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Passionspiel: Kirchenvertreter streiten über Gibsons Jesus-Film

"Unerträglich", antisemitisch oder voll "poetischer Kraft": "Die Passion Christi" spaltet deutsche Kirchenvertreter. Zum Filmstart veranstalten viele Organisationen Diskussionsrunden oder schicken Seelsorger in die Kinos. Regisseur Mel Gibson will den Zuschauer indes auf die Suche nach der "Schönheit in der Brutalität" schicken.

Gibson-Film "Die Passion Christi" (mit Jim Caviezel): "Unerträglich" oder "reich an poetischer Kraft"?
DPA

Gibson-Film "Die Passion Christi" (mit Jim Caviezel): "Unerträglich" oder "reich an poetischer Kraft"?

"Berlin/München/Frankfurt/Main - Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, sagte, er könne den Film, der am Donnerstag mit 400 Kopien in den deutschen Kinos startet und wegen seiner Gewaltdarstellungen und dem Vorwurf des latenten Antisemitismus in die Kritik geraten ist, nicht empfehlen. Das Ausmaß der Brutalität sei "unerträglich". Huber riet im ZDF-"Morgenmagazin" vom Besuch des Films ab, wollte aber nicht über etwaige antisemitische Intentionen darin urteilen. Aber: "Dort, wo der Film auf antisemitische Vorurteile stößt - und die gibt es ja, Gott sei's geklagt - dort wird er diese Vorurteile ganz bestimmt nicht auflösen, sondern verschärfen",

Die Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, verurteilte den Film als unselige Allianz von längst überwunden geglaubtem christlichen Antijudaismus und filmischer Gewaltverherrlichung. Knobloch erklärte, Gibsons Regiearbeit enthalte Bilder, "die mit historischem Antisemitismus assoziiert sind". Von der katholischen Kirche verlangte sie eine eindeutige Stellungnahme, da das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich betont habe, dass die Schuld an der Passion, wie auch am Tod Jesu, nicht kollektiv den Juden angelastet werden dürfe.

Der im Erzbistum Freiburg für Medien zuständige Domkapitular Wolfgang Sauer hält das Epos über die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu Christi hingegen für eine "auf die Leinwand gemalte Meditation". Der Domkapitular räumte ein, dass eine umfassende Kenntnis der biblischen Texte nötig sei, um die einzelnen Szenen einordnen zu können. Da die Dialoge ausschließlich in Aramäisch und einem "italienisch anmutenden Latein" gesprochen würden, riskiere der Film, seine Aussageintention zu verfehlen. Trotzdem sei der Film aber reich an Allegorien und poetischer Kraft.

Für Regisseur Gibson scheine es "außerhalb der Gewalt keine weitere Botschaft zu geben", sagte indes Egbert Ballhorn, Referent für Biblische Theologie im Bistum Hildesheim. Jesus werde in dem Streifen "nur als eine Art religiöser Supermann" porträtiert. Sauer äußerte aber auch Unverständnis über die Gewalt-Diskussion. Er verstehe nicht warum das Thema Gewalt bei diesem Film endlos diskutiert werde, während Gewaltdarstellungen in den gängigen amerikanischen Actionfilmen offenbar niemanden störten, betonte der katholische Theologe.

Auf Ablehnung stieß der Film bei Bayerns evangelischem Landesbischof Johannes Friedrich. Er kritisierte unter anderem, dass die Passion "Fragen nach der zentralen Botschaft des Sterbens und der Botschaft der Erlösung" unbeantwortet lasse. Friedrich bekundete zudem Verständnis für die Antisemitismus-Vorwürfe gegen das Werk. Dieses schildere in historisch falscher Weise Pontius Pilatus als beinahe frei von Schuld, die dafür "den Juden angelastet" werde.

Auch der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller warnte grundsätzlich vor der filmischen Darstellung des Leidens Christi ohne den Aspekt der Erlösung. Müller betonte, ein Passionsspiel könne "den Zugang zum Opfer Christi in der Feier der Eucharistie nicht ersetzen". In ihr werde der Opfertod von Jesus Christus "sakramentale Gegenwart", die Heil stifte. Das könne ein Film nicht leisten.

Zur offenen Auseinandersetzung hat sich der Eisenacher Landesbischof Christoph Kähler entschieden. Er veranstaltet am Montag in Weimar eine Diskussion über den Wahrheitsgehalt des Filmes.

Mehrere christliche Organisationen planen Veranstaltungen zum Film. In Berliner Kinos werden Christen in der Spätvorstellung Bibelauszüge aus dem Johannesevangelium verteilen. "Die theologische Botschaft in dem Film ist eher gering", sagt Gerhard Schönborn, Büroleiter des christlichen Netzwerks für Berlin. Viele, die nicht christlich aufgewachsen seien, könnten mit den vielen Andeutungen im Film nichts anfangen.

In Hamburger Cinemaxx-Kinos werden nach Angaben eines Cinemaxx-Sprechers zwei bis vier evangelische Pastoren während und nach der Hauptvorstellungen im Foyer bereit stehen, damit interessierte Besucher mit ihnen über den Film sprechen können. Das Bildungswerk des Erzbistums München und Freising veranstaltet im Kino "Rio Palast" eine Diskussionsrunde, bei der Zuschauer ihre Eindrücke mit Theologen besprechen können.

Mel Gibson hat die Brutalität in seinem umstrittenen Film "Die Passion Christi" offenbar bewusst kalkuliert. "Ich glaube, es ist sehr brutal. Aber ich glaube, es ist notwendig", sagte der Regisseur in einem am Mittwoch über den Filmverleih Constantin verbreiteten Interview. "Ich will die Zuschauer an den Rand des Erträglichen bringen." Bei solchen Darstellungen müsse man die Menschen jedoch auch an der Hand nehmen, damit "die Brutalität zugleich lyrisch ist und es eine Art von Schönheit in der Brutalität gibt".

Kritik an seinen Recherchen wies Gibson scharf zurück. Er habe über die Jahre viele Bücher gelesen und mit vielen Schriftgelehrten und Theologen gesprochen, er habe die Recherchen dem Prediger Billy Graham gezeigt, sowie Bischöfen und anderen wichtigen Persönlichkeiten. Seine Darstellung stimme mit den Evangelien überein. "Es gibt eine Hand voll Menschen, die sagen, dass dem nicht so sei. Und die sich wiederholenden Stimmen dieser drei oder vier Personen sind immer wieder zu hören. Sie haben laute Stimmen in Zeitungen und so weiter. Das sind Revisionisten."

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