Seidl-Film "Paradies: Glaube": Mein Lustknabe am Kreuz

Von Jörg Schöning

Neue Visionen

Ins Bett steigt diese Frau nur mit dem Heiland: Im zweiten Teil von Ulrich Seidls "Paradies"-Trilogie entfesselt die tolle Maria Hofstätter als katholische Missionarin einen gnadenlosen Ehe- und Glaubenskrieg. Die Zuschauer dürfen sich davon sanft gequält fühlen. Oder massiv provoziert.

"So viele Menschen sind vom Sex besessen. Befrei' sie aus ihrer Hölle!" Allabendlich schickt Anna Maria dieses Stoßgebet gen Himmel. Dann greift sie zur handgefertigten Ledergeißel und gibt sich die Peitsche. Das ist nur der Auftakt für einen Leidensweg, der auf blank gescheuertem Linoleum seinen Fortgang nimmt: Auf nackten Knien rutscht die Frömmlerin durch die tipptopp gewienerte Wohnung, bis sich auf ihren Kniescheiben blutige Stigmata zeigen.

Die einen werden Ulrich Seidls "Paradies: Glaube" blasphemisch finden, die anderen genial. Die Kontroversen, die der Film hervorrufen könnte, sind, folgt man US-Regisseur John Waters, gottgewollt: "Fassbinder ist tot, also gab uns Gott Ulrich Seidl."

Da mag Waters recht haben. Im Mittelteil von Seidls Trilogie tritt zumindest eine gewisse Nähe zwischen Gott und dem österreichischen Regisseur deutlich zutage - im deprimierenden Ambiente einer katholisch-kleinbürgerlichen Welt, ihrer unterdrückten Sexualität, ihrem unterschwelligen Ausländerhass und in Aggressionen, die sich stets gegen die Nächsten und Schwächsten richten. "Paradies: Glaube" entfaltet ein Ehe- und Glaubensinferno. Und dessen strenge Zeremonienmeisterin ist die keusche Röntgenassistentin Anna Maria (Maria Hofstätter).

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"Paradies: Glaube": Anna Maria schwingt die Peitsche
Ihrer Inbrunst liegt die Brunst übrigens nicht ganz fern: Des Nachts nimmt Anna Maria den Herrn samt Kreuz von der Wand, um ihn zu herzen, ehe sie ihn unter die Bettdecke führt. Was sie dort mit der Heilandsfigur treibt? Es zeichnet sich immerhin so deutlich ab, dass es die ultrakonservative Katholikenorganisation "NO 194" nach der Premiere des Films beim Festival in Venedig im vergangenen Jahr dazu stimulierte, den Regisseur wegen Blasphemie anzuzeigen.

Auch Anna Maria ist Mitglied einer unerbittlichen Glaubenskongregation, der Gebetsgruppe "Legio Herz Jesu", die unter der Devise "Jesus, wir schwören dir, dass Österreich wieder katholisch wird. Amen." die Evangelisierung des Landes betreibt: Zu diesem Zweck setzt sich Anna Maria mit einer Marienstatue ins Auto und kurvt mit ihrem "Mariamobil" über Land, um die Heiden - in der Regel Arbeitsimmigranten - zu bekehren.

Das Monströse in der Normalität

All das könnte man fast für Satire halten, würde es nicht von Maria Hofstätter absolut überzeugend vorgeführt. Die österreichische Schauspielerin, seit Mitte der Neunziger bei Seidls filmischen Exaggerationen dabei, spielt diese religiöse Irrläuferin mit solcher Hingabe und Entschlossenheit, dass die Frau zusehends normal erscheint. Doch wie immer bei Seidl erwächst aus der Normalität das Monströse. Und so verbirgt sich hinter dem selbstgenügsamen Idyll der masochistischen Flagellantin zwischen masturbativem Konklave und meditativem Heimorgelspiel auch ein säkularer Horror.

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"Paradies: Liebe": Die Ökonomie der Sugarmamas
Dynamik in Seidls stille Panoramen bringt die Ankunft von Nabil, Anna Marias muslimischem Ehemann (gespielt von dem ägyptischen Laien Nabil Saleh). Der ist seit einem Verkehrsunfall, dessen Hergang weitgehend im Dunkeln bleibt, querschnittsgelähmt. Nur soviel ist klar: Der schwachmatische Mann klagt seine ehelichen Rechte ein. "Das ist deine Pflicht. In allen Religionen musst du das machen."

Bald erwächst aus Anna Marias selbst auferlegtem Keuschheitsgebot ein veritabler Grabenkampf, in dem der spiddelige Rollstuhlfahrer seiner Angetrauten hilflos unterliegt. Da mag er ihre Heiligenbildchen zerfleddern, Devotionalien verheeren, das Kruzifix von der Tapete fetzen - in der psychologischen wie handgreiflichen Ehekriegsführung ist ihm die glaubensfeste Katholikin ("Ich bin Gott dankbar, dass du deinen Unfall gehabt hast") weit voraus.

