Kinofilm "Pelo Malo" Macho oder Toyboy

Junior hätte gerne glattes Haar wie ein Sänger. Doch Mutter und Oma haben anderes mit ihm vor. Der Film "Pelo Malo" erzählt von der Identitätsfindung eines venezolanischen Jungen - und den Tabus Lateinamerikas.

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Junior schmiert sich Öl und Mayonnaise auf den Kopf, doch es hilft nichts. Er hätte gerne glattes Haar, wie ein berühmter Sänger. Doch was er auch tut, sein Haar bleibt kraus.

Der Begriff "Pelo Malo", der dem Film seinen Titel gibt, ist in Lateinamerika weit verbreitet und bezieht sich auf das gekräuselte Haar, das auch dem kleinen Protagonisten des Films zu schaffen macht. "Pelo Malo" heißt übersetzt "schlechtes Haar". Genau das hat der neunjährige Junior und will es um jeden Preis loswerden. Denn Junior träumt davon, auf seinem Schulfoto endlich schön zu sein. Doch mit dem Wunsch nach Schönheit kommen die Bedenken seiner Umwelt zur Geschlechtsidentität des Jungen.

Es ist diese Unterteilung in gut und schlecht, die Junior in eine Identitätskrise stürzt. Gerade weil Rassismus und Homosexualität in lateinamerikanischen Ländern bis heute noch weit verbreitet gesellschaftliche Tabus sind, ist dieser behutsame Film, der auf Festivals weltweit gefeiert wurde, eine besondere Ausnahme.

Venezuela ist, wie die meisten Länder des Kontinents, ein Schmelztiegel aus zahlreichen Kulturen. Besonders die Venezolaner, bei denen die afrikanischen Wurzeln sichtbar sind, gelten oft als Menschen zweiter Klasse. Das Land hat eine Bevölkerung, die jedes Jahr Millionen ausgibt, um einem von den Medien geprägten, westlichen Schönheitsideal hinterherzuhecheln. Hier sind Schönheitsköniginnen meistens blond und so hellhäutig wie möglich. Venezuela gehört zu den Top Ten der Länder mit den meisten Schönheitsoperationen weltweit und "Macho" gilt nach wie vor eher als anerkennendes Lob für einen Jungen.

Hundegebell und Polizeisirenen als Alltagssoundtrack

Junior lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter Marta in einem der heruntergekommenen Mietbauten am Rande von Caracas. Es gibt wenig Erbauliches zu tun, die Jugendlichen hängen in den Hinterhöfen herum, Junior und seine beste Freundin gucken Schönheitswettbewerbe im Fernsehen oder beobachten die Balkone der gegenüberliegenden Mietskaserne und malen sich Geschichten über ihre Bewohner aus. Eine Kindheit, in der Hundegebell und Polizeisirenen den Alltagssoundtrack bilden zu selbstverständlichen Gesprächen über Missbrauch und Gewalt.

In fast dokumentarischen Bildern erzählt die venezolanische Regisseurin Mariana Rondón Juniors Geschichte. Mit sehr sparsam eingesetzter Musik begleitet sie den Jungen einfühlsam, oft nimmt die Kamera und mit ihr die Erzählung die kindliche Perspektive ein. Dabei lässt das raue Leben im Wohnblock wenig Raum zum Kindsein.

Das Leben der Mutter ist von Sorgen bestimmt, mit Ringen unter den Augen und einem von Enttäuschungen verdunkelten stoischen Gesichtsausdruck kämpft sie sich durch den hektischen Alltag von Caracas. Umgeben von Autolärm und feixenden Männern strampelt sie gegen den Abwärtssog an, angetrieben von dem Wunsch, ihre beiden Kinder zu ernähren. Samantha Castillo, die bisher hauptsächlich am Theater gearbeitet hat, verleiht dieser Marta eine schmerzhafte Realität. Jede Nähe ihres Sohnes ist ihr zu viel, Erleichterung findet sie höchstens kurzfristig beim Sex mit Zufallsbekanntschaften.

