"Harry Potter"-Spin-off "Phantastische Tierwesen" Ein neuer Zauber

Düsterer, erwachsener, fast noch charmanter: Das Drehbuch für "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" kommt von J.K. Rowling. Es ist eine furiose Erweiterung des "Harry Potter"-Filmkosmos.

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Man muss es wohl als eine Art Recherchereise betrachten. Als Newt Scamander um 1920 herum zum ersten Mal amerikanischen Boden betritt, ist noch kein Wort seines Standardwerks "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" geschrieben. Später werden Generationen von Zauberschülern, darunter ein gewisser Harry Potter, daraus lernen. Aber Erfahrung mit Nifflern, Donnervögeln und Occamys hat Newt zu diesem Zeitpunkt bereits. Genauer gesagt: Er hat sie sogar mit dabei. In einem Koffer mit ziemlich losem Schloss hat der britische Magizoologe die ungewöhnlichen Kreaturen am Zoll vorbei nach New York geschmuggelt.

Jetzt dürfen nur nicht seine amerikanischen Zauberkollegen entdecken, was er mit sich schleppt: In den USA der Zwanzigerjahre leben Zauberer und Hexen nämlich heimlich unter No-Majs (amerikanisch für Muggles). Das Auftreten magischer Kreaturen, so ihre Befürchtung, würde sie verraten. Doch das lose Schloss an Newts Koffer tut sein Übriges, bald schon flitzt ein Niffler durch die Stadt, fällt Newt bei der Verfolgung des Nifflers einer Beamtin des Magischen Kongresses der Vereinigten Staaten (MACUSA) auf, wird von dieser verhaftet und sogleich der MACUSA-Präsidentin vorgeführt.

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"Phantastische Tierwesen": Fantastischer Filmspaß

Doch diese hat andere Dinge zu tun, als sich um Newts Maßregelung zu kümmern. Eine dunkle Macht in Form eines schwarzen Wirbelwinds fegt immer häufiger durch New York und hinterlässt eine Spur der Zerstörung. Wer dahinter steckt, ist MACUSA ein Rätsel. Aber er oder sie muss gestoppt werden - denn in der Stadt wächst die Bewegung der "Second Salemers", die zu einer zweiten Hexenjagd auf alle Menschen mit möglichen magischen Begabungen aufrufen.

Auch den leidenschaftlichsten "Harry Potter"-Fans dürfte nicht bekannt sein, was es mit der dunklen Macht auf sich hat und welche Rolle Newt Scamander und seine bald schon gefundenen neuen amerikanischen Freunde Tina, Queenie und Jacob bei deren Bekämpfung spielen: "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" ist der erste Film aus dem Potter-Universum, der auf keinem Roman von J.K. Rowling basiert. (Ein 2001 unter demselben Titel veröffentlichtes Buch ist das Nachschlagewerk, das Scamander in Rowlings Zauberwelt geschrieben hat.)

Allerdings hat Rowling das Drehbuch verfasst, David Yates, der bereits die vorigen vier "Potter"-Filme gedreht hat, ist als Regisseur dabei und Stuart Craig, der sämtliche "Potter"-Filme ausgestattet hat, ist für die Szenenbilder verantwortlich. Genug Kontinuitäten also, um befürchten zu lassen, dass "Phantastische Tierwesen" nur eine weitere Blockbuster-Variation in einer von Prequels, Sequels und Reboots kreativ ausgelaugten Filmindustrie ist. Doch dem ist zum Glück überhaupt nicht so: "Phantastische Tierwesen" ist vielmehr eine der originellsten und charmantesten Megaproduktionen des Jahres.

Härtere Sachen als Butterbier

Dass dies gelingt, liegt vor allem daran, dass Rowling überaus klug Versatzstücke aus der Potter-Welt ausgewählt und in ein anderes örtliches und zeitliches Setting eingebaut hat. Als Verfasserin ihrer eigenen Fan-Fiction hat Sam Kriss, der große Pöbler der britischen Linken, Rowling einmal bezeichnet. Er meinte damit, dass sie wie ein Fan ihr eigenes Werk überhöhe, indem sie politische Dimensionen in ihre Texte reinlese, die darin gar nicht angelegt seien. So habe Rowling zwar stolz verkündet, dass Hogwarts-Direktor Albus Dumbledore schwul sei. In den Büchern würde aber weder explizit gemacht noch angedeutet, dass Dumbledore Männer liebt. Rowlings Outing sei somit eine leere Geste, die nicht der Repräsentation von Homosexuellen diene, sondern nur ihr selbst.


"Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind"

Originaltitel "Fantastic Beasts and Where to Find Them"

USA/UK 2016

Regie: David Yates

Drehbuch: J.K. Rowling

Darsteller: Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Alison Sudol, Dan Fogler, Colin Farrell, Ezra Miller

Produktion: Heyday Films, Warner Bros.

Verleih: Warner Bros.

Länge: 133 Minuten

Start: 17. November 2016


Solche Vorwürfe lassen sich "Phantastische Tierwesen" nicht direkt machen. Aber den Film als eine Art Fan-Fiction zu verstehen, erschließt ihn doch ziemlich gut. In weiten Teilen nimmt er sich nämlich so aus, als hätte jemand, der mit den "Harry Potter"-Büchern groß geworden ist, sich ausgemalt, wie es wäre, wenn das magische Treiben eine Erwachsenenwelt ergreifen würde. Voilà: Statt in einem gemütlichen Internat, spielt der Film nun in einer quirligen Metropole, und die Hauptfiguren sind alt genug, um härtere Sachen als Butterbier zu trinken, mit ihrer Arbeit zu hadern und sich Sorgen um die Zukunft zu machen, da Demagogen immer mehr Zuspruch erfahren und die Gesellschaft zu spalten drohen. (Ganz ohne Pseudo-Politik geht es dann doch nicht.)

Doch diese Erwachsenenwelt ist gar nicht so trostlos, wie es zunächst klingen mag. Ausstattung und Special Effects sind, wie man es von den "Potter"-Filmen gewohnt ist, bezaubernd fantasievoll. Insbesondere die Tiere sind wunderbar animiert und sorgen für grandiose Kapriolen - allen voran der putzige Niffler, der in seiner Mischung aus Schnabeltier und Maulwurf bald schon ein beliebtes Merchandise werden dürfte.

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Premiere in London: J.K. Rowling zeigt ihren neuen Fantasy-Film

Am wichtigsten für das Gelingen von "Phantastische Tierwesen" sind aber dessen Darsteller, allen voran Oscargewinner Eddie Redmayne ("Die Entdeckung der Unendlichkeit"), der seinem spitzbübischen Charme freien Lauf lässt. Auch hier scheinen die Produzenten die "Potter"-Filme klug analysiert zu haben. Denn mögen auch die drei Kinderdarsteller Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint durch sie zu Stars geworden sein: Den größten Spaß hat es doch immer gemacht, wenn erwachsene Charakterdarsteller wie Emma Thompson oder Alan Rickman ihr Spiel genüsslich an den Rand des Chargentums getrieben haben.

Hier sind es neben Redmayne nun Katherine Waterston ("Inherent Vice") als insgeheim doch nicht so strenge MACUSA-Beamtin Tina, Alison Sudol als ihre Gedanken lesende Schwester Queenie sowie Dan Fogler als tollpatschiger No-Maj Jacob, die ein famoses Quartett ergeben, innerhalb dessen sogar romantische Potenziale bestehen.

Im Video: Der Trailer zu "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind"

Am Ende hat dann noch ein echter Hollywoodstar einen Kurzauftritt als bösester Zauberer nach Voldemort, womit die erzählerischen Weichen für die geplanten vier Fortsetzungen gestellt sind: Bis 2024 soll es alle zwei Jahre einen neuen Film geben. Während so eine Taktung in den Superheldenuniversen von Marvel und DC mittlerweile wie eine Drohung klingt, lässt es hier noch einmal hoffen. Wenn die Fortsetzungen so stark sind wie der Auftakt, hat die "Phantastische Tierwesen"-Reihe das Zeug zum Klassiker.

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