Sextourismus-Drama "Paradies: Liebe": Im Bett mit Sugarmama

Von Jörg Schöning

Der Meister des unbarmherzigen Blicks schaut nach Afrika: In "Paradies: Liebe" folgt Regisseur Ulrich Seidl einer Sextouristin nach Kenia. Ein Ausflug in die Welt weißer Sugarmamas, die ihre schwarzen Beachboys nicht nur auf die Matratze legen, sondern auch unterwerfen wollen.

Am Anfang kamen die Entdecker. Ihnen folgten Missionare und Soldaten, Forscher, Abenteurer, Händler. Es kamen Wissenschaftler, Künstler und dann Reisende, aus denen irgendwann Touristen wurden. Und schließlich die Sextouristen. Auch mit ihnen ist das Ende der kolonialen Erschließungskette noch nicht erreicht. Denn dort finden sich die Sextouristinnen, in zeitlicher Reihenfolge wie in Hinsicht auf ihre soziale Reputation. Sie sind der Bodensatz des globalen Reiseverkehrs.

Ihrer hat sich Ulrich Seidl in seinem Film nun angenommen. Die Hoffnung früherer Reisender auf ein Paradies teilen auch sie. Dem Gleichklang von Exotik und Erotik folgend, erhoffen sie sich Liebe dort, wo das Urlaubsversprechen von "Sommer, Sonne, Sex" sie auch hinlocken mag. Man muss nicht die extrem nüchterne Weltsicht des österreichischen Regisseurs teilen, um zu ahnen, dass es Liebe am "Zielort Stundenhotel" nicht gibt. Sondern nur kalten Handel: Sex gegen Cash.

Trotzdem hat Seidl seinen Film mit gewohntem Sarkasmus "Paradies: Liebe" genannt. Er ist der Auftakt einer Trilogie über drei Glücksucherinnen und wurde im vergangenen Frühjahr beim Filmfestival in Cannes uraufgeführt. Der zweite Teil, "Paradies: Glaube", war im Herbst in Venedig zu sehen und erhielt dort den Spezialpreis der Jury. Der dritte, "Paradies: Hoffnung", wird im Februar im Wettbewerb der Berlinale laufen - ein Hattrick wie es ihn seit der "Drei Farben"-Trilogie von Krzysztof Kieslowski ("Blau", "Weiß", "Rot") Mitte der neunziger Jahre nicht mehr gegeben hat.

Die Sugarmamas wollen Unterwerfung

Aus der ihm eigenen, unbarmherzig realistischen Perspektive verfolgt Seidl die Sexsafari einer Frau, die wie die Protagonisten seiner vorangegangenen Filme ("Tierische Liebe", "Hundstage") äußerlich einmal mehr einer Karikatur seines österreichischen Landsmanns Manfred Deix gleicht: Teresa ist jenseits der 50 und schwer übergewichtig. Als alleinerziehende Mutter mit einer Teenager-Tochter geschlagen, die ihr, was den Leibesumfang betrifft, jetzt schon nacheifert, hat sie als Kontrastprogramm zur alltagstristen Angestelltenexistenz einen "All inclusive"-Urlaub in Kenia gebucht.

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"Paradies: Liebe": Die Ökonomie der Sugarmamas
Eine "Comfort Safari" verheißt die Aufschrift am Jeep, der die Alleinreisende zu ihrem Ferienhotel bringt. Und dass sie sich unter den Palmen bequem zu betten gedenkt, daran lassen ihre Dialoge mit den anderen, schon erheblich frivoler ihre Wünsche kundtuenden Mitteleuropäerinnen keinen Zweifel. "Das Fremde ist der Reiz", bekommt Teresa von diesen zu hören, die als Sugarmamas schon einige Erfahrung haben. Es sind angejahrte dralle Damen wie sie selbst, die mit Eroberungen prahlen, deren Wert sich an der Unterwerfungshaltung ihrer jugendlichen schwarzen Beachboys bemisst.

Seidl hat es der Grazer Schauspielerin Margarethe Tiesel zu verdanken, dass man an seiner Teresa dann doch irgendwie Anteil nimmt. Streng bis zur Verhärmung, die sich zuweilen in albernem Giggeln und Kleinkindersprache auflöst, dabei naiv und egozentrisch, kann die monströse Figur dadurch Empathie für sich wecken, indem sie den Fremden tatsächlich als Fremde entgegentritt.

Ein Seil trennt die Urlauberinnen von den einheimischen Männern am Strand, die dort Andenken zu verhökern vorgeben, in Wahrheit aber ihre Körper zu Markte tragen. Jenseits dieser Grenze wird der Küstenstreifen zum Kontakthof: Unschön und unverbrämt zeichnet Seidl sexuelle Beziehungen, die ausschließlich Handelsbeziehungen sind. Mit einem Liebeswunsch dringt Teresa bei ihrem Beachboy gar nicht durch. Ihre sentimentalen Anwandlungen ermuntern Munga (Peter Kazunga) höchstens, auf die Mitleidstour weiteres Geld von ihr zu verlangen.

Heranschleichen ans Elend

"Paradies: Liebe" ist mit Berufschauspielern und Laien besetzt. Vieles wirkt, wie immer bei Seidl, dokumentarisch. Tatsächlich aber ist es das Gegenteil: eine planvolle Versuchsanordnung, die an ein vorherbestimmtes Ziel führt. Wenn es so aussieht, als folge die Kamera den Protagonistinnen, treibt Seidl sie in Wahrheit vor sich her. Immer wieder heftet sich der Blick der Kamera an ihre Hinterteile, und in ihrem Schutz schleicht sich Seidl ans Elend heran.

