Holocaust-Film von Christian Petzold Auf High Heels aus dem KZ

Begehren und Betrug, Massenmord und Massenmanipulation: Christian Petzold erzählt in seinem Film "Phoenix" mit den Mitteln von Melodram und Film noir über den Holocaust. Nun feiert der provokante, furiose Film in Toronto Uraufführung.

Piffl/ Schrammfilm

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Die Rückkehr aus dem KZ wird zum modischen Triumph: Als Nelly (Nina Hoss) aus dem Zug steigt, trägt sie ihre hochhackigen Schuhe aus Paris, ein elegantes Kleid und signalfreudigen Lippenstift. Die alten Freunde, Nazi-Mitläufer dazwischen und Verräter, sind begeistert. Unsere Nelly, eine blendende Erscheinung wie vor dem Krieg.

Aber war da nicht was mit Auschwitz?

In Deutschland wurde ja viele Jahrzehnte darüber diskutiert, wie und ob überhaupt man den Genozid im Film darstellen darf. Ob man das Unvorstellbare in den Lagern fiktionalisieren, ob man das Unzeigbare vor den Öfen von Auschwitz als Setting für einen Spielfilm nutzen darf. Ist inzwischen alles geschehen. Als umso größere Provokation wirkt deshalb Christian Petzolds neuer Film "Phoenix", der am Freitag auf dem Filmfestival von Toronto uraufgeführt wird. Authentifizierungsbilder des Grauens sucht man hier vergebens: Der Holocaust wird mit den Mitteln des Melodrams und des Film noir in die unmittelbare Nachkriegszeit gehoben, er ist Hintergrund für eine Geschichte um Begehren und Betrug, um Verführung und Manipulation.

Denn die Jüdin Nelly kommt in ihrem filmreifen Outfit selbstverständlich nicht direkt aus dem Vernichtungslager. Schon ein paar Monate früher, im Juni 1945, hat eine Freundin (Nina Kunzendorf), die bei der Jewish Agency arbeitet, sie nach Berlin zurückgebracht. Ihr Kopf war da noch vollständig in Verband gehüllt; die Stadt in Trümmern, Nellys Gesicht entstellt. Ein Chirurg rekonstruiert ihre alte Schönheit - die vor den elenden Schuttbergen von Berlin doch maskenhaft bleiben muss.

Aus dem Reich der Toten

So erkennt sie nicht einmal ihr nichtjüdischer Mann Johnny (Ronald Zehrfeld) wieder. Er hält sie vielmehr, als er sie in einer Bar wiedertrifft, für eine Person, die seiner totgeglaubten Ehefrau zufällig ähnlich sieht. Johnny hat Nelly einst möglichwerweise an die Nazis verraten, jetzt fasst er einen verwegenen Plan: Die vermeintliche Doppelgängerin soll seine Frau spielen, um so an deren Erbe heranzukommen, das dann zwischen beiden aufgeteilt werden soll. Er organisiert für Nelly die triumphale Rückkehr mit dem Zug. Und sie spielt in dem Glauben mit, in der kranken Maskerade ihr zerstörtes Selbst rekonstruieren zu können.

Auch wenn Nelly selbst erhebliche Zweifel hat: Wer soll denn ernsthaft glauben, dass eine Überlebende aus dem KZ wie ein Filmstar in die Stadt zurückkäme? "Doch", sagt Johnny, "sonst schaut dich niemand an."

Neben vielen anderen klassischen Hollywood-Werken zwischen Noir und Melo sind es zwei, die in "Phoenix" besonders ihre Spuren hinterlassen haben: Delmer Daves' Rachekrimi "Dark Passage" ("Die schwarze Natter") von 1947, in dem der Held wie die Heldin in "Phoenix" mit bandagiertem Kopf in die Handlung eingeführt wird - um nach einer Operation mit dem neuen Gesicht von Humphrey Bogart mit alten Widersachern aufzuräumen. Und noch stärker Alfred Hitchcocks Fetisch-Thriller "Vertigo - aus dem Reich der Toten" von 1958, in dem ein Mann eine Frau nach dem Ebenbild seiner totgeglaubten Geliebten zu schminken und zu kleiden versucht - bis er erkennt, dass es sich bei der Neuen um die Alte handelt.

In der zentralen Szene von "Phoenix" modelliert denn auch Johnny seine Nelly so detailversessen und mit wahnhaftem Blick wie einst James Stewart seine Filmpartnerin Kim Novak in "Vertigo" zurecht. Er baut sich seine neue Realität einer alten, längst nicht mehr vorhandenen nach.

