Pferdefilm "Gefährten" Spielberg geht der Gaul durch

Ein Pferd zieht in den Krieg, ein Junge heult, ein Kitschfilm entsteht: In der Jugendbuch-Verfilmung "Gefährten" vereint ein toller Hengst verfeindete Menschen in ihrer gemeinsamen Liebe zum Tier. "Wendy"-Kitsch trifft auf Weltkriegshorror - was hat Steven Spielberg da bloß geritten?

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Dreamworks

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, selbst wenn die Welt in Trümmern liegt. "War Horse" - deutscher Verleihtitel "Gefährten" -, Steven Spielbergs Verfilmung des gleichnamigen britischen Jugendromans von Michael Morpurgo, scheut sich nicht vor derart verkürzten Botschaften. Unumwunden sentimental wird hier eine unverbrüchliche Freundschaft zwischen Ross und Reiter inmitten der Zivilisationskatastrophe Erster Weltkrieg illustriert.

Eine befremdliche Faszination geht von diesem Schützengrabenmärchen aus, das in grandiosen Bildern eine simple Sicht der Dinge offenbart. Sicher, schon die Vorlage richtete sich an ein heranwachsendes Publikum, aber so viel Pathos und zugleich so viel penetrante Schlichtheit waren bei Spielberg lange nicht gesehen. Und die Frage, was den Regisseur geritten haben mag, bleibt auch nach überstandenen zweieinhalb Stunden Pferdeoper diskussionswürdig.

Die beginnt im englischen Devon, wo der Bauernsohn Albert Narracott (Jeremy Irvine), mit seinen Eltern Ted (Peter Mullan) und Rose (Emily Watson) eine karge Pacht bewirtschaftet. In der Nachbarschaft erlebt Albert die Geburt eines Fohlens, und in den folgenden Monaten bestaunt er aus der Ferne die ersten Schritte des Vollblüters. Alberts Glück scheint perfekt, als sein aufbrausender und trinkfreudiger Vater das stolze Pferd bei einer Auktion ersteigert, nicht zuletzt um Lyons (David Thewlis), den wohlhabenden Landbesitzer und Verpächter der Narracotts, zu düpieren.

Das Kitschpotential der Kriegsmaschinerie

Während Mutter Rose die Unsinnigkeit des Kaufs anprangert, da die Familie ohnehin kaum Geld hat und das teure Tier nicht für die Landarbeit geeignet scheint, entwickelt sich zwischen Albert und dem fortan Joey genannten Hengst eine innige Beziehung. Doch die Freude währt nicht lang: Lyons will die längst fällige Pacht kassieren und droht den Narracotts mit dem Verlust ihres Hofs. Als der Versuch, die nötige Summe auf einem neuen Gemüsefeld zu erwirtschaften, scheitert, verkauft Alberts Vater in seiner Existenznot das Pferd an das britische Militär. Der neue Eigentümer Captain Nicholls (Tom Hiddleston) verspricht dem untröstlichen Albert zwar, gut für Joey zu sorgen. Doch das ist eine Illusion angesichts des neuen Kriegs auf dem Kontinent.

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Spielberg-Film "Gefährten": Gäule im Gefühlskino-Galopp
So wird Nicholls' Kavallerieeinheit gleich bei ihrem ersten Angriff aufgerieben. In Folge wechselt Joey auf den europäischen Schlachtfeldern gleich mehrfach die Fronten und Besitzer und wird so stummer Zeuge verschiedenster Schicksale. Bei den deutschen Truppen begegnet er den Brüdern Gunther (David Kross) und Michael (Leonard Carow), die mit seiner Hilfe versuchen, dem Grauen zu entkommen. Später gelangt er in die liebevolle Obhut des französischen Mädchens Emilie (Celine Buckens), das an einer chronischen Knochenerkrankung leidet und mit seinem Großvater in einem entlegenen Landhaus lebt. Doch auch diese Idylle wird von der Kriegsmaschine eingeholt, und Joeys Odyssee führt zurück ins Gefecht. Derweil zieht der volljährige Albert auch in den Krieg und hofft gegen jede Wahrscheinlichkeit sein verschollenes Pferd wiederzufinden.

Auch wenn sich in der Nacherzählung bereits das immense Kitschpotential des Films erahnen lässt, so ist doch verblüffend - oder erschreckend -, wie konsequent "War Horse" dieses auch ausnutzt. Alle Menschen werden zwar nicht Brüder, aber doch zumindest Pferdenarren, sobald sie Joey begegnen. Fury, Black Beauty und Jolly Jumper wirken wie Laien gegen den tollen Hengst, der nicht nur Menschen den Lebenssinn zurückgibt, sondern auch Solidarität mit gepeinigten Artgenossen übt.

