"So viele Menschen sind vom Sex besessen. Befrei' sie aus ihrer Hölle!" Allabendlich schickt Anna Maria dieses Stoßgebet gen Himmel. Dann greift sie zur handgefertigten Ledergeißel und gibt sich die Peitsche. Das ist nur der Auftakt für einen Leidensweg, der auf blank gescheuertem Linoleum seinen Fortgang nimmt: Auf nackten Knien rutscht die Frömmlerin durch die tipptopp gewienerte Wohnung, bis sich auf ihren Kniescheiben blutige Stigmata zeigen.
Die einen werden Ulrich Seidls "Paradies: Glaube" blasphemisch finden, die anderen genial. Die Kontroversen, die der Film hervorrufen könnte, sind, folgt man US-Regisseur John Waters, gottgewollt: "Fassbinder ist tot, also gab uns Gott Ulrich Seidl."
Da mag Waters recht haben. Im Mittelteil von Seidls Trilogie tritt zumindest eine gewisse Nähe zwischen Gott und dem österreichischen Regisseur deutlich zutage - im deprimierenden Ambiente einer katholisch-kleinbürgerlichen Welt, ihrer unterdrückten Sexualität, ihrem unterschwelligen Ausländerhass und in Aggressionen, die sich stets gegen die Nächsten und Schwächsten richten. "Paradies: Glaube" entfaltet ein Ehe- und Glaubensinferno. Und dessen strenge Zeremonienmeisterin ist die keusche Röntgenassistentin Anna Maria (Maria Hofstätter).
Auch Anna Maria ist Mitglied einer unerbittlichen Glaubenskongregation, der Gebetsgruppe "Legio Herz Jesu", die unter der Devise "Jesus, wir schwören dir, dass Österreich wieder katholisch wird. Amen." die Evangelisierung des Landes betreibt: Zu diesem Zweck setzt sich Anna Maria mit einer Marienstatue ins Auto und kurvt mit ihrem "Mariamobil" über Land, um die Heiden - in der Regel Arbeitsimmigranten - zu bekehren.
Das Monströse in der Normalität
All das könnte man fast für Satire halten, würde es nicht von Maria Hofstätter absolut überzeugend vorgeführt. Die österreichische Schauspielerin, seit Mitte der Neunziger bei Seidls filmischen Exaggerationen dabei, spielt diese religiöse Irrläuferin mit solcher Hingabe und Entschlossenheit, dass die Frau zusehends normal erscheint. Doch wie immer bei Seidl erwächst aus der Normalität das Monströse. Und so verbirgt sich hinter dem selbstgenügsamen Idyll der masochistischen Flagellantin zwischen masturbativem Konklave und meditativem Heimorgelspiel auch ein säkularer Horror.
Bald erwächst aus Anna Marias selbst auferlegtem Keuschheitsgebot ein veritabler Grabenkampf, in dem der spiddelige Rollstuhlfahrer seiner Angetrauten hilflos unterliegt. Da mag er ihre Heiligenbildchen zerfleddern, Devotionalien verheeren, das Kruzifix von der Tapete fetzen - in der psychologischen wie handgreiflichen Ehekriegsführung ist ihm die glaubensfeste Katholikin ("Ich bin Gott dankbar, dass du deinen Unfall gehabt hast") weit voraus.
"Glaube", beim Festival in Venedig zwar mit dem Spezialpreis der Jury geehrt, ist der schwächste Teil der "Paradies"-Trilogie. Zu nebulös gezeichnet und schwer nachvollziehbar ist die Vorgeschichte des Paars. Etwas angejahrt wirken nicht nur die Episoden rund um die "Wandermuttergottes", mit denen Seidl auf authentische Szenen seines Dokumentarfilms "Jesus, du weißt" (2003) zurückgreift. Auch der kritisierte Katholizismus stellt sich hier als religiöses Hinterwäldlertum dar, das vielleicht folkloristische Züge besitzt, der gegenwärtigen Glaubensdoktrin wohl kaum entspricht.
Während der Trilogie-Auftakt "Paradies: Liebe" mit dem Rahmenthema Sextourismus aktuelle Tatbestände des interkulturellen Austauschs zwischen Erster und Dritter Welt bis ins Groteske zuspitzte, treibt Seidl die Protagonisten seiner interkonfessionellen Lebensgemeinschaft diesmal in einen körperlichen Clinch, der den Fortgang der Handlung eher lähmt. Auch mag man nur schwer glauben, dass dies wirklich der Haushalt ist, in dessen Obhut die Fernreisende des ersten Teils ihre minderjährige Tochter zurückließ. Doch das sind mindere Konstruktionsschwächen. Dass all dem ein größerer "Heilsplan" unterlegt ist, erweist sich im dritten Teil, "Paradies: Hoffnung", den Seidl auf der Berlinale vorstellte. Fortsetzung folgt.
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