Marta zwingt Junior, ihr beim Sex zuzuschauen

Je mehr sich Junior zu seinem Wunsch nach Schönheit bekennt, desto mehr entfremdet er sich von seiner Mutter. Das ersehnte Schulfoto wird so zum Symbol für den Kampf um seine Selbstbestimmung. Die verwitwete Marta weiß sich nicht anders zu helfen, als Junior zu seiner Oma abzuschieben, die ihn wiederum als Ersatz für ihren verstorbenen Sohn zu einer Art schwulem Spielzeug erziehen will. Auch sie projiziert ihre eigenen Vorstellungen von einem schwulen Sänger mit glatten Haaren auf ihren Enkel, ohne die Individualität des Jungen zu beachten.

So ist er hin- und hergerissen zwischen den beiden Frauen, die an ihm zerren und versuchen, seine Identität zu beeinflussen. Eine der stärksten Szenen zeigt zunächst die Mutter, die ihren Sohn beim Tanzen nachäfft und verhöhnt, bis sie schließlich physisch an ihm zerrt, um ihn zum männlichen Tanzen zu bewegen. Darauf folgt eine Szene, in der die Oma nahezu das Gleiche mit dem Jungen anstellt, damit er affektiert zu einem Lied tanzt, das sie für ihn ausgewählt hat. Es sind diese Rollenbilder, die Rondón mit ihrem behutsamen Porträt anprangert.

Dieser psychische Missbrauch ist nicht leicht anzusehen, Castillo spielt die bemühte kaltherzige Mutter mit großer Überzeugungskraft, die non-verbalen Konflikte mit dem starken Nachwuchsschauspieler Samuel Lange Zambrano sind von eindrücklicher Intensität.

Immer wieder bemüht Rondón das Symbol des Spiegelbildes, in dem Junior sein neues Aussehen ausprobiert. Vor diversen Spiegeln kämmt er sich die Haare, bis sie ausreißen. Der verzweifelten Mutter fallen in ihrer Hilflosigkeit nur brachiale Lösungen ein. Sie droht mit einer Rasur, zwingt ihn, ihr beim Sex zuzuschauen. Immer wieder versucht sie sich auch daran, ihrem Sohn ein wenig Nähe zu zeigen, doch sie bleibt distanziert, zu sehr hadert sie mit seiner Identitätssuche.

Es ist Rondón hoch anzurechnen, dass der Film keine moralische Position einnimmt, auch wenn die Sympathien des Zuschauers auf Seiten Juniors liegen. Weder verurteilt sie die beiden erwachsenen Protagonistinnen, noch versucht sie, ihr Verhalten gänzlich zu erklären. So wird "Pelo Malo" zu einem berührenden und ehrlichen Zustandsbericht einer lateinamerikanischen Gesellschaft, die noch immer von einem dumpfen Machismo geprägt ist.

Im Video: Der Trailer zu "Pelo Malo"

"Pelo Malo"

    Venezuela, Argentinien, Peru, Deutschland 2013

    Buch und Regie: Mariana Rondón

    Darsteller: Samuel Lange Zambrano, Samantha Castillo, Nelly Ramos, Beto Benites, María Emilia Sulbarán

