Spielfilmdebüt von Eleanor Coppola "Was hat man mit Ende siebzig schon zu verlieren?"

Als Frau von Francis Ford und Mutter von Sofia hat Eleanor Coppola Filmgeschichte miterlebt. Nun hat sie mit "Paris kann warten" ihren ersten Spielfilm gedreht. Ein Treffen mit der wohl ältesten Regiedebütantin der Welt.

Tobis

Beim Treffen in München strahlt Eleanor Coppola geradezu vor guter Laune, unverkennbar mischt sich Stolz in ihre ansteckende Fröhlichkeit. Ob es am gemeinsamen Frühstück mit Tochter Sofia liegt, deren Film "Die Verführten" am Vorabend Deutschlandpremiere gefeiert hatte? Sicherlich auch, denn an der Begeisterung für ihre Tochter und deren neustes Werk lässt Coppola gleich zu Beginn des Gesprächs keinen Zweifel aufkommen.

Aber vor allem macht es ihr Freude, zur Abwechslung nicht nur über ihre Familie zu sprechen. "Ich muss schon sagen, dass es ein sehr schönes Gefühl ist, den ganzen Tag über mich und meine Arbeit zu sprechen."

Eleanor Coppola ist nämlich nicht nur Ehefrau von Regielegende Francis Ford, Mutter von Oscar-Gewinnerin Sofia und Filme- und Serienmacher Roman ("Mozart in the Jungle") sowie Tante von Nicolas Cage, sondern auch die vielleicht älteste Regiedebütantin der Welt. Denn auch wenn man es ihr nicht ohne weiteres ansieht: Zwei Monate vor dem deutschen Kinostart ihres ersten Spielfilms "Paris kann warten" hat Coppola ihren 81. Geburtstag gefeiert.

Marlon Brando und die Babyfüße von Sofia

Coppolas Berührungen mit dem Filmemachen beschränkten sich bislang nicht ausschließlich aufs wohlwollende Beobachten ihrer Familienmitglieder. Bei den Dreharbeiten zu "Apocalypse Now" drückte Francis ihr 1976 eine kleine Kamera in die Hand, um für die Marketing-Abteilung der Produktionsfirma die Entstehung des Films zu dokumentieren. "Ich wusste damals nicht genau, ob er mich auf den Philippinen nur beschäftigt wissen wollte oder einfach keine Lust darauf hatte, dass ihm das Studio jemand Fremden vor die Nase setzt", sagt sie sie. "Aber ich habe es auf Anhieb geliebt, durch den Sucher zu gucken und all diese bemerkenswerten Momente einzufangen."

Aus dem Material fertigte sie viele Jahre später - trotz Widerstand ihres Ehemannes - gemeinsam mit zwei Kollegen den Dokumentarfilm "Hearts of Darkness: A Filmmaker's Apocalypse" an, für den die Drei 1992 einen Emmy Award gewannen. Auch für Tochter Sofia, von deren nackten Babyfüßchen einst Marlon Brando am Set von "Der Pate" gar nicht genug bekam (so viel Zeit für Anekdoten aus der Familiengeschichte muss sein), drehte sie bei "Marie Antoinette" später Making-Of-Material.

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"Paris kann warten": On the road in Frankreich

Den brennenden Wunsch, selbst einen Film zu inszenieren, hatte die Mutter von drei Kindern (der älteste Sohn Gian-Carlo starb 1986 bei einem Bootsunglück) in all den Jahren allerdings kaum verspürt. "Mir machte zwar das Dokumentarische Spaß, und ich hielt mich für eine gute Beobachterin, aber der Gedanke, etwas Fiktionales zu erzählen, lag mir fern. Auch als Autorin", sagt Coppola, die mit "Notes on the Making of 'Apocalypse Now'" und "Notes on a Life" auch zwei autobiografische Bücher veröffentlicht hat.

Erst ein privates Erlebnis ließ sie umdenken. Beim Filmfestival in Cannes fing sich Coppola 2009 einen Infekt ein. Statt mit Francis nach Budapest weiterzufliegen, ließ sie sich von einem seiner Geschäftspartner mit dem Auto nach Paris fahren. Was eine siebenstündige Fahrt werden sollte, wurde zu einem dreitägigen Road-Trip voller kulinarischer Highlights, genauso wie es nun Diane Lane (die einst bei "Die Outsider" und "Rumble Fish" schon für Francis Ford Coppola vor der Kamera stand) als Produzentingattin in "Paris kann warten" erlebt. "Bei uns wurde aber damals nicht geflirtet", wie Coppola eilig betont.

