Von Ilse Henckel
Der Papst ist tot, es lebe der nächste - gleich soll er gewählt werden. 108 Kardinäle sind angetreten und mühen sich in geheimer Wahl, einen der Ihren auf den Heiligen Stuhl zu hieven. Fürs Erste vergeblich, denn hinter dem frommen Schweigen der internationalen Eminenzen dröhnt der vielsprachige Chor ihrer inneren Stimmen: "O Gott, bloß ich nicht!", das denkt hier jeder. "Lass diesen Job an mir vorübergehen!"
An Kardinal Melville (Michel Piccoli), dem Außenseiter, geht er im dritten Wahlgang nicht vorbei. Draußen auf dem Petersplatz hoffen die Gläubigen auf weißen Rauch, der von der erfolgreichen Papstwahl künden soll, drinnen im Konklave beginnt das Theater.
Denn seine neue Heiligkeit befällt angesichts des drohenden Amts Unbehagen bis blanke Panik. Zwar ist ein Wille zur Pflichterfüllung da, doch der alte Herr braucht Zeit zur inneren Sammlung, bevor er vom Balkon aus die Menge begrüßen und damit seine Wahl vollziehen kann. Und er braucht sehr viel Zeit.
Eilig wird der Psychoanalytiker Professore Brezzi (Regisseur Nanni Moretti) zwecks Papst-Stabilisierung hinzugezogen, kann aber nicht helfen. Ein inoffizieller Termin bei einer Psychotherapeutin mit Praxis in der Stadt führt nur dazu, dass der designierte Pontifex unterwegs Reißaus nimmt und abtaucht. Tagelang.
Opfer der Pflicht
Die Journalisten, das Volk, selbst die Kardinäle wissen von nichts, der Vatikan-Sprecher (Jerzy Stuhr) hält sie alle hin. Denn nichts, was im Konklave geschieht, darf an die Öffentlichkeit dringen. Schon gar nicht, dass der neue Papst verlorengegangen ist. Die Eingeschlossenen vom Vatikan vertreiben sich das lange Warten auf ihr neues Oberhaupt mit Trimm-dich, Kartenspielen und - angespornt von Professore Brezzi - mit einem Volleyballturnier.
Der große, bei Drehbeginn 84-jährige Michel Piccoli spielt diesen unwilligen Papst beinah kindlich und trotzdem erhaben zwischen Wahrhaftigkeit und Hartnäckigkeit. Ein Opfer der Pflicht, dem alles auf einmal zu viel wird; ein altersanfälliger, von Selbstzweifeln gequälter Mann, der in eine Lebenskrise stürzt und auf der Suche nach innerer Klarheit einem Teil seines ungelebten Lebens begegnet.
Regisseur Nanni Moretti ("Das Zimmer meines Sohnes"), Italiens vielleicht bekanntester Autorenfilmer und bekennender Atheist, wirft einen überraschend verständnisvollen Blick hinter die Kulissen des Vatikans. Er liefert feine Spöttelei, keine aktuellen Konflikte , keinen Abgesang auf die katholische Heilslehre. Seine prachtvoll inszenierte Kirchenkomödie denunziert nicht, lieber lästert sie mild pessimistisch über weltfremde, sehr menschliche Kirchenführer in göttlicher Klemme.
Und entwirft nebenbei die Vision eines Kirchensouveräns, der die Ochsentour durch die klerikale Hierarchie reinen Herzens übersteht, Vernunft bewahrt und eigene Schwächen nicht fürchtet.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
| alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH