Liebes- und Kriegsdrama "Paradies" Im Museum der Barbarei

In "Paradies" von Andrei Konchalovsky wird eine deutsch-russisch-französische Dreiecksgeschichte während des Zweiten Weltkriegs zu einem Panoptikum europäischer Tragik und fataler Selbstüberschätzung.

Alpenrepublik

Verführte und Vertriebene verbindet gemeinhin wenig - außer diesem ewigen, nie erreichbaren Sehnsuchtsort: dem Paradies. Der russische Autorenfilmer Andrei Konchalovsky bringt in seinem neuen, eben "Paradies" genannten Film Verführte und Vertriebene zusammen und erzählt, wie das bei dieser Konstellation nicht anders sein kann, von ihrer unmöglichen Liebe.

Vor einem paneuropäischen Panorama und entlang von drei Hauptfiguren entfalten sich in "Paradies" die dunkelsten Stunden europäischer Geschichte: Die jüdisch-russische Aristokratin Olga (Julia Vysotskaya) hat während des Zweiten Weltkriegs im von den Deutschen besetzten Paris Zuflucht gefunden. Sie ist inkognito für die Résistance aktiv, doch als der Vorwurf laut wird, sie habe jüdische Kinder bei sich versteckt, landet sie im Verhör der französischen Kollaborateure - genauer gesagt vor Jules (Philippe Duquesne). Der Bürokrat stellt Olga im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten eine milde Strafe in Aussicht. Doch beim sonntäglichen Waldspaziergang wird er von Mitgliedern der Résistance hinterrücks erschossen.

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"Paradies" von Konchalovsky: Protokolle der Barbarei

Die verhängnisvolle Logik des Krieges, die "Paradies" wie ein Strudel unterläuft, beginnt: Nach Jules' Tod wird Olga umgehend ins KZ deportiert, wo sie auf Helmut (Christian Clauß) trifft, ihren ehemaligen Geliebten aus der Vorkriegszeit. Helmut stammt wie Olga aus dem europäischen Hochadel, hat sich allerdings im Dritten Reich zu einem glühenden Verehrer Hitlers entwickelt und als SS-Offizier Karriere gemacht.

Die Liebesgeschichte nimmt erneut ihren Lauf, unter höchst destruktiven Vorzeichen. Helmut will Olga retten, Olga will sich selbst retten - angesichts unmenschlicher Zustände und dem widersprüchlichen Machtstreben Helmuts eine Verzweiflungstat. Beide halten auf ihre Weise an ihrem eigenen Erbe fest, dem europäischen Kulturkontinent, der die ultimative Grausamkeit schon nicht zulassen wird. Doch als Anton Tschechows Geliebte vor ihren Augen in der Gaskammer des KZ verschwindet, bricht die Fassung, um die alle Protagonisten bemüht scheinen, in sich zusammen.

"Der Übermensch kennt keinen Zweifel"

"Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich eines der Barbarei zu sein", schrieb Walter Benjamin in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Andrei Konchalovsky übersetzt diese Prämisse in beobachtende Bildcollagen, Zeugnisse von Struktur und Grausamkeit. Die Figuren sprechen in verhörartigen Szenen direkt in die Kamera, sie sprechen über ihr Leben und was sie davon selbst beeinflussen zu können glaubten.

Ein echter Kunstgriff ist die Polyphonie dreier Sprachen, die Konchalovsky behutsam arrangiert, um den dokumentarischen Charakter seines Films zu unterstreichen: Olga erzählt stets auf Russisch, Jules auf Französisch und Helmut auf Deutsch. Als hätten wir es mit Archivmaterial zu tun, das aus staubigen Kellern in akribischer Kleinstarbeit zutage gefördert wurde und nun dechiffriert werden muss.

Aleksandr Simonovs Kamera bleibt dabei stets unbeweglich. Präzise, fast häuslich-intim kadriert sind die Einstellungen und betonen den Fatalismus, die Gefangenheit der Figuren. Vielleicht ist "Paradies" ein im besten Sinne unbeweglicher Film: Eine geschichtliche Setzung, ein Tableau von Geisteshaltungen, die durch den Film eingefangen und sogleich konserviert werden, da sie sonst verloren gehen könnten.


"Paradies"
Russland, Deutschland 2016
Originaltitel: "Ray"
Regie: Andrei Konchalovsky
Drehbuch: Andrei Konchalovsky, Elena Kiseleva
Darsteller: Julia Vysotskaya, Viktor Sukhorukov, Peter Kurth, Christian Clauß, Philippe Duquesne, Jakob Diehl
Produktion: Production Center of Andrei Konchalovsky, Drife Productions
Verleih: Alpenrepublik Filmverleih

Länge: 130 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 27. Juli 2017


"Der Übermensch kennt keinen Zweifel", ruft Helmut dem Zuschauer entgegen, um deutsche Hybris und Reinlichkeit drehen sich viele seiner Monologe. Konchalovsky fängt somit auch eine Degeneration der Sprache, des Blicks, der menschlichen Interaktion ein. "Paradies" ist deshalb bei Weitem mehr als eine Nacherzählung individueller Kriegsgeschichten, vielmehr steht hier das angeblich fortschrittliche 20. Jahrhundert seinem eigenen Dämon unvermittelt gegenüber. Es laufen einem gar zu brennend aktuelle Schauer den Rücken herunter, wenn Helmut zur täglichen Vergasung von 10.000 Juden knapp und beiläufig bemerkt: "Wir schaffen das!"

Besuch im Filmmuseum

Die Intimität der Kamera hat einen Blick zur Folge, der sich Massenszenen und audiovisuellem Historismus im Bezug auf die Shoah verweigert. Damit sorgte 2016 bereits der ungarische Oscar-Gewinner "Sauls Sohn" für Aufsehen. Wo László Nemes' Film allerdings seinen Protagonisten in radikale, nie dagewesene Nähe zum Zuschauer rückt, wahrt "Paradies" dokumentaristische Distanz.

Diese angesprochene Unbeweglichkeit hat bei aller konzeptioneller Schlüssigkeit auch ihre Nachteile, denn über ihre unmittelbare Zeitzeugenschaft hinaus entwickelt man als Zuschauer keine Bindung an die Figuren. Insbesondere Jules verharrt zu sehr am Rand des Geschehens und hat nur am Anfang inhaltliche Bedeutung. Zumindest das Liebespaar Olga und Helmut gewinnt menschliche Tiefe, allerdings getrennt voneinander, im persönlichen Monolog.

Wenn "Paradies" ein historisches Liebesdrama sein möchte, sind die Momente wirklicher Leidenschaft sowohl zu punktuell als auch zu wenig zugespitzt. Sie verbleiben in der Verzweiflung der Figuren, aber sie lassen keine eigene Erfahrung mit dem Film zu. Auch hier bietet sich ein Verweis zu "Sauls Sohn" an, der allein als radikale Seherfahrung in sich schwer zu vergessen ist. Am Ende gerät "Paradies" zum Museumsbesuch, bei dem trotz vieler erhellender, handwerklich erhabener Exponate zwischenzeitlich der Blick unweigerlich aus dem Fenster schweift.

Filmtrailer ansehen - "Paradies"

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