"Boyhood"-Star Patricia Arquette "Ich kenne ein Leben in Armut"

Der gefeierte Film "Boyhood" wurde zwölf Jahre lang gedreht und erzählt vom Reifen eines Jungen - und vom Altern seiner Mutter. Wie erträgt es Patricia Arquette, dem eigenen Verfall zusehen? Und warum träumt ausgerechnet ein Star wie sie von einem Lottogewinn?

Das Interview führte Jörg Böckem

REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Arquette, "Boyhood" erzählt vom Erwachsenwerden und vom Altern. Bei Beginn der Dreharbeiten zu "Boyhood" waren Sie 34, jetzt sind Sie 46. Wie hat sich Ihr Leben in dieser Zeit verändert?

Arquette: Grundsätzlich zum Besseren. Sicher, in gewisser Weise ist das Älterwerden ein Albtraum, vor allem als Schauspielerin. Schrecklich: In "Boyhood" (eine Rezension ist hier zu lesen) kann ich mir selbst dabei zusehen, wie ich rapide altere, manchmal von einer Szene zur nächsten. Altern ist schmerzhaft für das Ego. In der Filmindustrie wird dir beigebracht, dass du nur dann etwas wert bist, solange du für das Publikum begehrenswert erscheinst. Davon muss man sich freimachen.

SPIEGEL ONLINE: Und: Gelingt Ihnen das?

Arquette: Nicht immer, zugegeben. Aber, ehrlich gesagt, möchte ich keine 18 oder 34 mehr sein. Alt zu werden, ist befreiend, ich bin weniger unsicher und - im Gegensatz zu früher - im Reinen mit mir selbst. Ich bin freier in meinen Entscheidungen, es interessiert mich nicht mehr, was andere von mir erwarten, wie ich auszusehen habe, oder was ich tun und lassen soll. Und auch Beziehungen werden einfacher, wenn man alle Hochs und Tiefs erlebt und alle Kämpfe ausgefochten hat. Ich weiß, wovon ich rede - ich bin gerade in einer neuen Beziehung und genieße es sehr!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Armut aufgewachsen. In welcher Weise hat Sie Ihre Kindheit und Jugend geprägt?

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"Boyhood": Zwölf Jahre, ein Leben
Arquette: Ich denke, diese Zeit hat meine Überlebensfähigkeit und meine Empathie gestärkt. Es ist hilfreich für die Persönlichkeitsentwicklung, wenn man früh lernt, sich unter schwierigen Umständen zu behaupten. Menschen, denen immer alles in den Schoß fällt, lernen oft nicht, sich durchzusetzen oder das Erreichte wertzuschätzen. Ich weiß, wie es ist, als Kind armer Eltern zurechtkommen zu müssen. Ich weiß, dass das Aufwachsen in Armut die Träume vieler Kinder und Jugendlicher tötet.

SPIEGEL ONLINE: Engagieren Sie sich deshalb für arme Kinder in Haiti?

Arquette: Ja. Ich hatte Glück im Leben, deshalb fühle ich mich verpflichtet, die Bürde für andere zumindest ein bisschen leichter zu machen. Es gab in der Vergangenheit immer auch Menschen, die uns geholfen haben, als wir arm waren. Ach ja, und ich träume seit meiner Kindheit - und bis heute - davon, in einer Lotterie den Hauptgewinn abzuräumen.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie mit dem Gewinn tun?

Arquette: Gute Frage, ich habe so viele Ideen, keine Ahnung, welche sich durchsetzen würde. Aber wahrscheinlich wäre so ein Gewinn am Ende ein Albtraum: So viele Menschen würden etwas von mir wollen, ich könnte nicht alle Wünsche erfüllen, und am Ende wären wohl einige böse auf mich - weil ich gewonnen habe und nicht sie. Oder weil ich andere mit dem Geld unterstütze. Es gilt wohl tatsächlich die Regel: Sei vorsichtig, was du dir wünschst, du könntest es bekommen!

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Arquette: Bevor ich meine neue Liebe gefunden hatte, hatte ich vor, irgendwann, wenn meine Tochter erwachsen ist, ein Waisenhaus in einem Entwicklungsland zu eröffnen, etwa in Peru. Den Waisen in einem wirklich coolen, schönen Haus ein Zuhause zu geben und mitzuerleben, wie sie aufwachsen.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt, wo Sie glücklich sind, haben Sie diese Pläne erst mal aufgeschoben.

Arquette: Grundsätzlich sind Zukunftspläne oder -wünsche eine schwierige Sache, weil man sich damit in gewisser Weise in das Schicksal anderer einmischt. Wäre ich gerne irgendwann Großmutter? Sicher. Aber das ist nicht meine Entscheidung, sondern die meiner Kinder. Je älter ich werde, desto besser begreife ich, dass Träume wahr werden, wenn es an der Zeit ist. Nicht unbedingt dann, wenn du es dir ersehnst. Sondern wenn du bereit dafür bist.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
MiniMoogMe 03.06.2014
1.
"Dem eigenen Verfall zusehen"??? Hallo? Das Wort "Verfall" hat sie bestimmt nicht selbst im Gespräch erwähnt. Das Älterwerden einer Frau so zu beschreiben... Na das ist schon 'ne starke Nummer. Ich bin gerade sprachlos. Und Herr Böckem ist bestimmt ein ganz frischer und knackiger, wenn er mit solchem Vokabular um sich herum schmeißt.
Ivan Sorbas 03.06.2014
2.
finde ich auch echt bescheuert. Frau Arquette ist grade mal 46 und sieht noch sehr, sehr lecker aus.
roenga 04.06.2014
3.
Zitat von MiniMoogMe"Dem eigenen Verfall zusehen"??? Hallo? Das Wort "Verfall" hat sie bestimmt nicht selbst im Gespräch erwähnt. Das Älterwerden einer Frau so zu beschreiben... Na das ist schon 'ne starke Nummer. Ich bin gerade sprachlos. Und Herr Böckem ist bestimmt ein ganz frischer und knackiger, wenn er mit solchem Vokabular um sich herum schmeißt.
Aus dem Interview: " In "Boyhood" .....kann ich mir selbst dabei zusehen, wie ich rapide altere, manchmal von einer Szene zur nächsten" Das ist ein Zitat aus dem Interview. So beschreibt das Patricaia Arquette selbst. Der Mensch altert nun mal, und ja, das betrifft auch Frauen. Wir (Männer und Frauen) werden häufig dicker, bekommen Falten, die Haare werde grau und dünner. Wenn ein Mann das so beschreibt ist das eben kein Sexismus sondern Beschreibung der Realität. Wer den Film gesehen hat, weiß das auch.
MimosBonita 04.06.2014
4. Boyhood
Ich finde es einen gravierenden Unterschied, ob ich rapide altere, oder verfalle. Um zu verfallen, müsste man doch bereits gestorben sein... von wegen "Zitat" aus dem Interview.
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