Unlängst wurde "Vertigo" vom einflussreichen britischen Cineasten-Magazin "Sight & Sound" zum "besten Film aller Zeiten" gewählt. Tatsächlich bildet das Hitchcock-Werk über Illusionismus und Selbstmanipulation sowas wie die Quintessenz des Kinos überhaupt: Wenn Stewart in das verheißungsvoll schimmernde Gesicht der nach seinen Vorstellungen geformten Novak schaut, scheint möglich, dass Tote tatsächlich auferstehen könnten.

Das schönste Werk der Filmgeschichte wird auf diese Weise zum Taktgeber für ein Werk über das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Geht das? Ja. Durch ihre gewagten Referenzen beleuchten Regisseur Petzold und sein langjähriger dramaturgischer Berater, der nun vor der Uraufführung in Kanada verstorbene Dokumentar- und Experimentalfilmer Harun Farocki , die Stunde Null auf eine im Kino so noch nicht gesehene Weise: als Moment des kunstvoll gekitteten Bruchs, der fortgesetzten Verblendung und des rauschhaften Selbstbetrugs.

In Venedig feierte gerade Fatih Akins "The Cut" Premiere, in dem der Völkermord an den Armeniern als Western erzählt wird; Petzold bereitet die Nachwirkungen des Genozid an den Juden nun in "Phoenix" als aufwühlendes und doch hoch präzises Krimi-Melodram auf. So wird das klassische Genrekino zur Möglichkeit, die Grenzen des starren deutschen Geschichtskinos zu weiten. Endlich.

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Hexaemeron 05.09.2014
1. Neues Gesicht
Da ich den Film noch nicht gesehen habe, kann ich zu selbigem insgesamt nicht wirklich etwas sagen, ich vermute er ist gut und ich werde ihn sehen wollen. Und es ist nur ein Film und keine Realität. Trotzdem frage ich mich, ob eine bloße Gesichtsoperation einen Menschen so verändern kann, daß er nicht mehr zu erkennen ist. Ich glaube das nicht. Es ist nicht nur das Gesicht, auch die Stimme, die Bewegung, die Augen und der ganze Rest, die einen Menschen unverwechselbar machen. Zumindest ein enger Freund oder gar Ehemann sollte sich nicht täuschen lassen. Manchmal stört mich so ein Bruch mit den reellen Möglichkeiten, sofern der Film ansonsten einen Anspruch auf eine mögliche Realität zu haben scheint. Ich bin aber gespannt, wie das alles beim Ansehen auf mich wirkt.
Weltfinanzexperte 05.09.2014
2. @hexaemeron: Natürlich geht das
@hexaemeron: Wie das im Detail funktioniert, kann man in der Dokumentation "Face/Off" sehen. Körperbau, Stimme... selbst einzelne Narben sind kein Problem.
Charlie Whiting 08.09.2014
3. Naja
Zitat von HexaemeronDa ich den Film noch nicht gesehen habe, kann ich zu selbigem insgesamt nicht wirklich etwas sagen, ich vermute er ist gut und ich werde ihn sehen wollen. Und es ist nur ein Film und keine Realität. Trotzdem frage ich mich, ob eine bloße Gesichtsoperation einen Menschen so verändern kann, daß er nicht mehr zu erkennen ist. Ich glaube das nicht. Es ist nicht nur das Gesicht, auch die Stimme, die Bewegung, die Augen und der ganze Rest, die einen Menschen unverwechselbar machen. Zumindest ein enger Freund oder gar Ehemann sollte sich nicht täuschen lassen. Manchmal stört mich so ein Bruch mit den reellen Möglichkeiten, sofern der Film ansonsten einen Anspruch auf eine mögliche Realität zu haben scheint. Ich bin aber gespannt, wie das alles beim Ansehen auf mich wirkt.
Vor allem: Wenn jemand aus einem KZ kommt IST er/sie definitiv ein anderer Mensch. Das andere hat mit der Erwartungshaltung zu tun. Wenn mir mal Madonna über den Weg laufen würde, würde ich ja auch nicht denken : Toll, Madonna, sondern: oh, die sieht ja ein bißchen aus wie die. Und wenn jemand 100 %ig überzeugt ist, dass seine Frau tot ist wird es nicht anders sein. Da gibts ja die Geschichte von Michael Mittermaier der dann als Identitätsbeweis seinen Perso gezeigt hat. Reaktion: Der sieht ja nicht nur so aus wie der, der heißt auch noch genauso....
Heinrich Müller 15.10.2014
4. Interessantes Interview
Ein Sehr interessantes Interview zu von Christian Petzold zum Film gibt es auf: http://www.epd-film.de/meldungen/2014/die-historie-muss-ein-geheimnis-bleiben
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