Peter Jacksons "In meinem Himmel" Beerdigung mit Power Point

Hat er sich mit dem digitalen Budenzauber aus "Herr der Ringe" seinen Stil verhunzt? In dem 60 Millionen Dollar teuren Filmdrama "In meinem Himmel" bastelt Starregisseur Peter Jackson an metaphysischen Fragen. Heraus kommt aber nur Bilderwirrwarr im Zirkus-Look.

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"In meinem Himmel": Totenreich im Roncalli-Stil
"Ich war 14, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde." Das ist eigentlich ein toller erster Satz, der das Kino vor wunderbare Herausforderungen stellt. Denn mit den Worten, zu denen der Schlussakkord fallen müsste, beginnt hier die Ouvertüre. Wo, wenn nicht im Kino, könnten Tote sprechen lernen? Wo, wenn nicht im Kino, könnte ihr jenseitiges Reich zu Leben erweckt werden?

Und Großtrickser Peter Jackson, der schon mit seiner "Herr der Ringe"-Trilogie ein eigenes Paralleluniversum erschuf, erscheint für diese Aufgabe auf den ersten Blick genau der Richtige. Doch bei der Bebilderung von Alice Sebolds Bestseller "In meinem Himmel", einer Mischung aus New-Age-Fabel, Pubertätsstudie und Krimi-Akte, bleibt er mit seiner Heldin irgendwo im Zwischenreich zwischen Leben und Tod hängen.

Dabei sollte für Susie (Saoirse Ronan), die untote Ich-Erzählerin, der Spaß im Diesseits doch gerade erst richtig losgehen. An den Wänden des Jugendzimmers fallen langsam die porösen David-Cassidy-Poster ab, dafür unterhält sie sich mit dem süßesten Jungen der Schule über Shakespeare. Literatur, Liebe und Leben: Bald könnte sich all das beim ewig rotwangigen Springinsfeld Susie auf das Beste zusammenfinden.

Doch ein Nachbar (Stanley Tucci) baut auf dem kahlen winterlichen Feld hinter den Häusern ein unterirdisches Verlies. Erst entführt er die 14-Jährige dahin, dann missbraucht er sie, schließlich zerlegt er ihren Körper und zwängt den Rumpf in einen alten Tresor. Aber da ist die Seele Susies schon längst ihrer sterblichen Hülle entschlüpft.

Warteschleife für die Leinwand

Der Himmel muss trotzdem warten. Denn der Zustand des trauernden Vaters (Mark Wahlberg), der in seiner Verzweiflung die über Jahrzehnte erschaffenen Buddelschiffsammlung zerschlägt, setzt Susie ebenso zu wie die Tatsache, das ihr Peiniger weitere Verbrechen plant. Sie muss handeln - aber wie soll das gehen als körperloses Wesen?

So verbringt die Untote ganze drei Jahre an einem Ort, den sie den "blauen Horizont zwischen Himmel und Erde" nennt. Und genau das macht Peter Jacksons Special-Effects-gesättigten Jenseits-Thriller zu einer kontemplativen, aber auch höchst ermüdenden Angelegenheit. Im Grunde genommen ist "In meinem Himmel" (am Drehbuch arbeiteten Jacksons Stammautorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens mit) ein Film übers Warten geworden: das Warten auf den ersten Kuss, das Warten auf die Genesung der Eltern, das Warten auf die Überführung des Täters und nicht zuletzt das Warten auf die eigene Himmelfahrt.

Damit nimmt Jackson das Tempo aus einem Sujet, für das Hollywood sonst einen unverschämt flotten Illusionismus bereithält: Das Erreichen des Jenseits ist hier oft nur eine Frage des richtigen Transportmittels, die Metaphysik wird zur reinen Physik. In Michael Powells Romanze "Irrtum im Jenseits" (1946) etwa geht es schnurstracks per Rolltreppe in den Himmel. Das Paradies, wie wunderbar, sieht tatsächlich wie ein Warenhaus aus. Wer einmal hier ist, will nicht wieder weg.

Ähnlich verhält es sich in Bob Fosses Musical-Fiebertraum "Hinter dem Rampenlicht" (1979), wo ein Regisseur nach einem Herzinfarkt auf dem Sterbebett solch himmlische Choreografien herbei halluzinniert, dass er gar nicht mehr zurück mag in die Welt der Lebenden, in der seiner freien Seele ja doch nur Fesseln angelegt sind. Das ist das Aufregende bei den Jenseitsfilmen aus Hollywood: Teuflischer Nihilismus und göttliche Rettung liegen oft dicht beisammen.

