Serbische Erfolgskomödie "Parada" Kriegsheld in Pink

Die Liebe verbindet alle - wenn auch auf Umwegen. In der serbischen Erfolgskomödie "Parada" schwingt sich ein homophober Kriegsveteran dazu auf, eine schwul-lesbische Pride-Parade zu schützen. Nicht ganz freiwillig, aber immer rasend komisch.

Neue Visionen

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Da kann Radmilos Vater nur noch die Augen verdrehen. Schon wieder kommt sein Sohn mit dem Auto in seine Werkstatt gefahren, und schon wieder will er die Dienste seines Vaters in Anspruch nehmen, das klapprige Gefährt zu reparieren. Doch Radmilo ist kein schlechter Fahrer, der dauernd Unfälle baut. Radmilo ist ein homosexueller Mann, der in Belgrad lebt und dessen Auto regelmäßig mit schwulenfeindlichen Parolen beschmiert wird. Deshalb ist es für die Mitarbeiter der Werkstatt schon Routine, Radmilos Wagen mit der x-ten Schicht neuen Lacks zu versehen. Nur dass es immer wieder leuchtend rosa Lack sein muss - darüber muss der Vater dann doch noch mal die Augen verdrehen.

Es ist kein lustiger Alltag, den homosexuelle Männer und Frauen in Belgrad haben. Wahrscheinlich kann man es noch nicht einmal Alltag nennen: Die Gefahr, auf offener Straße attackiert zu werden, ist zu groß, um nicht dauernd wachsam zu sein. 2010 mussten 5600 Polizisten die Gay-Pride-Parade vor 6000 Hooligans schützen, dennoch wurden über 200 Demonstranten verletzt. Umso erstaunlicher ist es, dass Srdjan Dragojevic aus dem Thema Homophobie einen der lustigsten und erfolgreichsten serbischen Filme der vergangenen Jahre gemacht hat.

Über 600.000 Menschen haben ihn allein in den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens gesehen - ein Erfolg vergleichbar mit dem von "Ziemlich beste Freunde" hierzulande. "Ich wollte möglichst vielen Leuten zeigen, wie die Mehrheitsgesellschaft Minderheiten behandelt", hat Drehbuchautor und Regisseur Dragojevic im SPIEGEL-ONLINE-Interview zur Berlinale gesagt, wo "Parada" den Publikumspreis der Panorama-Reihe gewonnen hat. "Ein Freund hat mir erzählt, dass sein Teenager-Sohn schlecht gelaunt nach Hause kam, nachdem er 'Parada' gesehen hatte. Er hätte den Film scheiße gefunden, erzählte der Junge - weil er Schwule jetzt nicht mehr hassen könne. Für diese Leute habe ich den Film gemacht."

Vom Kriegsheld zur Security-Aushilfe

Im Mittelpunkt von "Parada" stehen Radmilo (Milos Samolov) und Mirko (Goran Jevtic), ein Paar, das sich innig liebt und doch grundverschiedener Meinung ist: Tierarzt Radmilo schätzt das ruhige Leben als Schwuler, der sich nur seinem engsten Freundeskreis gegenüber zu erkennen gegeben hat. Mirko dagegen will sich nicht mit der alltäglichen Unterdrückung arrangieren.

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Serbische Komödie "Parada": Ein Macho kämpft für Schwulenrechte

Eigentlich hat er Ambitionen als Dichter und Dramatiker, doch im modernen Serbien ist für ihn nur Platz als Hochzeitsausstatter. Während er tagsüber die Bräute von Neureichen mit einem Glas Sekt und den neuesten Modellen der internationalen Brautmode versorgt, organisiert er abends eine Pride-Parade für die Schwulen und Lesben Belgrads. Immer wieder kommt es bei den Vorbereitungssitzungen zu Übergriffen von Rechtsradikalen oder es stellt ihnen die Stadtverwaltung Hürden in den Weg. Doch das schreckt Mirko und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter nicht ab, im Gegenteil: Zum Schluss ist auch Radmilo mit von der Partie - und sogar der brutale Kriegsveteran Limun (Nikola Kojo), den es eigentlich beim Anblick von Schwulen schüttelt.

Auf die neue Homophobie in Serbien und den angrenzenden Ländern angesprochen, hat Dragojevic erklärt, dass er die Verzweiflung der Menschen angesichts ihrer wirtschaftlichen Lage für eine wichtige Triebfeder hält. "Viele junge Menschen haben erlebt, wie ihre Eltern nach dem Krieg ihre Arbeit verloren haben. Gleichzeitig sind die Neureichen aufgestiegen und haben sich Unternehmen und Medien einverleibt. Um von der krassen Umverteilung und Ungerechtigkeit abzulenken, befeuern die Neureichen den Hass auf vermeintlich weiche Ziele, zum Beispiel auf Schwule und Lesben."

