"Pans Labyrinth" Der Traum vom Faun

Eskapismus mit ernsten Untertönen: In Guillermo del Toros Erwachsenenmärchen "Pans Labyrinth" flüchtet sich ein kleines Mädchen vor dem spanischen Faschismus in eine Traumwelt mit Tücken. Das zauberhaft-anrührende Drama ist für sechs Oscars nominiert.

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Spanien 1944, der Bürgerkrieg ist seit Jahren vorbei, das ganze Land wird von dem faschistischen General Francisco Franco regiert. Das ganze Land? Nein, ein paar versprengte Rebellen leisten in den bewaldeten Bergen im Norden erbitterten Widerstand und halten an einer Republik fest, die längst Geschichte ist - und es lange, 40 Jahre, bleiben wird.

Szene aus "Pans Labyrinth": Ofélia im Wunderland
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Szene aus "Pans Labyrinth": Ofélia im Wunderland

Finstere Zeiten also, in die Ofélia da gerät. Das kleine Mädchen reist mit ihrer hochschwangeren Mutter Carmen in eben jene Rebellenregion, um bei ihrem Stiefvater zu leben. Capitan Vidal, selbst ein kleiner Diktator und ein eitler Fatzke noch dazu, hält auf einem Berghof, einer alten Mühle, mit seinen Soldaten die Stellung und verteilt Francos Brot an die verarmte Bevölkerung. Vidal und Ofélia, das wird schnell klar, mögen sich nicht: Das versponnene Mädchen, das sich gerne in Märchenbücher vertieft und von Feen träumt, passt nicht zu dem fanatischen Macho, der außer Hass auf Francos Gegner nur seinen noch ungeborenen Sohn im Kopf hat. Der Stiefvater ein Schurke, die Mutter unmündig und krank - was liegt da näher als die Flucht ins Irreale?

"Pans Labyrinth" ist einer der erstaunlichsten Filme des vergangenen Jahres, zum einen deshalb, weil man einen solchen Geniestreich von dem mexikanischen Splatter-Fan Guillermo del Toro ("Blade 2", "Hellboy") nicht erwartet hätte; zum anderen, weil eskapistische Märchenfilme zumeist im Kitsch versinken und eine letztlich allzu heile Welt propagieren. Del Toros Film, obwohl deutlich inspiriert von Klassikern wie "Der Zauberer von Oz", bricht mit den Märchen-Konventionen Hollywoods und führt das Genre mit zahlreichen Zitaten aus der Popkultur in die Welt der Erwachsenen und zum Autorenfilm, wo Happy Ends eher die Ausnahme bilden.

Anders als ihre Vorbilder Dorothy und Alice muss Ofélia nicht in andere Dimensionen vordringen, um in ihre Phantasiewelt zu gelangen. Die Übergänge zwischen der Realität des spanischen Bürgerkriegs und dem zauberhaften Reich, in dem der schelmische Naturgott Pan (lateinisch: Faunus) auf eine verschollene Prinzessin wartet und Tinkerbell-ähnliche Feen als Insekten-Scouts tarnt, sind fließend, so dass sich die realen Ereignisse auch in der vermeintlichen Traumwelt spiegeln. Natürlich ist Ofélia die gesuchte Prinzessin, aber bevor sie ihren rechtmäßigen Platz auf dem Thron (bei ihrem im echten Leben verstorbenen Vater) einnehmen kann, muss sie drei Tests bestehen. Eintritt in das magische Reich erhält sie durch ein zugewachsenes Labyrinth, das wie ein Garten hinter dem Berghof liegt.

Virtuos gelingt es del Toro, reale Handlung und Phantasie-Plot nebeneinander her zu erzählen, ohne dass die Spannung in einem der Stränge nachlässt. Während Ofélias Prüfungen immer gruseliger werden - in einer Szene muss sie sich ohne zu naschen an einer reich gedeckten Tafel vorbeischleichen, an der ein augenloses und offensichtlich kinderfressendes Monster nur auf eine falsche Bewegung lauert -, spitzt sich auch draußen die Lage zu. Vidals Hausmagd Mercedes (Maribel Verdú) ist nicht nur Ofélias heimliche Vertraute, sondern außerdem die Schwester eines Rebellen, die Vorräte, Informationen und manchmal sogar den verbündeten Arzt aus der Höhle des Löwen schmuggelt. Solche Umtriebe bleiben dem fiesen, aber nicht dummen Vidal natürlich nicht lange verborgen. Als er einen gefangenen Rebellen grausam zu Tode foltert, eskaliert die Situation - und ausgerechnet der narzisstische Capitan trägt eine Wunde davon, die sein überhebliches Lächeln zur hässlichen Fratze entstellt.

Subtil ist sie nicht, die Bildsprache del Toros, aber das sind vielleicht die Zugeständnisse an das plakative Märchengenre: Die furchterregende Figur des bleichen und blinden Monsters in Ofélias Prüfung ist nicht nur eine Hommage an Francisco Goyas Bildnis des Gottes Saturn, der seinen Sohn frisst; in der Tafel voller verdorbener Leckereien, die der Unhold darbietet, reflektiert der Film auch die falschen Verheißungen faschistischer Regimes: Draußen auf dem Berghof spielen sich Francos Truppen als Volks-Versorger auf und verteilen Brot, doch der Preis für einen vollen Magen ist die Freiheit des Individuums. In der Unschuld des kindlichen Geistes, verkörpert durch Ofélia, liegt einerseits die Gefahr der Verführbarkeit, andererseits aber auch die Chance einer Utopie: die Befreiung von der lähmenden Geißel der Diktatur in naher Zukunft.

Trotz schwerwiegender Thematik behält der Film eine Leichtigkeit, die ihn selbst am tränenreichen Ende vor zu viel Pathos bewahrt. Kameramann Guillermo Navarro ("Hellboy"), der schon Robert Rodriguez' "Desperado" und "From Dusk Till Dawn" filmte, entwirft angemessen kraftvolle Chiaroscuro-Bilder, die dem Geschehen tatsächlich etwas Träumerisches verleihen. Aber die Frage, ob sich Ofélia ihren gehörnten Waldgeist, sein Labyrinth und seine Prüfungen nur zusammenphantasiert oder ob sie Teil der Wirklichkeit sind, bleibt offen. Die Flucht ins Irreale findet also nicht wirklich statt, und aus dieser Konstruktion gewinnt der Film bei aller Tragik und Düsternis letztlich eine kräftige Portion Optimismus: Die Szenen, in denen Ofélia in Pans Labyrinth ihre Rätsel lösen muss, wurden wohl nicht zufällig mit Mercedes' Ausflügen zum Rebellenlager kombiniert - die bessere Welt, sie könnte wahr werden.

Diese meisterlich erzählte Geschichte wird von hervorragenden Darstellern zum Leben erweckt, allen voran die beim Filmdreh erst elf Jahre alte Ivana Baquero als Ofélia - und Sergí Lopez, der seinem Über-Schurken Vidal bei aller Bosheit auch eine menschliche Facette lässt, durch die der Schrecken erst richtig greifbar wird.

"Pans Labyrinth" ist für insgesamt sechs Oscars nominiert, darunter auch als bester fremdsprachiger Film. In dieser Kategorie konkurriert Guillermo del Toro unter anderem mit Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Drama "Das Leben der Anderen". Die Filme, obwohl sie in Ästhetik und Plot unterschiedlicher nicht sein könnten, haben dennoch etwas gemeinsam: Beide handeln vom Aufbäumen der Humanität gegen ein unmenschliches Regime.



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