Zum Tode Patrice Chéreaus Er zeigte Augen, Körper, Sex

Als Opernregisseur wurde er bekannt, der revolutionäre Jahrhundert-"Ring" in Bayreuth 1976 machte ihn berühmt; Kinofilme wie "Die Bartholomäusnacht" und "Intimacy" brachten ihm viele Preise ein. Jetzt ist der fast universale Künstler Patrice Chéreau mit 68 Jahren an Lungenkrebs gestorben.

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AFP

Er sah stolz und trotzig drein wie ein Kind, ein erstaunlich bulliger, dabei mit heiserer Stimme sprechender Mann von damals schon über 60 Jahren, als ich irgendwann Mitte der Nuller Jahre mit Patrice Chéreau an einem Kaffeehaustisch in Wien saß und er mir zu erklären versuchte, was ihn einzigartig machte unter allen Filmemachern Frankreichs. "Ich zeige einfach mehr als die anderen Regisseure", sagte Chéreau. "Anders als sie habe ich eine echte Faszination für den menschlichen Körper, der absolut kostbar ist und ganz und gar zerbrechlich."

Ungeheuer roh waren die Mord- und Gewaltszenen, die Patrice Chéreau 1976 dem Publikum der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth zumutete. Man sah, so steht es heute in den Operngeschichtsbüchern, im "Ring des Nibelungen", den Chéreau damals vor einem feierlichen Pomp gewohnten Publikum zeigte, wie der sterbende Siegmund bereits am Boden lag und wieder und wieder der Speer seines Widersachers Hunding auf ihn niedersauste. Man sah, wie Wotan dem Alberich einen ganzen Finger abhackte. Man sah brutale Eheschlachten und blutiges Kriegsgetümmel. Viele Bayreuther Zuschauer brüllten wütend an gegen das, was sie als "Kasperltheater" und "Wagner-Vergewaltigung" empfanden, noch während der "Ring"-Vorstellungen beschimpften Zwischenrufer den Regisseur als "Idioten" und als "Schwein".

Blutige, gemeine, absurd prachtvolle Schmacht-Tragödie

31 Jahre alt war Patrice Chéreau, als er 1976 gemeinsam mit dem Dirigenten Pierre Boulez den schon nach kurzer Zeit legendären "Jahrhundertring" zum Wagner-Jubiläum präsentierte, der heute als herausragendes Beispiel für moderne Personenregie und kluge Musiktheater-Interpretation gilt.

Chéreau war in Paris als Sohn nicht besonders erfolgreicher Künstlereltern aufgewachsen und schon zu Schulzeiten als große Theaterbegabung aufgefallen. Er hatte ein bisschen Germanistik studiert und im Theater der Pariser Trabantenstadt Sartrouville mit Stücken wie den "Soldaten" von Jakob Michael Reinhold Lenz und einem zeittypisch politisch engagierten Volkstheater für einigen Aufruhr gesorgt. Er hatte Freundschaft mit dem Mailänder Theatermacher Giorgio Strehler geschlossen und sich schon früh darauf festgelegt, stets nur mit Richard Peduzzi als einzig möglichem Bühnenbildner-Gefährten zu arbeiten. Und er hatte bereits 1975 zum ersten Mal Regie in einem Kinofilm geführt, in dem Krimi "Das Fleisch der Orchidee", in dem immerhin Charlotte Rampling und Simone Signoret mitspielten.

Gefeiert wurde Chéreau nach seinem Bayreuther Streich als Opernregisseur in aller Welt, etwa von Alban Bergs "Lulu" in Paris (1979), von Mozarts "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen (1994) oder von Leos Janáceks "Aus einem Totenhaus" in Wien (2007). Daneben inszenierte er weiter Sprechtheaterstücke, den "Kampf des Negers und der Hunde" (1983) und alle anderen Stücke seines Freundes Bernard-Marie Koltès zum Beispiel und die französische Erstaufführung des Botho-Strauß-Stücks "Die Zeit und das Zimmer" (1991). Und er machte Kinofilme wie "Die Bartholomäusnacht" (1994), eine blutige, gemeine, absurd prachtvolle Schmacht-Tragödie nach Alexandre Dumas (und mit Isabelle Adjani in der Rolle der Königin Margot), die ihm viele Preise, viel Lob und viele Schmähungen einbrachte.

Erregung zeigen, ohne jede Erregung spüren zu lassen,

Denn vielleicht machte es das Lustige und Verstörende an der Arbeit des fast universalen Regiekünstlers Chéreau aus, dass er in sämtlichen Kunstgenres, in denen er sich versuchte, stets verdächtigt wurde, ein heiterer Dilettant geblieben zu sein. Den Fans der musealen Opernkultur galt er als Mann der dreisten Aktualisierungen, der sich zu wenig um musikalische Finessen scherte und zu sehr auf Filmeffekte setzte wie auf jenen Trockeneisnebel, der schon 1976 durch den Bayreuther "Ring" waberte - damals noch ein waghalsiges Stilmittel. Sprechtheaterkritiker warfen ihm vor, mit oft grober Deutlichkeit Opernpathos und Filmmusik auf die Theaterbühne zu verpflanzen. Die Kino-Fachleute aber beschuldigen ihn, er habe leider die Gesetze der Filmkunst nicht recht verstanden und versuche, die innersten Sehnsüchte und die gruseligsten Intimitäten vor die Kamera zu zerren, statt die Reize der Oberfläche zu erkunden, kurz: Er mache vor der Kamera zu viel Theater.

"Intimacy" hieß der Sex- und Skandalfilm, mit dem Patrice Chéreau 2001 bei den Berliner Filmfestspielen den Goldenen Bären errang. Man sieht in dem Film einem von Mark Rylance gespielten Barkeeper und einer von Kerry Fox dargestellten Theaterschauspielerin dabei zu, wie sie übereinander herfallen, bei einer fast anonymen Vögelverabredung, die jeden Mittwoch stattfindet. Und dann sieht man, wie der Mann seiner Geliebten nachspioniert und in ihr reales bürgerliches Leben einzudringen versucht - womit die Geschichte dieser beiden rein körperlich Liebenden ein jähes Ende findet.

Es gab Leute, die fanden Chéreaus Bemühen, Erregung zu zeigen, ohne jede Erregung spüren zu lassen, damals schrecklich verkrampft und verkopft. Vermutlich aber war es genau diese kühle Neugier, die seine Arbeiten so einzigartig machte. In der Oper. Im Theater. Am schroffsten, aber oft auch sehr zärtlich und sehr persönlich in seinen Filmen. Im Beerdigungsdrama"Wer mich liebt, nimmt den Zug" (1998) hat Patrice Chéreau von der Trauer um seinen Vater erzählt.In "Sein Bruder" (2003) schilderte er minutiös das Sterben eines eher jungen Mannes, wie er es ähnlich bei vielen an Aids erkrankten Freunden erlebt hatte.

Und wenn er nach vollbrachter Arbeit in Interviews über seine Werke sprechen sollte, dann sagte dieser Regisseur sehr kluge und niemals um Kitsch besorgte Sätze wie an jenem Interviewtag in Wien: "Augen, Körper, Sex", behauptete Patrice Chéreau damals, "das sind die schönsten Dinge im Leben".



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