"Glaube", beim Festival in Venedig zwar mit dem Spezialpreis der Jury geehrt, ist der schwächste Teil der "Paradies"-Trilogie. Zu nebulös gezeichnet und schwer nachvollziehbar ist die Vorgeschichte des Paars. Etwas angejahrt wirken nicht nur die Episoden rund um die "Wandermuttergottes", mit denen Seidl auf authentische Szenen seines Dokumentarfilms "Jesus, du weißt" (2003) zurückgreift. Auch der kritisierte Katholizismus stellt sich hier als religiöses Hinterwäldlertum dar, das vielleicht folkloristische Züge besitzt, der gegenwärtigen Glaubensdoktrin wohl kaum entspricht.

Während der Trilogie-Auftakt "Paradies: Liebe" mit dem Rahmenthema Sextourismus aktuelle Tatbestände des interkulturellen Austauschs zwischen Erster und Dritter Welt bis ins Groteske zuspitzte, treibt Seidl die Protagonisten seiner interkonfessionellen Lebensgemeinschaft diesmal in einen körperlichen Clinch, der den Fortgang der Handlung eher lähmt. Auch mag man nur schwer glauben, dass dies wirklich der Haushalt ist, in dessen Obhut die Fernreisende des ersten Teils ihre minderjährige Tochter zurückließ. Doch das sind mindere Konstruktionsschwächen. Dass all dem ein größerer "Heilsplan" unterlegt ist, erweist sich im dritten Teil, "Paradies: Hoffnung", den Seidl auf der Berlinale vorstellte. Fortsetzung folgt.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Type O Negative
krown 20.03.2013
Ohne jetzt den Film gesehen zu haben, möchte ich darauf hinweisen, dass dieses Thema schon durch andere Künstler verarbeitet und umgesetzt wurde: Type O Negative - Christian Woman (full video) - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=V0LSO-dtsxo)
2. Ulrich Seidl
Tom Joad 20.03.2013
Die Machwerke von Ulrich Seidl ("Hundstage", "Models") sind wie schwere Verkehrsunfälle: schrecklich - aber man muss hinsehen. Nie war Fremdschämen authentischer als bei diesem Österreicher. Hut ab vor seinen dreisten, entlarvenden, schonungslosen Filmen! Aber: Bitte nicht nachmachen ... Ein Regisseur dieses Kalibers reicht vollkommen.
3. optional
roseanna 20.03.2013
Meines Wissens sind Stigmata von innen aufbrechende Wunden ohne erklärliche Ursache, die an den Stellen des Körpers auftreten, an denen Jesus am Kreuz verletzt wurde: Löcher in Händen und Füßen von den Kreuzigungsnägeln, Löcher um den Kopf durch die Dornenkrone, einen Riss in der Seite durch die Lanze des römischen Soldaten, wie es in der Passionsgeschichte beschrieben wird. Das Interessante an Stigmata ist das Unerklärliche ihres Auftretens; wenn jemand über den Boden rutscht, bis die Knie aufgerissen sind, ist das sicher schmerzhaft, aber eher kein Teil von Stigmata. Für Journalisten ist der Umgang mit Sprache in letzter Zeit recht ... na sagen wir "frei"? Bitte ordentlicher arbeiten, wenn's geht.
4. Langweilig
freund-der-worte 20.03.2013
Ich fühle mich weder gequält, noch provoziert, mich langweilt das, was ich hier gelesen habe und auch der Trailer lässt mich erstaunlich kalt, ich hätte mir da mehr erhofft. Mit SO ETWAS soll man heute noch provozieren können? Wen denn?
5. Diese Überdrehten sind filmisch interessant,
spiekr 20.03.2013
zeigen das Problem aber eher weniger, weil man sie leicht als kleine Minderheit ignorieren kann. Ich warte auf die Entlarvung des unspektakulären, breit angelegten Gotteswahnes bzw. dem kirchlichen Geschäftsmodell Himmel & Hölle und jenseitige Schuld & diesseitige religiöse Sühne, d.h. die ganz "normalen" Hirngespinste and vorgetragene Demut der Religiösen, die sich beim näherem Hinsehen als Maximalarroganz entpuppt, der Sinnleere und dem Tod ein Schnippchen schlagen zu können.
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Paradies: Glaube

AT 2012

Regie: Ulrich Seidl

Buch: Veronika Franz, Ulrich Seidl

Darsteller: Maria Hofstätter, Nabil Saleh, Natalya Baranova, René Rupnik

Produktion: Ulrich Seid Film Produktion, Tatfilm et al.

Verleih: Neue Visionen

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 21. März 2013