Von Andreas Banaski
Zwischen Vater und Sohn knirscht es. Witwer Tom Avery (Martin Sheen) ist erfolgreicher Augenarzt in Kalifornien, Sohn Daniel (Emilio Estevez, hier auch als Regisseur aktiv) soll ihm nacheifern. Doch der rastlose Junior steigt aus. Früher lief so was noch zünftig ab, mit Narkotika und in dubiosen asiatischen Schamanenhöhlen, heute jedoch geht Selbsterfahrung erbaulicher und keimfreier. Daniel begibt sich in die Pyrenäen, um auf dem historischen, mittlerweile touristisch erschlossenen Jakobsweg 800 Kilometer nach Galizien zu pilgern. Tom ist angefressen. Und wird geschockt, als er beim Golfen mit anderen Besserverdienern die Nachricht vom Tod des Sohnes erhält.
Vor Ort in Europa überkommt Tom die Schuld- und Sinnkrise: Um dem bei einem Unwetter verstorbenen Stammhalter die letzte Ehre zu erweisen, will er dessen Weg weitergehen und die Leichenasche entlang des Pilgerpfades verstreuen. Mit sich, seinem Unverständnis und seiner Gram am liebsten allein, stiefelt er los, kann dann aber auch durch unkommunikatives Muffeln einige seltsame Vögel nicht abschrecken, sich ihm anzuschließen: Ein redseliger holländischer Kiffer (Yorick van Wageningen) möchte sich Gewicht abtrainieren, um attraktiver zu wirken; eine Kanadierin (Deborah Kara Unger) will sich das Rauchen abgewöhnen, in Wahrheit aber ein Trauma verarbeiten; und ein irischer Schriftsteller (James Nesbitt) mit Schreibblockade sucht Inspiration. Am Ende erreichen alle nach gruppendynamischen Querelen ihr Ziel, was von den Behörden auch per Stempel in den Pilgerausweis bestätigt wird.
Entspannungstherapie mit Gefühlsmusik
Ist ein Film wie "Dein Weg" überhaupt für Atheisten erträglich? Oder für Hasser des modisch-salbungsvollen Hangs der Bildungsbürger zum Spirituellen? Oder für Eltern, die von keinem Erziehungskonflikt geplagt sind? Es fällt schwer, aber es geht. Um eine religiöse Erfahrung handelt es sich hier nämlich nur oberflächlich. Das Pilger-Sightseeing gehört eher in den Wellness-Bereich, passend zur Entspannungstherapie lullt Babyboomer-Gefühlsmusik ein. Und immer, wenn's zu vergeistigt oder problembeladen wird, dreht der Holländer einen Joint. Easy. Nur die Selbstfindung des Vaters, der am Anfang als Grantler eigentlich sympathischer wirkt als am Ende als geläuterter Kumpeltyp, strengt an.
Und entsprechend beseelt spielt er auch, das können selbst Ungläubige anerkennen. Als religiöse Erbauung möchte Emilio Estevez sein "lebensbejahendes" Anliegen ohnehin nicht abstempeln, das würde ja geschäftsschädigend die Zielgruppe eingrenzen. Guten Willen und honorige Motive wie "Gemeinschaftsgefühl" und "Menschlichkeit" mag man Vater und Sohn also bescheinigen. Dennoch bleibt "Dein Weg" ein luftig inszenierter Problemfilm für Leute ohne richtige Probleme.
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