"Pakt der Wölfe" Monster und Degen

Hongkong-Action, Ungeheuer und Kostüme: Mit seinem Mystery-Abenteuer "Pakt der Wölfe" gelang dem französischen Regisseur Christophe Gans ein ebenso stilvoller wie virtuos inszenierter Genrefilm, der das europäische Kino schmückt, sich aber auch vor Hollywood-Blockbustern nicht verstecken muss.

Von Rüdiger Sturm


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Vielleicht sieht sich Julian Nida-Rümelin auch manchmal Filme an, statt nur über sie zu reden. Dann wäre "Pakt der Wölfe" genau das Richtige für ihn. Denn das phantastische Abenteuerepos widerlegt die These, dass großes europäisches Kino vor allem Geld braucht. Zwar hatte der französische Publikumshit ein Budget, von dem alle Vilsmaiers und Links nur träumen können - an die 30 Millionen Dollar - aber dennoch wäre jeder Cent sinnlos verpulvert gewesen, hätte sein Macher Christophe Gans nicht noch etwas anderes mitgebracht: Stil und Vision.

Gans knöpft sich eine der großen historischen Mythen seines Landes vor, die Legende der mysteriösen Bestie von Gévaudan, die angeblich im Frankreich des 18. Jahrhunderts mehr als hundert Dorfbewohner zerfleischte. Und er entspinnt darum eine Geschichte, in der die Französische Revolution und päpstliche Agenten genauso ihren Platz haben wie Indianer mit übersinnlichen Fähigkeiten. Dass dieses ekklektizistische Konstrukt nicht auseinander fällt, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Denn die Story ist in einem Grenzbereich zwischen Märchenland und geschichtlicher Realität angesiedelt, doch der Filmemacher nimmt sich viel Zeit, um diese Welt und ihre Charaktere in sich stimmig aufzubauen.

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Von Ausgangssituation und Atmosphäre her erinnert "Pakt der Wölfe" stark an Tim Burtons "Sleepy Hollow". Aber während Burton letztlich nur eine hölzerne Mär vom Serienmörder bot, webt Gans einen viel reicheren Geschichtenteppich mit verblüffenden Erzählvolten. Obwohl von der visuellen Opulenz her dem Hollywood-Kino ebenbürtig (Kamera: Dan Laustsen), ist der Film in seiner Dramaturgie ganz unamerikanisch. Ganz bewusst hält Gans seine Action-Trümpfe lange zurück - die Auftritte des Monsters sind sparsam dosiert; Atmosphäre ist wichtiger als physische Aktion. Erst im dritten Akt überwältigt er sein Publikum mit einer ganzen Serie von Höhepunkten, die in ihrer handwerklichen Virtuosität den Vergleich mit den US-Blockbustern nicht zu scheuen brauchen.

Aber in Wahrheit ist "Pakt der Wölfe" ja gar keine europäische Produktion, sondern ein Produkt des globalen Kinos. Unter anderem hat sich Gans zwei der Größen des Hongkong-Kinos geholt: David Wu, den Schnittmeister von John-Woo-Klassikern wie "The Killer", und Stunt-Koordinator Philip Kwok, der unter anderem für Woo und Ronny Yu arbeitete. Dabei schwimmt der Regisseur nicht auf der neuen Welle der Hongkong-Adepten. Seine Begeisterung für asiatische Filme reicht schon in die Kindheit zurück. Sie spiegelt sich auch in seinem Erstlingsfilm "Crying Freeman", einem Action-Märchen nach einem japanischen Manga, bei dem er die Kampfszenen selbst choreografierte. Das war noch ein originelles B-Picture, "Pakt der Wölfe" dagegen ist großes Genrekino. So wie Sergio Leone einst den Western entrümpelte, mischt der französische Asienfreak jetzt den Kostümfilm auf.

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Sein Streifen ist zugleich ein Schaulaufen für die neue französische Stargeneration. Denn die passt ideal in die überlebensgroßen Rollen von "Pakt der Wölfe" - ob Vincent Cassel, Monica Bellucci, Samuel Le Bihan oder Emilie Dequenne, die für ihr Spielfilmdebüt "Rosetta" den Darstellerpreis in Cannes erhielt. Ergänzt wird das Ensemble von Marc Dacascos, einem ehemaligen Kampfsport-Champion, der Gans' Action-Visionen seit "Crying Freeman" physisch umsetzt und dabei sogar Charisma beweist.

Würden vollere Fördertöpfe dieses Kinowunder auch in Deutschland schaffen? Christophe Gans zeigte schon mit weniger Geld, wozu er eigentlich fähig war. Als er die ersten Szenen von "Crying Freeman" gedreht hatte, schickte er sie seinem Cutter-Idol David Wu, um ihn für eine Zusammenarbeit zu erwärmen. Wenige Tage später stand Wu am Set.

"Pakt der Wölfe" ("Le pacte de loups"). Frankreich 2001. Regie: Christophe Gans, Buch: Christophe Gans, Stephane Cabel; Darsteller: Samuel Le Bihan, Vincent Cassel, Monica Bellucci; Emilie Dequenne, Marc Dacascos; Produktion: David Films, Davis Films; Studio Canal, TF1; Verleih: Helkon; Länge: 142 Minuten; Start: 14. Februar 2002



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