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25. September 2016, 09:03 Uhr

Regisseur Philip Scheffner über Roma-Doku

Ab hier übernimmt Colorados Clan

Ein Interview von

Roma-Familien, die sich selbst filmen, ein Flüchtlingsboot in Zeitlupe: Mit "And-Ek Ghes..." und "Havarie" hat Philip Scheffner zwei außergewöhnliche Dokumentarfilme gedreht. Hier erklärt er seinen radikalen Ansatz.

Mit gleich zwei Dokumentarfilmen hat Philip Scheffner auf der diesjährigen Berlinale vorgeführt, wie man klischierte Darstellungen von Flucht und Migration unterlaufen kann. In "And-Ek Ghes...", der diesen Donnerstag in die Kinos kommt, porträtieren sich drei Roma-Familien selbst, ein Familienvater fungiert als Co-Regisseur. In "Havarie" (Kinostart 2017) dehnt Scheffner ein dreiminütiges Handyvideo von einem Flüchtlingsboot auf Spielfilmlänge aus und erzählt die Geschichte dazu allein auf der Tonspur.

SPIEGEL ONLINE: Herr Scheffner, wie groß ist Ihr Misstrauen gegenüber Film und Kino?

Scheffner: Sehr groß.

SPIEGEL ONLINE: Woraus speist sich das?

Scheffner: Ich hab ein Misstrauen gegenüber Bildern, egal ob bewegt oder nicht. Vor allem aber gegenüber Bildern, für deren Herstellung ich verantwortlich bin.

SPIEGEL ONLINE: Wer die Bilder macht, beherrscht?

Scheffner: Beherrschen ist schon zu viel gesagt. Eher tappt man in die gleiche Falle, wird beherrscht, läuft blind hinterher oder setzt den Status quo unhinterfragt um. Das Befragen der Bilder ist für mich auch ein Instrument, um mich meiner eigenen Position zu vergewissern. Das ist also keine Bürde. Es ist ein Erkenntnisinstrument in alle Richtungen.

SPIEGEL ONLINE: In "And-Ek Ghes ..." filmen die Roma-Familien sich selbst. Ist das politisch gesehen eine Ermächtigung?

Scheffner: Eher eine Aneignung. Bei Ermächtigung frage ich mich immer: "Wer ermächtigt wen?" Ich bin nicht derjenige, der sie ermächtigt. Die brauchen mich nicht dafür. Höchstens strukturell. Wenn sie einen Film gemacht hätten, weiß ich nicht, ob er auf der Berlinale gelaufen wäre. In jedem Fall haben sie genug Netzwerke, in denen sie für sie relevante Öffentlichkeiten erreichen, zum Beispiel über Facebook. Sie brauchen mich auch nicht für den Impuls, einen Film zu machen. Insofern würde ich weit von mir weisen, was auch zum Teil in Zeitungen stand: "Der Regisseur gibt die Kamera Colorado Velcu [Protagonist und Co-Regisseur des Films]". Das wäre so eine richtige Fuck-Geste.

SPIEGEL ONLINE: Weil das so paternalistisch klingt.

Scheffner: Ja, natürlich. "Ich geb dir die Kamera, und jetzt darfst du mal deinen eigenen Film machen." Die Reaktion von Colorado hätte ich sehen wollen, wenn das so gelaufen wäre. Es ist völlig selbstverständlich, dass er das selber macht. Der muss niemand fragen. Das ist genau der Punkt. Die Arbeit an dem Film ermöglicht es, uns auf Augenhöhe zu treffen. Da versuchen wir gemeinsam etwas auszuhandeln, was dann am Schluss ein Film ist. Der Film ist sehr prozessual entstanden, er war nicht geplant.

SPIEGEL ONLINE: Deswegen auch die vielen verschiedenen Bildertypen?

Scheffner: Genau, es war nicht nur unsere Kamera. Das erzählt der Film ja selbst mit: Entstanden ist er, weil wir eine kleine Kamera ohne große Hintergedanken als Geschenk der ältesten Tochter von Colorado gegeben haben und dann begeistert waren von dem, was sie gefilmt hat - und zwar nicht nur sie, sondern die ganze Familie inklusive Colorado. Ab dann war eigentlich klar, dass es ein offenes Konzept ist.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in "And-Ek Ghes ..." eine große Inszenierungs- und Spiellust. Der Film endet in einer Art Bollywood-Clip. (Im Video oben zu sehen)

Scheffner: Das ist auch ein Widerstand gegenüber bestehenden Bildpolitiken. Am Ende wurde es immer mehr zum Spielfilm. Es geht hier wirklich überhaupt nicht um Authentizität. Das war allen bewusst und auch der Spaß daran.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl es Marker für Authentizität durchaus gibt.

Scheffner: Wo denn?

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen, dass das Material improvisiert ist: zum Beispiel durch Scharfstellungen oder wenn die Kamera zurechtgerückt wird.

Scheffner: In dem Sinne schon authentisch. Aber nicht in dem, was dann als Szene gezeigt wird. Es gibt eine große Gefahr, gerade in einem Film, der wirklich zufälligerweise eine Roma-Familie als Sujet hat, dass dann alle möglichen Authentizitätsbegriffe abgerufen werden: So ist die Roma-Familie an sich. Genau das ist das Problem, dass es unheimlich schwierig ist, eine Familie als Familie zu sehen und erst in zweiter Linie als Roma-Familie. Das ist das, was der Film versucht.

SPIEGEL ONLINE: Also kein Repräsentationscharakter.