Spielbergs Verbeugung vor sich selbst

Das Märchenhafte in der Zeichnung des vierbeinigen Helden ist jedoch nicht das Problem, schließlich erwartet hier niemand die aufregende Ambivalenz, die Steven Spielberg in Filmen wie "Saving Private Ryan" ("Der Soldat James Ryan"), "A. I.", "Minority Report", "War of the Worlds" ("Krieg der Welten") oder "Munich" ("München") für sich entdeckte. In der Phase nach "Schindler's List" ("Schindlers Liste") wagte Spielberg, traumatische Momente und Bilder zu produzieren, die nicht im Zuge der Narration überwunden werden und daher oft das angefügte Happy End Lügen strafen.

In jüngster Zeit scheint er hingegen die Eindeutigkeit zu suchen, und die findet er in der Rückwärtsbewegung: Der müde, vierte "Indiana Jones" und das flottere, aber nicht minder nostalgische "Tim und Struppi"-Abenteuer sind vor allem Reminiszenzen des Regisseurs an die eigene Filmvergangenheit als Meister des hochemotionalen, euphorisierenden Spektakels.

Formal ist "War Horse" dabei nicht nur eine Verbeugung Spielbergs vor sich selbst, sondern auch die perfekte Restaurierung einer Technicolor-Ästhetik. Die Reitszenen erinnern etwa an John Fords farbsatten Kavalleriewestern "She Wore A Yellow Ribbon", und wenn Emily Watson vor blutrotem Himmel ihre Feldarbeit verrichtet, dann spiegelt sie Vivien Leigh in "Gone With The Wind" ("Vom Winder verweht").

Ohne Frage, im Jahr 1949 hätte "War Horse" sicher etliche Oscars gewonnen. Aber heute wirken die einfachen Antworten eines Films, der "Wendy, das Pferdemagazin" mit Weltkriegshorror vermählt, naiv, schlimmstenfalls verlogen. So ist es, wenn die Gäule im Gefühlskino-Galopp durchgehen: Da kann einem schnell übel werden.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
miauwww 14.02.2012
1. ghjk
Der US-Filmmarkt hat ihn geritten. Da kommt sowas immer gut an.
chmb 14.02.2012
2.
Spielberg ist genauso komisch geworden wie Lucas. Man schaue sich mal seine "tolle" SciFi Serie an, die so erbärmlich und nachgemacht wirkt, dass selbst ich als absoluter SciFi Fan, bei jeder Folge gestöhnt habe. Die besten Zeiten der guten alten Regisseure sind lange vorbei.
derarchivar 14.02.2012
3. ...
Zitat von miauwwwDer US-Filmmarkt hat ihn geritten. Da kommt sowas immer gut an.
Oha, USA bashing gleich im ersten Posting. Glückwunsch!
Stefnix 14.02.2012
4. Was ist denn daran USA bashing?
Zitat von derarchivarOha, USA bashing gleich im ersten Posting. Glückwunsch!
...sowas kommt jenseits des Atlantiks nunmal gut an und sorgt für volle Kassen...
h.hass 14.02.2012
5.
Der Trailer zu diesem Film lässt ja das Allerschlimmste vermuten... Seit Spielberg vor 30 Jahren dank "E.T." entdeckt hat, dass man mit schnulziger Sentimentalität jede Menge Geld verdienen kann, ist es mit seiner Karriere immer mehr bergab gegangen. Man erinnere sich nur an elende Machwerke wie "Die Farbe Lila" oder "Always" oder die vielen melodramatisch-pathetischen Elemente in anderen Filmen wie "Hook", "Amistad", "Private Ryan" oder auch "Schindlers Liste". Mit seiner neuen Pferdeoper hat sich Spielberg nun wohl endgültig ins künstlerische Aus geschossen. Wenn er so wie einst wenigstens noch brillantes Entertainment beherrschen würde, könnte man über seine Kitschopern hinwegsehen, aber der mißglückte vierte Indiana-Jones-Film hat uns da ja leider eines besseren belehrt. Wie schon über George Lucas, der die eigene Star-Wars-Saga komplett geschrottet hat, ist über Spielberg offensichtlich die Zeit hinweggegangen.
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