Auf diese Weise bleibt von Teresas "Safari-Komfort" nicht das Mindeste übrig. Das Verlangen führt sie an Orte, die dem Pauschaltouristen unbekannt sind: zu Müllkippen, in düstere Kneipen und Hinterhöfe, in ein trostloses Stundenhotel (wo sie sofort zum Desinfektionsmittel greift) und in eine überfüllte Schulklasse. Am ekstatischen Aufschrei der Sextouristin "Hier ist Afrika!" ist daher schon etwas dran. Die Geschichten der Beachboys von erkrankten Familienmitgliedern und anderen Schicksalsschlägen mögen zwar frei erfunden sein, um die Sugarmamas ordentlich auszupressen. Soziale Not stellen sie dennoch korrekt dar.

Für die Sextouristin aus den USA, die Charlotte Rampling 2005 in dem Film "In den Süden" des Franzosen Laurent Cantet ("Die Klasse") verkörpert hat, waren die Artikulation weiblichen Begehrens und der Unabhängigkeitskampf im Haiti der siebziger Jahre unter der Diktatur "Baby Doc" Duvaliers noch zwei Seiten derselben Medaille. Bei Seidl hingegen herrscht beiderseits Verelendung: Geschlechter- wie Kulturkontakte gibt es gegen klingende Münze. Und Trost wohl nur im Traum.

Als der Sex mal wieder schwere Arbeit gewesen ist, weil die weiße Frau dem schwarzen Mann jeden einigermaßen zärtlichen Handgriff erst einmal hat beibiegen müssen, fällt Teresa in einen tiefen Schlaf. Und unter dem Schutz des Moskitonetzes träumt sie, danach sieht es jedenfalls aus, von einem anderen Afrika.

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insgesamt 143 Beiträge
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1.
Zentralabitur 02.01.2013
Nichts neues, dass ist mehr als bekannt. Darüber muss man nun wirklich kein Film machen.
2. wieso nicht?
ra-live 02.01.2013
Zitat von ZentralabiturNichts neues, dass ist mehr als bekannt. Darüber muss man nun wirklich kein Film machen.
Gibt auch schon ewig Krimis, ich schau sie immer noch gerne. Seltsame Argumentation.
3. ein längst überfälliger Film
gg1963 02.01.2013
was für Vati Thailand ist für Mutti Kenia, bloss darüber gibt es natürlich keine Filme, was würde denn auch Alice dazu sagen, wo sie doch die Prostitution verbieten will. Sehr schön zu sehen, dass auch die Frauen keine Heiligen sind....
4. optional
selbstdenker75 02.01.2013
Würde der Streifen auch solche Beachtung finden, wenn es um einen Mann im Sexurlaub auf den Philipinen gehen würde? Warscheinlich eher nicht. Denn merke: Männer sind Schweine, Frauen suchen Liebe.
5. Liebe?
eifelhippe 02.01.2013
Auch in Ägypten und Sri Lanka konnten wir diese Touristinnen beobachten. Allerdings läuft das Geschäft nicht knallhart -Bares gegen Sex- sondern subtiler: Da wird tatsächlich von Liebe gesprochen. Erstaunlich, wie manche Frauen im Alter von plusminus 40 Jahren an eine Beziehung zu einem 20jährigen Beachboy/Kellner/Tauchlehrer glauben. Auf der einen Seite der gutaussehende, vor Charme sprühende Einheimische, auf der anderen Seite die etwas dickliche Mitteleuropäerin, verzweifelt bemüht, sich jung zu geben. Da werden dann Gelder aus der Touristin "herausgeleiert", weil der zukünftige "Schwiegervater" in einem Krankenhaus liegt und die Medikamente nur gegen Bezahlung zu bekommen sind. Es gibt Frauen, die in solchen "Beziehungen" ein kleines Vermögen bis hin zum finanziellen Ruin gelassen haben. Was die Frauen bewegt, an die Liebesschwüre ihres Lovers zu glauben? Keine Ahnung... Als mir ein Kellner verklickern wollte, dass ich so wunderschön bin, dass er mich unbedingt ausserhalb des Hotels treffen müsse, um mich näher kennen zu lernen, habe ich schallend gelacht. Zwar sehe ich recht attraktiv aus, bin nun aber mal 50 und der liebesentbrannte Kellner war geschätzte 25. Ich habe mich oft gefragt, wie es diese Frauen hinbekommen, so an der Realität vorbei zu leben und dieses Geschwurbel wirklich zu glauben. Es gibt Frauen, die meinen wirklich, eine Beziehung zu führen (oft erlebt in Ägypten) und wollen nicht sehen, dass ihr "Partner" neben ihr noch weitere Frauen hat, die sich in der selben Situtation wähnen. Schwierig wird es immer dann, wenn plötzlich zwei "Verlobte" des jungen Mannes anreisen und der dies nicht verhindern kann. Da kann ein Kellner durchaus auch mal abtauchen und erst wieder aus der Deckung kommen, wenn beide wieder weg sind ;-)
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Paradies: Liebe

AT 2012

Regie: Ulrich Seidl

Buch: Veronika Franz, Ulrich Seidl

Darsteller: Margarete Tiesel, Peter Kazunga, Inge Maux, Gabriel Mwarua, Carlos Mkutano

Produktion: Ulrich Seidl Film Produktion, Tatfilm, Société Parisienne de Production et al.

Verleih: Neue Visionen

Länge: 120 Minuten

Start: 3. Januar 2013