    Produktion: Hanfgarn & Ufer Film und TV Produktion

    Verleih: imFilm

    Länge: 93 Minuten

    FSK: 12 Jahre

    Start: 31. März 2016

  • Offizielle Website

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Dieter62 31.03.2016
1. Aus den Verhältnissen in Venezuela
auf den Rest Lateinamerikas zu schliessen ist ein starkes Stück! Ich mach einen Film in Finnland und verstehe damit die Süditaliener! Und auch wenn's politisch nicht korrekt ist. Macho bedeutet ganz einfach "männlich". Dieses Wort hat doch im Deutschen auch keinen dumpfen Beiklang. Oder etwa doch? Ausserdem kann man das das Problem, wie mit den "Machos" umgegangen sein will, getrost den dortigen Frauen überlassen. Das ist bei ihnen in den besten Händen. Die allermeisten dort scheinen keine Weicheier und Softies zu mögen. Auch in Lateinamerika suchen sich die Frauen die Männer raus - nicht umgekehrt.
johannes.kepler 31.03.2016
2. Macho
Ich bin Venezolaner. Ein paar Kommentare: Machismo gibt es leider viel in Venezuela. Die Gewalt im Allgemeinen ist in den letzten 17 Jahren rasant gestiegen (Mordrate über 300% als im Jahr 1998), die Gewalt gegen Frauen ebenso. Nun ist "macho" nicht unbedingt ein "anerkennendes Lob". Es wird sowohl als Lob wie auch als Schmähwort benutzt, je nach Position: das Land hat wirklich viele Kulturen, die zusammenprallen und nebeneinander leben. Zu einem Kommentar eines Lesers: Macho bedeutet "männlich" nur in Zusammenhang mit Tieren, so wie "Männchen und Weibchen" auf Deutsch. Wenn ein männliches Kind geboren ist, spricht man in der Regel nicht über einen macho, sondern über einen varón. Während das Land eine extrem hohe Anzahl von Minderjährigen hat, die Mutter werden - selbst für südamerikanische Verhältnisse- ist der Anteil von Frauen bei den Menschen, die Informatik oder Bauingenierwissenschaften studiert haben, wahrscheinlich grösser als in Deutschland. So sind die Kontraste. Zum Schluss: der jetzige Präsident hat öffentlich immer wieder homophobe Aussagen gegen mehrere Oppositionspolitiker geäussert.
keksen 31.03.2016
3.
Zitat von Dieter62auf den Rest Lateinamerikas zu schliessen ist ein starkes Stück! Ich mach einen Film in Finnland und verstehe damit die Süditaliener! Und auch wenn's politisch nicht korrekt ist. Macho bedeutet ganz einfach "männlich". Dieses Wort hat doch im Deutschen auch keinen dumpfen Beiklang. Oder etwa doch? Ausserdem kann man das das Problem, wie mit den "Machos" umgegangen sein will, getrost den dortigen Frauen überlassen. Das ist bei ihnen in den besten Händen. Die allermeisten dort scheinen keine Weicheier und Softies zu mögen. Auch in Lateinamerika suchen sich die Frauen die Männer raus - nicht umgekehrt.
Macho hat bei uns in Teilen schon einen negativen Klang. Z.B. übertriebenes Männlichkeitsgehabe. Auch verbunden mit Sexismus. Aber mir tun irgendwie die deutschen Männer leid, die ihrer Meinung nach jede Frau nehmen müssen. Hauptsache sie will. :-D
Palomablanca 31.03.2016
4.
Du hast Recht, kaum ein Kontinent unterscheidet sich stärker als die Länder in Südamerika, aber Macho hat hier durchaus einen negativen Beigeschmack.
puqio 01.04.2016
5. Der Machismo ist ein Frauenproblem
In meinem Deutsch hat das Wort Macho einen sehr starken dumpfen Beiklang. Das mag an meiner mehrjährigen Zeit in Südamerika liegen, wo ich Machos kennen gelernt hatte. Diese männlichen Ungetüme werden von ihren Müttern verunstaltet und von ihren Müttern zu frauenverachtenden Ungetümen gemacht. Und nicht nur in Süd-Amerika, sondern auch in den nordafrikanischen Ländern. Und auch wenn die Frauen in Süd-Amerika sicherlich nicht unter der brutalen Unterdrückung leidet, wie sie in moslimischen Ländern stattfindet, so ist doch auch dort die Frau finanziell und gesellschaftlich abhängig vom Mann und hat keine Chance auf ihre eigene Entfaltung und ein selbstständiges Leben. Das sollte man wissen, wenn man über Machismo spricht.
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