So ist "Parada" auch ein Film über den Strukturwandel in Serbien. Limun mag aufgrund seiner Kriegseinsätze noch immer ein geachteter Mann sein - gebraucht wird er trotzdem schon lang nicht mehr. In einer Gesellschaft, die den Neuanfang anstrebt, ist der Soldat in der sozialen Hierarchie abgerutscht, jobbt als Security-Dienstleister und muss nun die vertreiben, die noch weiter unter ihm stehen - in Limuns Fall die Roma.

Wo fängt Homoerotik an?

Aufgestiegen ist dagegen seine Zukünftige, die erfolgreiche Schönheitssalon-Besitzerin Biserka (Hristina Popovic), die mit ihrem grellen Makeup und den knallengen Outfits wie ihre eigene beste Kundin aussieht. Biserka ist es denn auch, die Limun zum Umdenken bringt: Sie will Mirko als Ausstatter für ihre pink-goldene Traumhochzeit, ihn und keinen anderen. Weil Mirko aber als Gegenleistung den Schutz von Limun und seinen Kollegen für die geplante Pride-Parade verlangt, kommt es zur verblüffenden Koalition von Kriegsheld und Schwulen-Aktivist.

Bleibt nur ein Problem: Für den Schutz der Parade vor dem gewalttätigen Mob braucht es mehr als einen romantisch gestimmten Ex-Soldaten, da braucht es ein ganzes Heer. Und so machen sich Limun und Radmilo auf, um in den restlichen ehemaligen Republiken Jugoslawiens die wohl ungewöhnlichste Rekrutierungskampagne zu starten, die die Veteranen dort je gesehen haben. Übrigens in Radmilos leuchtend rosa Auto.

Lustvoll übertreibt es der Film mit den Klischees, bis sie ineinander verschwimmen. Wo endet Besirkas neureicher Protzgeschmack und fängt queere Camp-Ästhetik an? Wo endet verschworenes Kumpeltum und fängt Homoerotik an? Schnell lösen sich in "Parada" die vermeintlich klaren Kategorien auf und es macht sich stattdessen wunderbar versöhnende Verunsicherung breit: Mann? Frau? Homo? Hetero? Das einzige, woran man sich hier noch orientieren kann, ist, wer ein gutes Herz hat - jedenfalls für die Länge des Films.

Am Ende zeigt Dragojevic Bilder von der Belgrader Pride-Parade 2010, von mordlustigen Hooligans und verzweifelten Demonstranten. Was für knapp zwei Stunden ein knalliger Kinospaß war, wird wieder ernst - und zeigt gerade deshalb, wie gut es dem Film gelingt, im gemeinsamen Lachen ein utopisches Moment zu schaffen, in dem alles möglich erscheint. Sogar die Freundschaft zwischen einem schwulen Dichter und einem homophoben Kriegsheld.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
a-mole 12.09.2012
1. optional
klingt für mich nach einem absoluten Must-See! und nen Film aus der Ecke hab ich auch noch nie gesehen.. immer spannend, andere Filmmärkte zu entdecken
aco.tr 12.09.2012
2. Sehr Gut
Ein genialer Film der alles bietet. Der Besuch lohnt sich
zack34 12.09.2012
3. Dann haben Sie einiges verpasst
Zitat von a-moleklingt für mich nach einem absoluten Must-See! und nen Film aus der Ecke hab ich auch noch nie gesehen.. immer spannend, andere Filmmärkte zu entdecken
kein weiterer Kommentar
roberkreuz 12.09.2012
4. Guter Regisseur
Ich habe "Parada" noch nicht gesehen, aber Srdjan Dragojevic ist mittlerweile eines der interessantesten Regisseure des Balkan-Kinos seit 2000, obwohl seine 1990er Jahre (Anti-)Kriegs- und Anti-Milosevic-Filme ebenso immer noch hochinteressant sind. Soweit ich weiss war er in den 80er Jahren in der Belgrader Punk-Szene bevor er anfing Film studierte. Dieses Anarchische haben seine Filme wohl immer noch.
kleinruh 12.09.2012
5. Ein Loblied auf Balkanfilme!
Zitat von sysopNeue VisionenDie Liebe verbindet alle - wenn auch auf Umwegen. In der serbischen Erfolgskomödie "Parada" schwingt sich ein homophober Kriegsveteran dazu auf, eine schwul-lesbische Pride-Parade zu schützen. Nicht ganz freiwillig, aber immer rasend komisch. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,853173,00.html
Schön zu sehen, dass Balkanfilme mittlerweile auch Westeuropa für sich erobern. Ich persönlich bin ein riesiger Fan davon und bin immer wieder überrascht, wie es Regisseure und Schauspieler schaffen, eine perfekte Mischung aus urkomischer Komödie und todernstem Drama hinzubekommen. Vor dieser Leistung können sich ganze Wagenladungen amerikanischer Filme getrost verstecken. Fairerweise muss man aber dazusagen, dass die Filme in Originalsprache an die 5.000% lustiger sind als in jeder Synchronisationsfassung. Wer also der Sprache ausreichend mächtig ist, der sollte sich diesen Hochgenuß nicht entgehen lassen!
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