Francis gibt Ratschläge beim Frühstück

Eine Freundin fand Coppolas Bericht von dieser Reise filmreif und ermutigte sie, sich an einem Drehbuch zu versuchen. "Nach der Hälfte war ich mir eigentlich sicher, ich verschwende meine Zeit. Aber dann haben mich ein paar Vertraute, die sich auskennen, bestärkt, und ich habe weitergemacht", sagt Coppola. Nur die Geschichte auch selbst zu inszenieren kam ihr dabei nicht in den Sinn: "Ich machte mich auf die Suche nach einer Frau, die das Drehbuch verfilmen könnte, wurde aber nicht auf Anhieb fündig. Als Francis eines morgens beim Frühstück sagte, ich solle den Job doch einfach selbst übernehmen, fiel ich erst einmal aus allen Wolken. Doch dann habe ich mich mit dem Gedanken sehr schnell angefreundet, denn was hat man bei allem Respekt vor einem solchen Unterfangen mit Ende Siebzig schon zu verlieren?"


"Paris kann warten"
Originaltitel:
"Paris can wait"
USA 2017
Buch und Regie: Eleanor Coppola
Darsteller: Diane Lane, Arnaud Viard, Alec Baldwin, Elise Tielrooy, Elodie Navarre, Pierre Mondy, Cédric Monnet, Serge Onteniente
Produktion: American Zoetrope
Verleih: Tobis Film
Länge: 93 Minuten
FSK: ab null Jahren
Start: 13. Juli 2017


Ein junger Neffe mit eigenen Autorenambitionen und eine Schwägerin boten beim Drehbuch zwar die wichtigste Unterstützung, "er sollte für ein bisschen jugendliche Frische sorgen, und sie entsprach genau meinem Zielpublikum." Doch um sich wirklich auf den Dreh vorzubereiten, verließ sich Coppola nicht auf Vitamin B, sondern nahm gezielt Schauspiel- und vor allem Regieunterricht: "Das war mir für meine Vorbereitung unglaublich wichtig. Ohne diese Kurse hätte ich sicherlich nicht das Selbstvertrauen gehabt, mich wirklich hinter die Kamera zu stellen."

Immer kreativ, aber immer nur zwischendurch

Coppola war Mitte 20, als sie ihren Mann 1962 bei den Dreharbeiten zum Billig-Horrorfilm "Dementia 13" kennen lernte, seiner ersten Regiearbeit. "Ich hatte damals meinen eigenen kleinen Künstlerbetrieb und machte Wandgemälde für Hotels und Restaurant. Bei dem Film assistierte ich dem Art Director und war fasziniert von dieser Branche, mit der ich vorher gar nichts zu tun hatte", erinnert sie sich.

Eleanor wurde ungeplant schwanger, geheiratet wurde umgehend. "Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal seine Eltern kennen gelernt. Und irgendwie wurde mir erst allmählich klar, wie traditionell-italienisch Francis war. Dass ich zuhause bleibe und mich um die Familie kümmere, war für ihn selbstverständlich. Was letztlich natürlich auch das Frauenbild war, mit dem ich selbst aufgewachsen war."

Echter Frust lässt sich aus Coppolas Worten kaum heraushören: "Ich habe das sehr gerne gemacht, zumal diese Aufteilung auch sehr praktikabel war, als Francis' Filme plötzlich immer größer und aufwendiger wurden. Aufgegeben habe ich meine künstlerischen Ambitionen aber nie. Deswegen war es jetzt umso befriedigender, mich auch mal zu 100 Prozent auf ein Projekt konzentrieren zu können."

Ob ihrem Erstlingswerk bald auch noch ein zweiter Spielfilm folgen könnte? Coppola zuckt mit den Achseln, nur aufgrund ihres Alters irgendetwas ausschließen will sie auf jeden Fall nicht. Aber erzählen möchte sie lieber noch ein bisschen mehr von "Paris kann warten". Von der kleinen Hommage an die Band Phoenix etwa, die sie extra für ihren Schwiegersohn, Sofias Mann und Phoenix-Sänger Thomas Mars, in den Film eingebaut hat. Oder davon, dass dessen Vater einen kleinen Gastauftritt hat. Dabei blitzt wieder dieser freudige Stolz in ihren Augen auf. Darauf, dass ihre Familie eine der spannendsten ist, die im Kultur- und Showgeschäft tätig. Und vor allem darauf, dass sie dazu nun endlich auch einen entscheidenden künstlerischen Anteil beigetragen hat.


Im Video: Die Rezension zu "Paris kann warten"

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