten die Realität dazwischenkommt: Am Ende sitzen Claude und Germain - der eine von der Freundesfamilie ausgestoßen, der andere von der Ehefrau vor die Tür gesetzt - auf einer Bank im Grünen und starren in das Fenster einer schönen fremden Frau. Sind sie nun Schriftsteller oder Spanner? Ach, wer vermag das bei diesem lustvollen Kopfkino noch zu unterscheiden.

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In ihrem Haus

Frankreich 2012

Regie: François Ozon

Darsteller: Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, Emmanuelle Seigner, Denis Ménochet

Produktion: Mandarin Films

Verleih: Concorde

Länge: 105 Minuten

Start: 29. November 2012



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