Scheffner: Nein. Aber man weiß ja, dass diese Falle sich überall öffnet: Folklore, Bildpolitik, Rassismus. Man steht in einem Kontext von 50.000 anderen Filmen und Bildern über diese Community. Dem schlägt der Film auf sehr anarchische Weise ein Schnippchen. Wie ein Vater sich als Familienvater darstellen möchte, finde ich politisch wesentlich brisanter und stärker, als irgendwie zu versuchen zu zeigen, wie die Familie denn tatsächlich funktioniert. Diesen Zweifel zu lassen: Machen die das jetzt extra für die Kamera? Dass sich Colorado und die Familie das herausnehmen, finde ich unheimlich befreiend.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis der Roma-Familien zu Institutionen und Behörden kommt immer wieder in Hinweisen nebenbei vor, bleibt aber tendenziell eine Leerstelle.

Scheffner: Es war ein echter Aha-Moment für mich: Mit dem klassischen wohlmeinenden Dokumentarfilmblick denkt man, die haben sicher ganz viele Probleme mit der deutschen Bürokratie, weil man ja selber viele Probleme mit ihr hat. Und natürlich ist das auch so. Colorado würde aber nie auf die Idee kommen, im Jobcenter eine Kamera anzumachen. Das Beharren darauf, dass die Familie bestimmte Bilder bekommt, das hat für mich einen politischen Gestus. Das kulminiert dann im Musikvideo: Das sind Bilder, die man mit Berlin verbindet, aber nicht unbedingt mit einer Roma-Familie. Warum gibt es keine Bilder von Roma-Familien, wie sie sich vorm Brandenburger Tor fotografieren? Sie machen das alle! Da haben wir entschieden, ganz bewusst nach der Formel von Bollywood eine Wiederaneignung von Berlin zu vollziehen und diesen Bildern die gleiche Bedeutung zu geben wie anderen.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben in "And-Ek Ghes..." der Subjektivität einen Raum. Bei "Havarie" hat man zunächst den Eindruck, dass die Perspektive sehr distanziert ist. Das liegt an der Entscheidung, auf der Bildebene nur ein Video zu verwenden, das aus der Ferne ein Flüchtlingsboot zeigt, ein auf die gesamte Filmdauer gestreckter, im Original 3 Minuten 36 Sekunden langer Clip. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Scheffner: Im Gegensatz zu "And-Ek Ghes ..." war "Havarie" ein richtig geförderter Film. Wir hatten ein Budget, Kameramenschen, Tonmenschen; wir haben mehrere Jahre daran gearbeitet und an 30 Drehtagen in Algerien und Orten in Europa gefilmt.

SPIEGEL ONLINE: Das, was wir jetzt auf der Tonspur erleben, die verschiedenen Perspektiven von Menschen, die größtenteils direkt mit dieser konkreten Fluchtgeschichte verbunden sind, gab es als Filmaufnahmen?

Scheffner: Genau, wir haben von allen, die man hört - und einigen mehr - Bildmaterial gedreht. Nicht nur Interviews, sondern auch Gespräche, Situationen, ihren Alltag.

SPIEGEL ONLINE: Und nach dem Dreh war alles anders?

Scheffner: Als wir uns an den Schnitt gesetzt haben, war die mediale Berichterstattung über Flüchtlingsboote im Mittelmeer gerade auf dem Höhepunkt. Wir haben diesen Film geschnitten und virtuell die ganze Zeit andere Boote gesehen, im Internet oder im Fernseher. Die Leute sind auch vorher aufgrund der europäischen Migrationspolitik gestorben. Aber die mediale Präsenz gerade auch dieses ikonografischen Bildes von dem Schlauchboot im blauen Meer, das sofort alle möglichen Assoziationen auslöst, hat uns zu dem Zeitpunkt überrollt. Wir hatten das Gefühl, wir müssen uns dazu verhalten. Wir schaffen es nicht mit den Mitteln, die wir haben, die Konzentration auf das konkrete Ereignis herzustellen, so wie wir das ursprünglich wollten. Es sollte in ein Flirren geraten, an dem man aber sehr nahe dran bleibt. Dann haben wir entschlossen, uns auf den Ton zu konzentrieren und das eine Bild, das für uns der Auslöser war, auf die 90 Minuten zu strecken.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Effekt?

Scheffner: Es nicht als eines von vielen Bildern abzutun, sondern gezwungen zu sein, es genau anzuschauen. Als wir dann Teile des Schnitts, den wir vorher schon gemacht hatten, benutzt haben, Segmente im Ton eingesetzt haben, haben wir gemerkt, dass Dinge auf einmal totalen Sinn machten. Ein Beispiel sind die immer wieder auftauchenden Uhren, die man hört. Sehr viele Menschen, die man in ihrem privaten Ambiente trifft, haben an der Wand eine Uhr hängen, die tickt. Das war total präsent, schon als wir gefilmt haben. Was hört man von einer Uhr: Klar, den Sekundenzeiger. Und als wir dann diese 3 Minuten 36 Sekunden auf 90 Minuten gedehnt haben, kamen wir ungefähr auf ein Bild pro Sekunde. Die ganze Zeit läuft die Zeit ab. So fügte sich auf einmal zusammen, was vorher sehr disparat war.

SPIEGEL ONLINE: Im gestreckten Clip haben Sie nicht geschnitten?

Scheffner: Nein. Das ist alles, was es gibt von dieser einen Einstellung. Die Aufnahme ist sehr besonders, weil man immer dazwischen ist, etwas zu erkennen und dann wieder nichts zu erkennen. Diese Qualität haben die anderen Bilder nicht. Im Nachhinein ist es wirklich irre zu sehen: Wir sind mit "Havarie" viele Umwege gegangen und haben auch einige drastische Entscheidungen gefällt, aber was dabei rausgekommen ist, ist genau das, was wir eigentlich wollten.

Im Video: Der Trailer zu "And-Ek Ghes..."

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