Philip-Roth-Verfilmung "Empörung" Das Schlachten der Lämmer

Ein Collegestudent kämpft mit den Tabus einer bigotten Welt: Regisseur James Schamus verfilmt "Empörung" als untypische Coming-of-Age-Geschichte.


Woran man sich erinnert, nachdem man "Empörung" von James Schamus gesehen hat: reine Gesichter. Als unschuldig könnte man sie auch bezeichnen, doch vor allem sind sie rein. Marcus Messner (Logan Lerman) blickt in das klare Gesicht von Olivia Hutton (Sarah Gadon), und eine Menge geht dabei vor sich.

Beide haben gerade mit dem Studium am christlichen Winesberg College in Ohio begonnen und kommen aus unterschiedlichen Milieus - Marcus entstammt einer jüdischen Metzgerfamilie aus Newark, Olivia ist eine Arzttochter. Bei ihrer ersten Verabredung beschenkt Olivia Marcus mit einem Blowjob, während sie in einem geliehenen Auto sitzen. Danach ist alles anders, denn damit hätte Marcus nun nicht gerade gerechnet: Von welch fernem Planeten ist Olivia Hutton auf die Erde gekommen?

Heimlichtuerei und Unwissenheit

Die Konfusion ist dem Zeitgeist geschuldet: "Empörung", der auf Philip Roths gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2008 basiert, spielt in den frühen Fünfzigerjahren. Biederkeit, Heimlichtuerei und Unwissenheit finden sich hier, man schämt sich und stellt Vermutungen an, erahnt Grenzen und kann doch niemanden befragen. Wer dennoch die Codes verletzt wie Olivia Hutton, dem wird schnell eine Gemütskrankheit unterstellt.

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Philip-Roth-Verfilmung "Empörung": Die DNA von Unschuld und Sünde

Roth zeigt in seinem Roman, welche Neurosen angesichts dieses Klimas blühen; der Regisseur schlägt sich derweil vor allem auf die Seite seiner jugendlichen Protagonisten. Im Zentrum: der strebsame Marcus, der zwar die rationalen Gedanken des Philosophen Bertrand Russell fehlerfrei wiedergeben kann, jedoch reichlich wenig von den Krisen seines Umfelds versteht.

Das ist dann auch die Hauptreibung, aus der "Empörung" seine Energie bezieht: Um Marcus herum geschieht die Welt, derer er sich am liebsten entziehen würde - und die wiederum nimmt auf diesen Wunsch keinerlei Rücksicht. Wie gern würde Marcus einfach die Tage in den Seminaren und Bibliotheken verbringen, doch stattdessen erkundigt sich ein besorgter Vater via Telefon ständig nach seinem Befinden, wird unter den Zimmergenossen gelitten (allen voran unter Poet Bertram Flusser, gespielt von Ben Rosenfield, der unglücklich in Marcus verliebt ist). Und auch der Leiter des Colleges (Tracy Letts sucht mehr als einmal das Gespräch mit dem jungen Herrn Messner. Obendrein droht auch noch die Einberufung in die Armee, sollte es Marcus Messner in Winesburg verbocken. In Korea wird nämlich Nachschub gebraucht.


"Empörung"

USA, China 2016
Drehbuch und Regie: James Schamus

Darsteller: Logan Lerman, Sarah Gadon, Tracy Letts, Ben Rosenfield, Melanie Blake Roth, Tijuana Ricks, Pico Alexander
Produktion: Likely Story, RT Features

Verleih: X-Verleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 110 Minuten
Start: 16. Februar 2017


Dieser Schlamassel orientiert sich in den wesentlichen Zügen an der Romanvorlage, obschon sich Schamus die Freiheit genommen hat, einzelne Figuren zusammenzuschreiben und auf bestimmte Szenen (die große Schneeballschlacht mitsamt Schlüpfersturm gegen Ende beispielsweise) zu verzichten. Anders ginge es nicht, möchte man aus einem Buch einen Film machen, sagt der Regisseur. In der Vergangenheit ist er vornehmlich als Produzent aufgetreten, unter anderem für Ang Lees "Tiger and Dragon", "Hulk" und "Brokeback Mountain". "Empörung" ist seine erste Regiearbeit, für die er außerdem das Drehbuch verfasste.

"Die DNA des Buches muss erhalten bleiben.", sagte Schamus im vergangenen Jahr auf der Berlinale, wo "Empörung" in einem Spezialprogramm lief. Von zwei Klippen bis zur Fertigstellung des Films berichtete er offenherzig: Philip Roth und der eigenen Unerfahrenheit als Regisseur. Zunächst zu Roth: "Bevor wir mit dem Drehen begannen, schickte ich ihm das Drehbuch, das halte ich für fair. Natürlich hatte ich Angst, dass er es hassen könnte, denn was dann? Doch er entschied sich, es nicht einmal zu lesen."

Im Video: Der Trailer zu "Empörung"

Schwieriger gestaltete sich die Premiere als Regisseur: "Am Anfang habe ich mich nicht wohlgefühlt. Ich wusste, dass ich eine besondere Vertrauensbeziehung zwischen mir und den Schauspielern herstellen muss. Also war ich einfach ehrlich mit ihnen. Ich musste riskieren, dass sie mir beim Versagen zusehen. Und das ist wirklich heikel, denn wenn die Schauspieler das Vertrauen in den Regisseur verlieren, ist der Film vorbei. Das passiert häufiger, als man denkt."

Ein derartiger Bruch ist in "Empörung" nicht zu erkennen, ganz im Gegenteil: Die reinen Gesichter sind auch hierfür ein Indiz, denn die Geschichte erfordert ein hohes Maß an emotionaler Nacktheit. Marcus Messner ist ein Lamm, das plötzlich mit der Wirklichkeit konfrontiert wird. Und Olivia ist eines, das diese Begegnung bereits hinter sich hat. Beider Geschichte verläuft tragisch, auch wenn Roth und Schamus das Aufeinandertreffen als irritierende Rettungsmöglichkeit inszenieren, in welche allerdings selbst schon wieder eine Fallgrube eingebaut ist. "Wir sollten beide nicht hier sein", schreibt Olivia Marcus einmal in einem Brief, in dem sie sie nach Paris fantasiert, in ein schäbiges Dachzimmer. Ein unschuldiger Wunsch, wie sie während des ganzen Films immer wieder vorgetragen werden.

Dummerweise ergeben unschuldige Wünsche kein unschuldiges Geschehen, besonders dann nicht, wenn ihnen nachgegeben wird. Schamus erkennt in dieser Anordnung eine Roth-typische Ehrlichkeit, die "von der Brutalität eines Messers" ist, aber genauso "Wolken der Verletzlichkeit" einschließt. Dass diese Gratwanderung filmisch übertragen nicht immer gut ausgeht, zeigte zuletzt Ewan McGregor, der sich an Roths "Amerikanischem Idyll" versuchte - und scheiterte. Schamus scheitert nicht.

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