Jenseits des Stils

So auch in Vincent Wards "Hinter dem Horizont" (1998), in dem ein kunstsinniges Ehepaar nach dem Tod durch eine Welt flaniert, die den Gemälden von Hieronymus Bosch und Caspar David Friedrich nachempfunden ist. Gnadenlos verrissen wurde dieser grob getrickste Illusionismus seinerzeit, doch in seiner naiven Wucht wirkt er sehr viel ehrlicher als die zögerlichen Exkursionen ins Jenseits, die Peter Jackson nun in seiner 60-Millionen-Dollar-Andacht betreibt.

Als Filmheldin Susie dann nach drei Jahren alle Kommunikationsbarrieren auf dem Weg ins Paradies überwunden hat, tobt sich Jackson aus, als habe er die Choreografie für die neue Roncalli-Spielzeit entwickelt: Wehende Kornfelder werden zu brandenden Meeren, aus gefrorenen Seen erwachsen rote Rosen, aus düsteren Wäldern schießen lila Berge hervor, und irgendwann schwimmen da sogar überlebensgroß die Buddelschiffe des Vaters auf einladend wogenden Wellen.

Tragisch, wie Peter Jackson, der sich doch über 135 Minuten so selbstquälerisch um den rechten Ton bemühte, am Ende erschöpft in einen pietätlosen digitalen Budenzauber abgleitet.

Man beerdigt einen Toten ja auch nicht zur Powerpoint-Präsentation.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
takeo_ischi 18.02.2010
1. .
Zitat von sysopHat er sich mit dem digitalen Budenzauber aus "Herr der Ringe" seinen Stil verhunzt? In dem 60 Millionen Dollar teuren Filmdrama "In meinem Himmel" bastelt Starregisseur Peter Jackson an metaphysischen Fragen. Heraus kommt aber nur Bilderwirrwarr im Zirkus-Look. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,678737,00.html
Tja. Nicht jeder kann Gilliam.
meloku17 18.02.2010
2. es ist aaber auch schwierig
Ich finde ehrlich gesagt die Kritik etwas hart. Ich habe den Film letzte Woche in der Sneak gesehen und muss sagen, dass vor allem die Jenseitsszenen schon etwas übertrieben sind, aber alles in allem Jackson ein sehr feinsinniger Film gelungen ist. Dieser trieft überhaupt nicht vor Kitsch oder ähnlichem Klieschedenken, wie es bei solchen Hollywoodfilmen meist üblich ist, sondern hat mich eher an die genaue Beobachtungsgabe französischer oder skandinavischer Filme erinnert. Genau in den richtigen Momenten wird bei diesem ernsten Thema der Zuschauer an die Hand genommen und in eine fröhlichere Welt mitgenommen, die sich selbst nicht so ernst nimmt. Natürlich kann dies auch ein Verdienst der Romanvorlage sein, die ich persönlich nicht kenne, aber selbst wenn, muss so etwas erst einmal umgesetzt werden. Es ist ganz sicher nicht der beste Film aller Zeiten, aber vielleicht muss ja auch nicht jeder Streifen diesem Anspruch genügen. Ich kann nur empfehlen ihn sich anzusehen und selbst ein Urteil zu bilden - das wird sich auf jeden Fall lohnen.
Demokrator2007 18.02.2010
3. Die Musik ist toll
Zitat von sysopHat er sich mit dem digitalen Budenzauber aus "Herr der Ringe" seinen Stil verhunzt? In dem 60 Millionen Dollar teuren Filmdrama "In meinem Himmel" bastelt Starregisseur Peter Jackson an metaphysischen Fragen. Heraus kommt aber nur Bilderwirrwarr im Zirkus-Look. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,678737,00.html
Der Film ist langweilig bis auf die Musik von Brian Eno und Mortal Coil´s "Song of a Siren". Kein Vergleich zu Alice Seibolds Roman.
RevMob 21.02.2010
4. mitnichten
Zitat von takeo_ischiTja. Nicht jeder kann Gilliam.
als ob von Gilliam in letzter Zeit irgendwas brauchbares erschienen wäre ... ----- Losgelöst vom Roman betrachtet: Ein feiner und nachdenklicher Film. Die "professionelle" Spiegelkritik löst wie üblich bloß ein müdes Gähnen aus.
takeo_ischi 21.02.2010
5.
Zitat von RevMobals ob von Gilliam in letzter Zeit irgendwas brauchbares erschienen wäre ... ----- Losgelöst vom Roman betrachtet: Ein feiner und nachdenklicher Film. Die "professionelle" Spiegelkritik löst wie üblich bloß ein müdes Gähnen aus.
Ist es. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen. Ich bezog mich auf das 'Bilderwirrwarr im Zirkus-Look'. Da ist Gilliam ungeschlagen. Selbst storymässig eher schwächliche Filme wie Brothers Grimm oder Doctor Parnassus sind immer großes Augenballett. The Fisher King, 12 Monkeys, Fear and Loathing oder auch Tideland sind eh spitze. Spätestens seit King Kong sollte man mit Vorschusslorbeeren für Jackson vorsichtig sein.
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